16. Februar 2007

Arbeiten am virtuellen Image Lettlands

Lettland hat eine neue Imagekampagne. Noch nichts davon gehört? Nun gut, die Reklameclips erscheinen nur bei CNN und TV5, und es werden Plakate in der Londoner U-bahn sein. Also nichts Deutschsprachiges vorläufig - leider. Und beinahe hätte es auch die Lettinnen und Letten selbst gar nicht bemerkt - wenn da nicht eine Internetseite wäre. "Sie werden es nicht glauben, bis Sie es sehen" - genau das ist auch das Motto dieser Kamapgne.Und schon ist in Lettland selbst eine Debatte ausbrochen, um die vorgezeigten Themen und Motive denn dem gewünschten Außenbild von "Maija & Janis Musterlette" entspricht. "Es sollten doch die Dinge gezeigt werden, auf die wir selbst stolz sind," so Erna Bērziņa aus dem Bezirk Cēsis, befragt für die "Latvijas Avize" (Ausgabe 16.2.2007), und denkt dabei ganz praktisch: "das Freilichtmuseum, das Sängerfest und das Freiheitsdenkmal sollten gezeigt werden, damit die Auländer auch wissen, dass sie da nicht dranpissen sollen!"

Tatsächlich hatte es
schon Fälle gegeben, wo ausländische Gruppen in der Rigaer Altstadt randaliert hatten und verschiedenes zu Bruch ging. Anzeichen dafür, dass zumindest die lettische Hauptstadt keinesfalls unter Gästemangel leidet. Wer aber die Äußerungen der Befragten in der lettischen Presse weiterliest, wird mit verschiedenen Wunschzetteln konfrontiert: "Mit den weltbekannten Menschen aus unserem Land sollten wir werben," sagt Zigurds Mežavilks aus dem kleinen Ort Svitene, "wo bleibt denn zum Beispiel Gidon Kremer, oder die Schwestern Skride? Oder die Wälder Lettland, die sind doch unser ganzer Stolz!"
Was Vorstellungen und Wünsche angeht, so besteht Lettland offensichtlich aus Unterschieden.

Was tatsächlich auf den lettischen Internetseiten gezeigt wird - auch für Lettland-Kenner eher ungewöhnlich. Fliegende Menschen gibt es da und blaue Kühe. Vielleicht ist der kaum wahr
nehmbare Unterschied zwischen Mythos, Märchen und gewagter Moderne gemeint? Ach ja - Deutsche sind als Zielgruppe offensichtlich erstmal uninteressant, die Webseite bietet Englisch, Französisch und .... Lettisch. Zum Aufbau des Selbstverständnisses?

Erstaunlich aber, dass außer dem erwähnten Zeitungsbeitrag sich auch eine bisher ungeahnte lettische Bloggerwelt auftut - die auch die lettischen Reklameclips bereits registriert hat. Unter der schönen Bezeichnung "patiesi" ("wahrhaftig") finden sich hier auch schon satirische Betrachtungen über die zur Werbung für Lettland auserkorenen Objekte. "Kuh verrät: blau sein ist nicht normal" - so die eifrigen Blogger über die leicht graublaue kurländische Kuhrasse, die jetzt werbetechnisch für Lettland eingesetzt wird. Hier wird die Kuh
"Bārta" aus Nīca (ein Ort in Kurland) zitiert, die angeblich gesagt habe: "Wir braunen Kühe werden immer mehr herabgesetzt. Oder ist es etwa falsch, dass auf dem seit Jahrzehnten hergestellten Konfekt 'Gotina' eine braue Kuh dargestellt ist? Aber uns hat man komplett vergessen!" Und als weitere Zeugin stimmt Kuh Ledene zu: "Ich werde jedem einen dicken Strahl Milch ins Gesicht spritzen, der behauptet, blau zu sein sei normal in Lettland!"

Link: Sie werden es nicht glauben ...

Link: lettischer Satireblogger "patiesi"

5. Februar 2007

Riga - der Chefsessel wankt ...

Den politischen Parteien in Lettland wird alles mögliche nachgesagt: Offenheit und Transparenz gehört meist nicht dazu. Ständig ist von neuen Tricks die Rede, mit denen möglichst viel Geld auf die Wahlkampfmaschinen gelenkt werden kann, Politiker wechseln ihre Parteizugehörigkeit wie die Hemden, und auch bestehende Koalitionen intrigieren gerne gegeneinander. Da keine Wahlen im Jahr 2007 anstehen, und die Parlamentswahlen 2006 eine Wiederwahl des bisherigen Regierungschefs brachte, sagten einige schon ein langweiliges politisches Jahr voraus.

Nun deutet sich das an, was schon nach Bildung der neuen lettischen Regierung geahnt hatten: der Stuhl des Bürgermeisters von Riga wackelt. Tautas Partija (Volkspartei - TP), Tevzemei un brivibai ("für Vaterland und Freiheit" - TB), Pirma Partija ("erste Partei", Listenvereinigung zusammen mit "Lettischer Weg" - LPP) und "Zalo un Zemnieku Savieniba" (Listenvereinigung aus "Grüner Partei" und "Lettischer Bauernpartei" - ZZS) haben die Macht im Staate unter sich aufgeteilt, und "Jaunais Laiks" ("Neue Zeit" - JL) trotz gleichfalls konservativer Ausrichtung wie ein fünftes Rad am Wagen draußen gelassen. Da paßt es nicht ins Bild, dass Bürgermeister Aivars Aksenoks eben dieser JL angehört, und somit in keine Koalitionsabsprachen der gegenwärtigen lettischen Regierung einzubinden ist.

Vielleicht war die kalte Schulter, mit der die JL die Regierungspläne zum Neubau eines Konzertsaals in Riga in der ersten Lesung im Stadtrat hatte abblitzen lassen, der letzte Auslöser. Seit über eine Woche jedenfalls suchen die konservativen Parteien im Stadtrat Rigas neue Mehrheiten. "Stuhl des Bürgermeisters erstmals ernsthaft bedroht", meldete DIENA am 1.Februar. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich auch Jānis Dinevičs, Fraktionschef der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (4 Sitze im Stadtrat) der Presse gegenüber als Unterstützer einer Veränderung beim Bürgermeisterposten gezeigt. Doch ohne die JL, wenn der bisherige strikte Grundsatz eingehalten wird, nicht mit den links gerichteten Parteien zusammenzuarbeiten, bleiben den "veränderungswilligen" Abgeordneten dennoch nur 26 von 60 Stimmen im Stadtrat. Dennoch verschärfen sich die Presseschlagzeilen: "Die Regierungszeit der JL im Stadtrat nähert sich dem Ende", hieß es schon am 3.Februar (TVNET). Nun distanzieren sich bereits alle drei Vice-Bürgermeister von Aksenoks und der JL: "zu viele Individualisten" und "Starrköpfigkeit" macht Janis Birks von der Vaterlandspartei in der JL aus, trotz vieler programmatischer Gemeinsamkeiten. Erstaunliches gibt Ivars Gatars, Fraktionschef der JL, vor der Presse bekannt: seine Partei könne auch mit einem anderen Bürgermeister weiterregieren (LETA. DIENA 2.2.). Offensichtlich hat die Verteilung des "Fells des Bären" auch in der eigenen Partei schon angefangen.

Am 5.Februar wird dann zunächst bekannt, dass die notwendigen 20 Stimmen für die Einberufung einer Sondersitzung des Stadtrats erreicht seien. Weiterhin geben die vier Parteien TP, TB, LPP und ZZS bekannt, sich auf Janis Birks (TB) als neuen Bürgermeister geeinigt zu haben, und dafür auch die Unterstützung der Sozialdemokraten von der LSDSP zu haben. Bis auf die Kandidatenfrage bedeutet das jedoch zunächst nichts Neues, denn weiterhin sind damit nur 26 von 60 Stimmen in der entscheidenden Abstimmung sicher.
Ein Lehrstück lettischer Politik? Oder Konzentrationsbestrebungen in der sonst so zersplitterten lettischen Parteienlandschaft? Am 6.Februar schließlich gab Bürgermeister Aksenoks, der vor seiner Amtszeit als Bürgermeister im Amt für Straßensicherheit, und kurzzeitig auch schon einmal lettischer Justizminister war, eine Pressekonferenz. Er erklärte, auf keinen Fall von sich aus zurücktreten zu wollen (LETA, TVNET, NRA, Delfi). Ausserdem behauptete er, einige seiner Parteikollegen der JL seien einem "gewaltigen Druck von außen" ausgesetzt - ohne aber Namen und angebliche Verursacher zu nennen.

Derweil geschieht weiter erstaunliches: die vier Parteien, die sich einig sind die Abwahl des Bürgermeisters einzureichen, tun nicht nur dieses, sondern unterzeichnen auch schon ein Koalitionsabkommen. Die Sondersitzung des Stadtrats muss innerhalb zwei Wochen nach Einreichung des Abwahlantrags stattfinden. Inzwischen haben sich angeblich 27 Abgeordnete diesem Abkommen angeschlossen - und die "Verschwörer" sind sich sicher, bei der Abstimmung einige Vertreter der Jaunais Laiks (also der Partei des Bürgermeisters) auf ihrer Seite zu haben.

Was bleibt weiter zu kommentieren? Fortsetzung folgt - "in diesem Theater". Laut Umfrage des lettischen Radios halten übrigens die meisten Einwohner die gewaltigen Verkehrsprobleme der Stadt mit den täglichen Staus für das gegenwärtig größte Problem. Wer da Bürgermeister ist, sei weniger wichtig - denn weder von dem gegenwärtigen Amtsinhaber noch von einem möglichen Nachfolger werden positive schnelle Lösungen erwartet.

1. Februar 2007

Erstes Urteil gegen lettische Rassisten

In Lettland sind in dieser Woche zwei junge Männer wegen einem rassistisch motiviertem Überfall zu einer Gefängnisstrafe von sechs bzw. acht Monaten verurteilt worden. Es war dies das erste Strafverfahren dieser Art des unabhängigen Lettland nach 1991, das mit einer Gefängnisstrafe endete (DIENA 31.1.07).

Die beiden Männer, Andris Z. und Romans V., hatten im Juni 2006, an einem Samstag abend, den aus Ruanda gebürtigen Pjers D. auf der Straße mit einer Flasche niedergeschlagen, als dieser unbeeindruckt von ihren Beschimpfungen und Beleidigungen an ihnen vorbeigehen wollte. Das Opfer ist Mitglied von AfroLat, einer Organisation von in Lettland lebenden und aus Afrika stammenden Menschen. Die Tat war an einem Samstag abend begangen worden, und die beiden Täter hatten nicht unerhebliche Mengen Alkohol zu sich genommen. Die Angeklagten hatten im Prozeß die Tat nur ihrem Alkoholrausch zugesprochen, und erklärt, sie würden jeden angreifen, der über sie lache ("ob groß oder klein, ob schwarz oder weiß").

Diesen Behauptungen glaubte das Gericht aber nicht, denn einerseits seien die Herabsetzungen und Beschimpfungen eindeutig auf die Hautfarbe des Opfers bezogen gewesen, und andererseits seien dem einen der Angeklagten Beziehungen zu lettischen Skinheadgruppen nachzuweisen gewesen.

Der Fall war vor Gericht gekommen, weil der Vorfall von einem lettischen Polizeischüler beobachtet worden war, der dem Opfer zunächst zu Hilfe eilte und dann die Polizei rief. Die Staatsanwaltschaft hatte für beide eine Freiheitsstrafe von einem Jahr gefordert, da "es solche Vorfälle in Lettland häufiger gebe, und solche Taten eine reale Strafe verdienen".

30. Januar 2007

Digitalisierte Sturmschäden

Noch immer gibt es große Unterschiede in Lettland: die Digitalisierung des öffentlichen Lebens schreitet voran, obwohl natürlich viele sich privat keinen schnellen Rechner hinstellen können, um ständig im Internet zu surfen.
Für diejenigen, die dazu in der Lage sind, wird immer wieder erstaunliches geboten. So stellt zum Beispiel das lettische Ministerkabinett vollständige Gesetzesvorlagen, die im Parlament diskutiert werden sollen, auf die regierungseigene Webseite zur öffentlichen Einsicht. Wer von dort aus ein wenig weiterklickt, gelangt auch auf eine Auflistung von Dokumenten zu aktuellen Fragen (Lettisch-Kenntnisse allerdings vorausgesetzt).

So finden sich zum Beispiel auch regierungsamtliche Dokumente, wie zum Beispiel die Auflistung der durch den Sturm vom 14./15.Januar 2007 verursachten Schäden an staatlichen Gebäuden. Gemäß dieser Liste (umfasst alle amtlich bis zum 16.1.07 gemeldeten Schäden) ist an kommunalen Gebäuden an diesen beiden Tagen in Höhe von 331.799 Lat (ca. 500.000 Euro) entstanden, davon 152.108 an Schulen und Kindergärten. Das lettische Finanzministerium wurde angewiesen, 350.000 Lat aus Sondermitteln für die Schadensbegleichung bereitzustellen.

In dieser Liste finden sich 73 Einzelschäden, teilweise penibel aufgelistet. Am häufigsten werden dabei Schäden an Dächern genannt (Dach zerstört, oder Dach teilweise abgedeckt). Aber auch andere Sturmopfer werden genannt: umgestürzte Bäume (vor allem in der Region Daugavpils und Ventspils), Schäden an Verkehrszeichen, in Parks, auf Friedhöfen, auf Kinderspielplätzen, und an Strandabschnitten.
Wer nachschlagen möchte, wem die Tageszeitung zu ungenau berichtet, oder wer sich dafür interessiert, welche Sorgen die eigenen Bürgermeister haben: hier bekommen es nicht nur die Gemeinderatsmitglieder zu hören (wie es in Deutschland vielleicht wäre?), sondern die allgemeine Öffentlichkeit.

27. Januar 2007

Konzertsaal im politischen Abseits

Rigas rasante Entwicklung erstaunt manchmal sogar die Lettinnen und Letten selbst. Nicht einmal 15 Jahre ist es her, dass nicht ganz klar schien, ob der Putz außen an den Häusern noch mit frischer Farbe übermalt werden könnte, bevor er ganz herunterfällt, und im Inneren vieler Bauten sah es nicht viel besser aus.Heute ist Riga eine Immobilien-Boomtown - das heißt in erster Linie: es wird in Bauten investiert, Locations werden "besetzt", von Nutzern werden Mieten und Gebühren herausgepresst was nur geht. Wenn heute von einer "Stabilisierung" der Immobilienpreise gesprochen wird, dann ist es schlicht die Hoffnung (der Geldgeber, der Börse), dass die Entwicklung sich nicht überhitzt und wie ein Luftballon zerplatzt. Schon gibt es Diskussionen, ob die Stadtsilhouette nicht zu stark durch neue riesige Bauten verstellt wird, und die Altstadt Rigas so den Status als UNESCO-Weltkulturerbe verlieren könnte.

Als am Dienstag, den 23.Januar 2007 die Diskussion um die neuen Kulturbaute
n den Rigaer Stadtrat erreichte, geschah das nicht nur unter kulturpolitischen Vorzeichen. Kultur hat einen sehr hohen Stellenwert in Lettland. Und Lettland hat mit der Tautas Partija die maßgebliche Partei der regierenden Vier-Parteien-Koalition, die mit Helena Demakova eine anerkannte Expertin als Kulturministerin aus ihren Reihen stellt.

Doch im Stadtrat von Riga stehen die Vorzeichen anders. Hier steht Bürgermeister Aivars Aksenoks für seine Partei "Jaunais Laiks", die nach den Parlamentswahlen des Herbstes 2006 keine Aufnahme in das regierende lettische Parteienbündnis fand. Die "Tautas Partija" von Regierungschef Aigars Kalvitis dagegen spielt im Rigaer Stadtrat nur eine untergeordnete Rolle, in einem Stadtrat, in dem die regierende Koalition nur eine äusserst knappe Mehrheit von 31 von 60 Sitzen hat. Riga plant den Bau eines neuen Konzertsaals. 20% der Gesamtkosten in Höhe von 63 Millionen Lat (ca. 100 Mill. Euro) für den Bau einer neuen Konzerthalle muss die Stadt Riga selbst tragen. Aber das Kostenargument spielte nur eine geringere Rolle bei der Abstimmung vom Dienstag, bei der nur 26 Abgeordnete ihre Stimme zugunsten des Projekts abgaben. Wie kam es dazu, und wie geht es jetzt weiter? Gegenwärtig werden drei Großprojekte in Riga von der staatlichen Agentur "Jaunie Trīs Brāļi" vorangetrieben: neben dem Neubau einer Nationalbibliothek und der Schaffung eines Museums für moderne Kunst gilt das Konzertsaal-Projekt als das Wichtigste für das lettische Kulturschaffen. Alle drei verlangen riesige Investitionssummen. Für den Konzertsaal wurde, nachdem man sich für den Platz am sogenannten "AB-Damm" direkt an der Daugava entschieden hatte, ein Wettbewerb ausgeschrieben und am 12.Mai 2006 der Sieger verkündet. Seitdem treibt nun der Wettbewerbssieger, das Architekturbüro "Sīlis, Zābers und Kļava", das Projekt voran und hatte zur Präsentation - wie könnte es anders sein - auch schon eine eigene Internetseite eingerichtet.

Auf der "Wasserfläche als Bühne" möchte Rigas Stadtarchitekt Jānis Dripe den neuen Kulturtempel gerne errichtet sehen. 22.000 qm Fläche benötigt das Projekt, 1400 Zuschauern soll es in einem großen und weiteren 375 in einem kleineren Saal Platz bieten. Doch seit am 21.12.2006 Bürgermeister Aksenoks und Kulturministerin Demakova nahezu ergebnislos auseinander gingen, waren nur noch bissige Bemerkungen von beiden Seiten zu hören. "Konzertsaal als Geisel der Politik" Kommentar am 21.12.2006 in der größten Tageszeitung DIENA. , so ein"Ich werde teure Großprojekte nur dann unterstützen, wenn die Regierung die Strukturprobleme der Hauptstadt lösen hilft," konterte der Bürgermeister.

Damit sind zumindest teilweise auch die andauernden Verkehrsprobleme gemeint. Ein Konzertsaal genau an der Nahtstelle zwischen wichtigen Verkehrsströmen über die Daugava wird so als zusätzliche Problemverschärfung angesehen. Und auch andere aktuelle Probleme der Stadt benennt Aksenoks: er möchte lieber mehr Geld für die Kindergärten und den Wohnungsbau zur Verfügung haben als nur für prestigeträchtige Großprojekte. "Alles Fragestellungen, die mit dem geplanten Konzertsaal überhaupt nichts zu tun haben", kontert Demakova.

Stürme, Nordwestwind und hoher Wasserstand erinnerten noch Anfang Januar an ein weiteres Gegenargument der Projektgegner. Ist es denn der richtige Platz? So nahe an der Daugava, wenige Zentimeter über dem Wasserspiegel? Zwar haben Fachgutachten und Aussagen anderer Architekten ergeben, dass eine Sicherung des Baus möglich sei, zum Beispiel durch eine Absicherung mit Hilfe von Dolomitschichten.

Die Situation nach dem vorläufigen Nein des Rigaer Stadtrats wird aber auch unterschiedlich beurteilt. Während Beobachter wie der DIENA-Kommentator Askolds Rodins das Projekt für vorerst nicht durchführbar halten (DIENA 25.1.07), verwickeln sich andere in juristische Spitzfindigkeiten. "Wenn diejenigen Abgeordneten, die eigentlich wegen persönlicher Betroffenheit und eigener Interessen nicht mit abstimmen sollten, auch nicht mitgezählt werden würden, dann wären es nur 49 Stimmen im Stadtrat," rcchnet Artis Stucka, stellvertretender Staatssekretär im Ministerium für Regionalentwicklung vor, "da stellen 26 Stimmen die eindeutige Mehrheit dar." (LETA 24.1.07, TVNET) Eine Argumentation, der Bürgermeister Aksenoks natürlich nicht zustimmen kann.

Das lettische Kulturministerium seinerseits stürzt sich in Aktivität: ein eigenes Gesetz zum Bau des Konzertsaals soll nun schon innerhalb der nächsten Wochen zur Beschlußfassung im lettischen Parlament vorbereitet werden. Das Projekt sei überwiegend eine Sache des ganzen Landes, denn nicht nur in Riga, sondern auch in anderen Städten wie Rezekne, Liepaja oder Ventspils seien weitere neue Konzertsäle geplant. 71% der Bevölkerung befürworten laut einer Umfrage aus dem Frühjahr 2006 das Projekt eines neuen Konzertsaals in Riga, so die Ergebnisse einer Umfrage, die vom Ministerium gerne zitiert wird.

Eines scheint vorerst klar zu sein: Diskutiert wird über dieses Thema nicht nur unter Politiker/innen gern. In den lettische Internetportalen APOLLO, DELFI und TVNET meldeten sich zahlreiche argumentationsfreudige Bürgerinnen und Bürger zu Wort, und die Mehrheitsmeinungen gingen zumindest hier ebenfalls in sehr verschiedene Richtungen.

21. Januar 2007

Schiff in Seenot, Kapitän weg, Folgen für die Umwelt unklar

Angesichts der vielen Sturmschäden in ganz Europa erregt ein erneutes Schiffsunglück in der Ostsee momentan relativ wenig Aufsehen - bis auf Lettland selbst. Bereits in der Nacht zum 15.Januar war der unter der Flagge Zyperns fahrende Frachter "Golden Sky" vor dem Hafen von Ventspils mit 25.000 t Mineraldünger an Bord auf Grund gelaufen (Foto: Reuters). Problematischer für die Umwelt ist neben dem Dünger aber zunächst der an Bord befindliche Treibstoff, der teilweise aus einem Leck ins Meer floß. Trotz aufkommendem Sturm konnte ein Generator an Bord gebracht werden, um die Rettungsarbeiten auch bei Nacht zu ermöglichen - eine Operation, welche von den in Ventspils stationierten Rettungskräften eigenen Angaben zufolge zum ersten Mal in der Praxis durchführten. Der Einsatz des zusätzlichen Generators war notwendig geworden, da der Maschinenraum des Schiffes bereits überflutet war.

Alle Mitglieder der Besatzung konnten inzwischen mit dem Hubschrauber von Bord geborgen werden, auch der Kapitän hat inzwischen das Schiff verlassen. Englische und griechische Experten halfen bei den Sicherungs- und Bergungsarbeiten, während sich am Strand bei Ventspils Schaulustige versammelten - nur wenige Hundert Meter vor der Küste war der havarierte Frachter deutlich auch von Land aus zu erkennen (Berichte zu den ersten Rettungsversuchen: DIENA 19.1.07, LETA 18.1.07, DIENA 20.1.07)

Die schwersten Sturmfolgen sind überstanden, das Schiff bis auf den austretenden Treibstoff gesichert - nun beginnen die erste
n Überlegungen, wie es zu dem Unglück überhaupt kommen konnte. Der Hafen Ventspils, zu Sowjetzeiten als Ort schwer kalkulierbarer Unmweltbedrohungen bekannt, war in den vergangenen Jahren bemüht, durch erhöhte Sicherheit und vermehrte Umweltschutzmaßnahmen seinen Ruf zu verbessern.

Zu den genauen Folgen für Natur und Umwelt äussern sich die lettischen Behörden gegenwärtig nur zögernd.
In der Presse wurde ein Aufruf veröffentlicht, dem zufolge Beobachtungen von Bürgern betreffend Umweltschäden an den Stränden per Telefon bei der Umweltverwaltung in Ventspils gemeldet werden können (Tel. 0071-3622981 oder -29471431).

Warum aber kam es überhaupt zu dem Unglück? Bei Ankunft des Schiffes im Hafen von Ventspils, am 11.1. abends, sollen die Wetterbedingungen noch gut gewesen sein. Ob aber ein Schiff trotz Warnung vor aufkommendem Sturm in See steche, dass sei ganz die Verantwortung des jeweiligen Schiffsführers, so der Hafenkapitän von Ventpils gegenüber der lettischen Presse. Der Kapitän der "Golden Sky" entschied sich, nach dem das Schiff bereits sieben Stunden auf See war, wegen Problemen mit den Schiffsmotoren zur Rückkehr Richtung Ventspils und lief dann in Küstennähe auf Grund. Nur ein Motor lief zu diesem Zeitpunkt auf dem Schiff einwandfrei.

Die Ostsee ist ein stark von Schiffen befahrenes Gebiet, und vor allem wegen der zunehmenden Gefahren durch veraltete Öltanker bedroht. Die TAZ zitierte per Bericht am 17.1.07 Zahlen der Helsinki-Kommission (HELCOM), nach dem 65.000 Schiffsbewegungen pro Jahr durch die Ostsee gehen. 151 Schiffsunfälle zählte die Umweltorganisation WWF im Jahr 2005 in der Ostsee, in den Jahren von 2000 bis 2003 waren es im Schnitt nur 60 pro Jahr. Gegenüber dem lettischen Radio sagte WWF-Experte Janis Brizga, er befürchte Umweltschäden an der Küste durch die Havarie der "Golden Sky" nicht nur durch auslaufenden Treibstoff, sondern auch den an Bord befindlichen Dünger. Der lettische Ministerpräsident Kalvitis äusserte sich indessen unzufrieden mit den lettischen Einsatzkräften, die 12 Stunden vom Flughafen Riga aus bis zum vor Ventspils liegenden Schiff benötigten.

17. Januar 2007

Werben um alte Leute - Heimweh und Zahlungsfähigkeit vorausgesetzt

Vom kommen und Gehen - Landflucht und Jobsuche
Es gibt viele Geschichten inzwischen über junge Leute, meist Männer, auch ganze Ehepaare, die aus ihren lettischen ländlichen Regionen einfach weggehen, um anderswo ihr Glück (und Einkommen) zu suchen. Zunächst war es die Sogwirkung Rigas: früh morgens in den Zug setzen, um 9.00 Uhr in der Hauptstadt zur Arbeit gehen, die Woche über irgendwo bei Freunden übernachten, Freitags abends mit dem Zug zurück. Eine mehrstündige Fahrt jedes Mal - eine ganz besondere Art von Pendlern.

Seit Großbritannien, Irland, Schweden prinzipiell ihre Arbeitsmärkte auch für "Gastarbeiter" aus den EU-Beitrittsländern von 2004 geöffnet hat, hat sich das ganz schnell potentiell erhöht: bereits Zehntausende sollen inzwischen allein in Irland leben, und die lettische Regierung sorgt sich, ob diese Menschen je zu einer Rückkehr bewegt werden können. In vielen Dörfern bleiben fast nur die alten Menschen zurück.

Traumland für Alte: Lettland
Da erzeugt ein Projekt Aufsehen, das sich ausgerechnet um weitere Zielgruppen im Rentenalter müht: AUSBALT nennt sich ein Projekt, dass nach Australien vor Jahrzehnten ausgewanderte Letten - durchweg inzwischen natürlich Senioren - zurück nach Lettland holen will. Raitis Strautiņš, umtriebiger Firmenchef von AUSBALT, erzählte in der lettischen Presse (NRA 12.1.07) von den angeblichen Bedürfnissen der Möchtegern-Einwanderer. "Wir wollen nach Lettland," haben ihm viele der gegenwärtig 6681 Personen im fernen Kängeruhland erzählt. 5288 davon sollen zu Hause noch Lettisch als Muttersprache gebrauchen. Hiervon wiederum sind 53,85 über 65 Jahre alt, also im Rentenalter. "Aber auch dort hat man schon gehört, wie kümmerlich die Zustände in der Altenpflege in Lettland gegenwärtig sind. Sie sagen mir: wir würde gerne kommen, aber wo sollen wir denn da hin?"

Wird es also bald auch Altenheime zweiter und dritter Klasse in Lettland geben? Wer solche Projekte konsequent zu Ende denkt, der kann es sich gut vorstellen. Wenn erstmal die Spezial-Altenwohnungen "nach dem Modell Australiens" gebaut worden sind (so steht es in einer Firmenpräsentation), dann wird es dort, wo jetzt noch Beifuß, Wegerich und ein paar schlanke Birken wachsen, bald Transporthilfen, medizinisches Personal, Schönheitssalons, eigene Bibliothek, Kinosaal - und natürlich Wächter rund um das Gelände geben. Bei dem gegenwärtigen Immobilienwucher, der rund um die lettische Hauptstadt Riga abgeht (woran zwar die Investoren, sicher aber nicht die Mieter ihren Nutzen haben) ist es auch logisch, dass sich LATTAU, eine lettische Immobilienfirma (Wahlspruch: "die lettische Variante"), an den Austro-Seniorenheimen beteilgt.
Beide Firmen halten sich in der Öffentlichkeit momentan noch bedeckt. Die Webseite von Ausbalt gibt es zwar schon, aber außer der zitierten Präsentation werden noch keine Inhalte angeboten. Im eigenen Lande schmackhaft gemacht werden soll es durch vielfältige Nutzung von EU-Hilfsprogrammen, so dass argumentiert werden könnte, Lettland selbst koste das Projekt wenig. Die Liste der geplanten Maßnahmen reicht von Unterstützungsmöglichkeiten für bisher Arbeitslose bis hin zu Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogrammen.

Interessant sind die statistischen Zahlen, welche von den Planern dieses neuen Projekts zur gegenwärtigen Situationsanalyse in Lettland vorgelegt werden. Allerdings wird mit Zahlen aus dem Jahr 2004 gearbeitet. Der vorgelegten Statistik zufolge gab es 2004 in Lettland
- 72 kommunale Sozialeinrichtungen mit insgesamt 5.022 Bewohner/innen,
- 31 staatliche betriebene Instutionen mit insgesamt 4381 Personen,
- wurden 1453 Lat pro Person in sozialen Einrichtungen ausgegeben

Zur Situation bei den Rentnern heißt es:
- 25,9% der Einwohner Lettlands waren im Jahr 2004 im Rentenalter
- per Gesetz festgelegtes Rentenalter war bei Männern 62, bei Frauen 60 Jahre
- auf 83,16 (ca. 120 Euro) Lat belief sich im statistischen Mittel eine gewährte Rente (bei Männern durchschnittlich 91,53 Lat, bei Frauen 67,24 Lat)

Begrüßt und betreut - vom Kängeruhsteak zur Hanfbutter
Ausersehen für ein Modellprojekt für die lettischen Aussie-Oldies ist das kleine Dorf Seja (zwischen Sigulda und Saulkrasti, im Norden von Riga). Und Investoren-Werber
Strautiņš wird nicht müde, vom "australischen Beispiel" zu schwärmen: "dort wirbt man mit der Devise: sie verdienen nur das allerbeste!" - Im Westen denke man eben "realistischer", so der Altenwerber, man wolle eben im Alter seinen Kindern nicht zur Last fallen. Umsonst will er allerdings nicht für die lettischen "Heimkehrwilligen" arbeiten: ein Haus, was im Projektrahmen gebaut wird, soll einen Investitionsbedarf von etwa 50.000 Lat (75.000 Euro) haben. Die beteiligten Firmen haben sich der unterstützung der Gemeinde bereits gesichert und rechnen in der 2.Jahreshälfte 2007 mit einem Baugebinn.
Also, wer demnächst planen sollte, sich einen Alterssitz in Lettland aufzubauen, der könnte auch bald den Satz hören: "Ziehen Sie doch nach Seja!"

16. Januar 2007

Warten aufs Singen

Es gibt sängerfestlose Jahre. Lettland ist dabei, in Europa einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen, und da sind landestypische Kulturereignisse hilfreich. Doch die Chronik der Ereignisse ändert sich. Waren die Sängerfeste in den 90er Jahren sehnsüchtig erwartetes Ereignis, so geraten sie gegenwärtig schon unter den Druck der touristischen Nachfrage: schließlich kann das kleine baltische Land seine Gäste nicht vertrösten, lieber im nächsten Jahr wiederzukommen, und selbst ein so ausgelassen zelebriertes Fest wie Mitsommer ist kein Ersatz: es wird eigentlich vorwiegend im privaten Kreis gefeiert.

Der Trost ist rein virtuell. Nahezu täglich versorgt eine laufend aktualisierte Internetseite zumindest die lettischkundigen Sangesfreunde: englischsprachigen Fans werden neben einem ersten Entwurf des Programms für 2008 wenigstens online-Mitschnitte früherer Ereignisse angeboten.

Lettischkundige genießen mehr Fürsorge: da werden Ergebnisse einer Umfrage zitiert, nach denen für 29,3% aller Letten das Sängerfest bei Kultur und Traditionspflege an erster Stelle steht. Wer das liest, mag sich fragen: waren das nicht auch schon mal mehr? Da sind die "auf den Plätzen" folgenden anderen genannten Kulturereignisse interessant: 20% nennen das Theater an erster Stelle, 13% Musik und Konzerte, 8,9% Folklore und die Dainas, und genauso viele nennen das Mittsommerfest. Noch 8% nennen Opern- und Balletaufführungen, 6,5% visuelle Kunst & Literatur, 5,6% Museen, 3,6% das Neubauprojekt "Gaismas pils" der Lettischen Nationalbibliothek, und für 3,2% der Befragten ist Kino in Lettland am wichtigsten. Immerhin 3,4% benennen schlicht den Namen von Lettlands "Maestro" Raimonds Pauls als Wichtigstes, und 4,7% kreuzten an, dass ihnen der bedauerswerte Zustand vieler Kultureinrichtungen das wichtigste Anliegen sei. Bei den Befragten in Latgale stand dieses eher um Hilfe schreiende Argument sogar an dritter Stelle aller Antworten.

Die Webseite enthält aber (wie gesagt, leider nur für Lettischkundige) auch noch mehr Details.
- den Wortlaut des lettischen Gesetzes (!) zum Schutz der Sängerfesttradition
- eine ausführliche Darstellung zur Geschichte der lettischen Sängerfeste
- einen Hinweis auf die ausführliche Liste alter historischer lettischer Kulturplakate im Internet (das ist für alle interessant!)
- Einzelheiten zur geplanten künstlerischen Konzeption des Sängerfestes 2008

Und, um auch die Wartenden im eigenen Lande wirklich auf dem Laufenden zu halten, wird aktuell jeden Monat ein Geburtstagskalender aller bekannten Chorleiter, Dirigenten und sonstigen Aktiven geboten. Auf diese Weise erfahren wir, dass beispielsweise am 17.Januar Alda Račika im Volkskulturhaus in Krape ihren 55.Geburtstag feiert, am gleichen Tage der langjährige Dirigent der Sängerfeste Edgars Tons seinen 90.Geburtstag begeht, und am 26.Januar 2007 Karlis Vents, Leiter des Ensambles "Ratiņš" in Gulbene, 80 Jahre alt wird.

Ein Trost für die Wartenden ist es vielleicht nicht. Aber zu hoffen bleibt, dass auch 2008 das große lettische Sängerfest von den gröbsten profanen Kommerzialisierungsversuchen verschont bleibt. Und einen zweiten gefährlichen Trend gilt es aufzufangen: aus vielen ländlichen Gebieten Lettlands, bisher ein Rückrad der Kulturtraditionen auch im Hinblick auf die Nachwuchsarbeit, sind bereits die enorm starken Abwanderungstendenzen bekannt. Im kurländischen Alsunga zum Beispiel, bei Sängerfesten bekannt durch die "Suitu sievas", seien inzwischen bereits so viele junge Leute als Aushilfskräfte nach Irland abgewandert (als einzige Möglichkeit Geld zu verdienen), dass beinahe nur noch diese besagten Frauen ("Suitu sievas") übrig geblieben seien. Ohne eine Förderpolitik für ländliche Regionen, ohne den Erhalt regionaler Firmen, Modernisierung der Produktionsweisen für neue Märkte, wird auch der Rückhalt für kulturhistorische Traditionen und Aktivitäten wohl längerfristig in Gefahr geraten wegzubrechen.

Beispiele neuer politischer Grafik in Lettland, dem Volk in die Seele geschaut (aus einer Ausstellung in "Arsenals", Dezember 2006): "Wo sind sie, die Männer in Lettland?" und "Unser Sib-irien" - eindeutige Symbolik.

8. Januar 2007

Lettland rutscht ins Neue Jahr (1)

"Es könnte ein ganz langweiliges Jahr für Lettland werden," so sagten es einige Jahresrückblicke 2006 inklusive der maßgeblichen politischen Auguren des Landes voraus. Im Lande stehen 2007 keine Wahlen an, die gegenwärtige Regierung erscheint ausreichend stabil, und selbst die im Frühsommer anstehende Wahl einer neuen Präsidentin / eines Präsidenten bringt ja bisher keine spannenden Kandidat/innen auf die Bühne.

Zunächst mal wird also bilanziert: Erstaunlicherweise ist der Rodler
Martiņš Rubenis Lettlands Sportler des Jahres 2006 geworden. Erstaunlich deshalb, weil er aus deutscher Sicht so konsequent ignoriert wird. Bei uns gibt es nur Hackel-Schorsch, und dann kommt lange nichts mehr.

In Lettland dagegen ist Rubenis nicht nur durch den Sport bekannt: sportlich hat er zwar bei der Winterolympiade 2006 in Turin "nur" eine
Bronzemedaille errungen, aber für sein Land war es die erste Medaille bei Winterspielen seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991. Aber Rubenis engagiert sich nicht nur im Sport: Mitte April 2006 nahm er an einem mehrtägigem öffentlichen Hungerstreik teil, mit dem auf die Lage der Menschenrechte in China aufmerksam gemacht werden sollte. "Gerade für mich als Sportler ist es ja eine Tatsache, dass gerade in so einem Land die nächsten Olympischen Spiele stattfinden sollen," äusserte er sich damals, der Nachrichtenagentur LETA zufolge (Foto rechts: Clearwisdom.net). Als Leser von Büchern über fernöstliche Philosophie war er auch vorher schon bekannt.

Und wer einmal "DJ Betons" zum Musikauflegen zu sich einladen sollte: auch das ist kein andere als der Rodler Rubenis. Nicht in der winterlichen Hauptsaison, wie zu vermuten ist, aber in Rigaer Klubs wie "PULSE", "Hedonija" oder "Pulkvedis" soll er schon beim Plattenauflegen gesehen worden sein. "Das habe ich schon gemacht, bevor ich durch Medaillen und Meisterschaften berühmt wurde, und es ist nur ein Hobby," sagte er vor der
lettischen Presse dazu. So gesehen ist es also nur konsequent, dass Rubenis auch der beliebteste lettische Sportler geworden ist - dieses Jahr vor dem Hürdensprinter Stanislavs Olijars, Biathlon-Athlet Ilmars Bricis, Gewichtheber (und Neu-Politiker) Viktors Ščerbatihs, und dem neuen Stern am lettischen Basketball-Himmel, Andris Biedriņš.

Im Frauensport war aus lettischer Sicht 2006 die Marathonläuferin Jelena Prok
opčuka überragend - sie gewann den prestigeträchtigen New-York-Marathon zum zweiten Mal in Folge. Die bei der Wahl zur lettischen Sportlerin des Jahres auf den weiteren Plätzen Folgenden zeigen, dass bei den Frauen fast dieselben Sportarten die beliebtesten sind: Basketball-Star Anete Jakobsone-Zogota, Biathlon-Athletin Mara Liduma, Roderin Anna Orlova, und Leichtathlethin Jeļena Rubļevska.

Was gibt es außerdem Neues in diesem angeblich so langweiligen Jahr? Der 1. bis 5.Januar 2007 waren mit durchscnittlich 8 Grad Celsius die wärmesten ersten Januartage in Lettland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, so gibt es LETA bekannt. Das seien sieben bis neun Grad mehr als normalerweise üblich. Da erinnern wir uns noch an die Schlagzeilen aus dem Januar 2006 - die waren ziemlich gegenteilig ....

"Produkt des Jahres"
könnten eigentlich die Tausende handgefertigter Strickhandschuhe geworden sein, die den Teilnehmern des NATO-Gipfels in Riga im November 2006 als Geschcnk überreicht wurden ("Stricken für den Frieden?"). Aber was ist daraus geworden? Kaum wurden sie überreicht, wurde das Klima so warm, dass derartige Handschuhe bisher nicht wieder zum Einsatz kommen mussten. So war es ja sicher nicht gemeint gewesen. Waren es die falschen Adressaten, oder waren es die falschen guten Wünsche?

22. Dezember 2006

Zeugnisse per Internet

Ungewöhnlich der Zeitpunkt, und wenig vorweihnachtlich das Thema: anläßlich einer gemeinschaftlichen Presseveranstaltung gaben das lettische Ministerium für Bildung und Wissenschaft gemeinsam mit dem "Zentrum für digitale ökonomische Entwicklung" (DEAC - Motto: "Information ist mehr wert als Geld") in Riga bekannt, in Zukunft mehr digitale Zugangsmöglichkeiten zu Zeugnissen und Schülerbeurteilungen schaffen zu wollen.
Schau, was bringt der Weihnachtsmann? Den gläsernen Schüler?

Info-Allianz zwischen Schulen und Eltern
Seit Anfang November läuft ein Projekt des Ministeriums, in dessen Rahmen Schulen eine digitale Kommunikationsmöglichkeit mit den Eltern der Schüler angeboten wird. Im Oktober 2005 waren im lettischen Parlament dazu die rechtlichen Grundlagen beschlossen worden. Bereits 300 allgemeinbildende lettische Schulen nehmen an diesem Projekt der "E-Klassen" teil, 250 davon bereits sehr aktiv, so berichteten die lettische Ministerin für Bildung und Wissenschaft, Baiba Rivža, gemeinsam mit der lettischen Ministerin für die besonderen Aufgaben der elektronischen Verwahlung, Ina Gudele. Eigentlich sei das Projekt auch bereits 2003 in Lettland gestartet, aber dann von der damaligen Regierung unter Einārs Repše gestoppt worden. Nun soll es also richtig los gehen.

Das Ergebnis könnte auch "gläserner Lehrer" genannt werden. Denn die Lehrer geben in Form eines "elektronischen Berichtes" auf einem Internetportal (www.e-klase.lv) registrierten Eltern laufend Auskunft über die Notengebung der betreffenden Schüler. Im Laufe der kommenden zwei Jahre sollen die in dieses System einbezogenen Lehrpersonen alle mit mobilen Rechnern ausgestattet werden, um alle Vorteile des Systems jederzeit nutzen zu können.

Erste Erfahrungen: Eltern sind begeistert.
Sandra Sīle, Direktorin des Agenskalns Gymnasiums in Riga, berichtete auf der Presseveranstaltung von den ersten Erfahrungen. "Das ist eine effektive und schnelle Möglichkeit, Eltern über die Leistungen ihrer Kinder in der Schule zu informieren." (Delfi / Latvijas Avize 21.12.06)

Auch die Sicherstellung sonstiger schulischer Dokumente auf digitale Art - anstatt alles auszudrucken - wird von den Projektbetreibern nicht ausgeschlossen. Gegenwärtig gebe es aber an vielen lettischen Schulen noch einen großen Mangel an den dafür notwendigen Rechnern. Jegliche Information rund um die betreffende Ausbildungseinrichtung, über Kurse, Lehrer und spezielle Bildungsangebote sollen so verfügbar sein - auch für Gemeindeverwaltungen und andere staatliche Institutionen. Die Datensicherheit soll in sofern gewährleistet sein, dass Eltern durch einen speziellen Zugangscode wirklich nur jeweils Zugang zu den Informationen betreffend ihrer Kinder erhalten. Es wird allerdings nicht ausgeschlossen, dass die Eltern pro Nutzung zukünftig auch eine Gebühr zahlen müssen (10 - 15 Santīmi, also 15-22 EuroCent). Für die Schulen soll das System kostenlos bleiben.

In der lettischen Presse (Latvijas Avize 21.12.06) wurden dazu auch Elternvertreter des Agenskalns Gymnasiums interviewt. Die Mutter einer Schülerin erklärt dort, dass sie Auskünfte über die laufenden Lernerfolge ihrer Tochter bereits jetzt nicht nur per Internet, sondern auch direkt auf ihr Handy bekommen könne.

Über Wortmeldungen von Seiten der Schülerinnen und Schüler war in der lettischen Presse bisher noch nichts zu lesen. Die DEAC-Projektbeschreibung sagt dazu: "Nicht alle Schüler sind so gewissenhaft wie es wünschenswert wäre." Auch Rauchen, Alkoholmißbrauch und Drogen werden als Gefahren an der Schule benannt, worüber das Infosystem für die Eltern nun offensichtlich schneller Auskunft geben soll - falls die eigenen Kinder betroffen sind.

21. Dezember 2006

Keine Coke zum Fest

Weltkonzerne haben es nicht leicht in Lettland. Wochenlang zieht Coca-Cola bereits mit einem kindgerechten Werbetruck durch die baltische Region, laute Musik voraus, rot-weiß befrackte Männchen und Weibchen inklusive (Foto: Coca-Cola-Truck in Vilnius).
Wieviele der superschnellen Zwischenstopps in litauischen oder lettischen Kleinstädten die eingesetzten Laiendarsteller bereits hinter sich haben - wir wissen es nicht.
In Lettland mussten die US-amerikanischen Konsumwerber bereits das Cola-Verbot an Schulen hinnehmen. Und jetzt das: lettische Politikerfrauen empfehlen: Feiern Sie Weihnachten - aber nur mit gesunden Lebensmitteln!

Am 19.Dezember war Undine Bollow-Pabriks, Gattin des lettischen Aussenministers, prominenteste Protagonistin der vom lettischen Gesundheitsministerium initiierten Kampagne "Gesunde Geschenke". Die meisten der überreichten Gaben, die an diesem Tag als Geschenke für das Rigaer Waisenhaus "Marsa Gatve" überreicht wurden, stehen bestimmt bei vielen anderen Kindern auch auf dem Wunschzettel: Teddybären, Kleidung, oder bunte Spielbälle. Als "gesunde Snacks" wurden den Kindern Fruchtsäfte, getrocknete Früchte und Nüsse gereicht - genau entsprechend der Kampagne, die vom lettischen Gesundheitsministerium bereits seit Beginn des laufenden Schuljahrs in Lettland initiiert worden ist.

Am 21.Dezember werden "als Gnome verkleidete Angestellte des Aussenministeriums" im Sozialzentrum Plavnieki eine ähnliche Aktion durchführen. Die öffentlichkeitswirksame Geschenküberreichung versteht sich dabei, gemäß einer entsprechenden Pressemitteilung, ausdrücklich als Nicht-Teilnahme an der von Coca-Cola auch in Lettland organisierten "Weihnachts-Karawane". Die überreichten Geschenke wurden gespendet von Diplomaten, die in Riga leben und arbeiten, aber auch von den lettischen Botschaften im Ausland, so gab es das Aussenministerium bekannt.

16. Dezember 2006

Der falsche Weihnachtsmann

Auch nach den diesjährigen Parlamentswahlen in Lettland, als zum ersten Mal eine amtierende Regierung weiterarbeiten konnte, ist das Vertrauen in die lettische Parteien nicht größer geworden. Allgemein wird die diesjährige Wahlentscheidung von politischen Beobachtern als "Wahl des kleineren Übels" bezeichnet. Allzu deutlich ist die Abhängigkeit der größeren Parteien von ihren Interessengruppen und Mäzenen im Hintergrund - nur wenige glauben daran, dass Politiker auch für das Allgemeinwohl arbeiten könnten. Aber trotz allem ist ein schlechtes Beispiel noch in Erinnerung. Wenn es darum geht, dass die Zustände in Lettland seit 1991 auch schon einmal schlimmer waren, die Demokratie auf wackeligen Beinen stand, dann wird gerne gesagt: "Ihr wollt doch nicht etwa einen wie den Siegerist wieder haben?"

Wähler durch Ausgabe von Bananen zu ködern, das war vielleicht nur das dümmste Beispiel der Wahlkampagnen des Joachim Siegerist Mitte der 90er Jahre in Lettland. Lettische Vorfahren für die eigene Karriere "ausgraben", aber kein Wort Lettisch lernen, zu Parlamentssitzungen nicht erscheinen, wegen Hetztiraden gegen verschiedene Minderheitengruppen vor Gericht verurteilt werden, aus mehreren Parteien rausfliegen, aber trotzdem frech verkünden "ich will lettischer Präsident werden" - ja, das ist alles passiert. Zu Zeiten, als Heilsverkündern aus dem Westen in Lettland noch etwas leichter geglaubt wurde.

Warum ist nie etwas aus Joachim Siegerist geworden?
Bekannt war er schon immer durch seine rührseligen Bettelbriefe an meist ältere Leute, von denen er sich Spendenbereitschaft für seine Wahlkampagnen erhoffte. Für's persönliche Überleben hat das so eingenommene Geld offensichtlich immer noch gereicht. Und siehe da: es gibt wieder eine Wahlkampagne, für die Siegerist sammelt: er hofft auf die Kandidatur zur Bürgerschaftswahl in Bremen, die im Mai 2007 stattfinden wird. Doch was tun, wenn ihn in Bremen keiner kennt?
Mitglieder in kirchlichen Initiativen, Partnerschaftsvereinen oder anderen Gruppen, die im Bremer Raum Kontakt nach Lettland haben, müssen sich seit einigen Wochen wundern. Nun bekommen auch sie - ungefragt, und in immer kürzerer Frequenz - Bettelbriefe von Herrn Siegerist.

Der Spenden-Erschleicher
Vieles, was da geschrieben steht, kommt so wirr daher, dass es wohl schnell in die Papierkörbe wandern wird. Aber: Da wird auch mit alten und kranken Leuten geworben, die sich persönlich nicht wehren können. So wie Pastor Claus von Aderkas. Der engagierte Deutschbalte von Aderkas hatte sich jahrelang für soziale und kirchliche Projekte in Lettland eingesetzt. Momentan ist er mit nachlassenden Kräften ans Bett gefesselt, und wird sich kaum vorstellen können, wie unverschämt aus seinem ideelen Erbe Kapital geschlagen wird. Siegerist verschickte nun Fotos, auf denen von Aderkas bei einem Besuch in einem Altenheim zu sehen ist, geschickt versehen mit einem Begleittext, der den Anschein erweckt, nur Siegerist sei in der Lage, die sozialen Projekte, die von Aderkas angefangen hatte, weiterzuführen. Natürlich ist das Ganze immer versehen mit Zahlscheinen, vorgedruckten Spendenanweisungen und Ähnlichem. Und vor allem: Pastor von Aderkas' Bekannte und Freunde bekommen nun - ungefragt - alle diese Post des Herrn S.
Warum? Absender ist die "Aktion Reiskorn" in Hamburg. Angefüllt sind diese Briefe mit merkwürdigen Texten, von "die Miezekatze der Buchhalterin Rosa" bis zu "Onkel Hermann will Foxtrott tanzen". "Ganz nebenbei" mit verkauft werden Behauptungen, Soldaten hätten im 2.Weltkrieg nicht für Hitler oder die NSDAP gekämpft, sondern vor allem gegen Stalin. Gegen Stalin? Hatte nicht Nazi-Deutschland mit nahezu allen Nachbarn einen Krieg angezettelt, Herr Siegerist?

Nicht diskutieren -aber alte Menschen ausnehmen!

Ja, auch ein Herr Siegerist wird eben älter. Da wird nicht mehr diskutiert - aber fleißig Geld eingesammelt schon! Das Prinzip ist einfach: es ist Weihnachszeit, und wer seriös aussehenden Briefen hübsch ausgefüllt Zahlkarten, immer schön mit dem eigenen Bankonto als Empfängeradresse beilegt, der kann vielleicht auf eine gewissen "Erfolgsquote" hoffen. Vor allem bei gutgläubigen alten Menschen. Kürzlich wurde gar ein komplettes Buch mitgeschickt, sozusagen "gestammelte Werke", die sonst niemand veröffentlichen wollte. Da hofft unser Herr Joachim wohl auf die Ordnungsliebe der Deutschen, die auf erhaltene Waren auch immer die Rechnung zahlen. Und, warum das alles? Warum das Risiko eines völligen Ruins des eigenen Rufs (der eh schon lädiert genug ist)?
Nun, in Bremen ist eben Wahlkampf. Und sowas kostet Geld. Noch hofft Herr Joachim, dass er mit einer frisch gegründeten Partei antreten kann, um Bremen 2007 zu retten. Radio Bremen berichtete am 9.10.2006 darüber. Hart gearbeitet hat Siegerist auch dafür, um seinen bisherigen Ruf als Rechtsextremist so zu bearbeiten, dass sich NPD (7.9.2005, NPD Sachsen) von ihm bereits distanzierte. Und die "Deutschen Konservativen" sagten schon mal über Herrn Joachim: "Stets an vorderster Front, wenn es darum geht, große Töne zu spucken". Aber auch in Lettland hatten gelegentlich groß publizierte Spenden an die jüdische Gemeinde in Riga die Rechtsaußen-Gesinnung nicht wirklich verdecken können - eine Einreise nach Israel wurde ihm untersagt (Hagalil 12.11.1998). Und dafür, dass er in der "Jungen Freiheit" gefeiert wird, schämt sich Siegerist natürlich ebenfalls nicht.

Er hätte es besser gelassen - nun ist es zu spät. Peinlich, peinlich, Herr Siegerist. Machen Sie nur so weiter: wehleidiges Gebettel, oder öffentliches Nachdenken über "alte Sünden". Der Kreis Ihrer erhofften Unterstützer ist längst nicht so groß wie Sie vielleicht glauben.
Wir erweisen Ihnen aber gern noch einmal die letzte Ehre - und erklären hiermit diesen aufdringlichen Mist für eine Schande: für Lettland schon lange, und nun auch für Bremen! Wer das nicht merkt, ist selber Schuld!

29. November 2006

Geburtstag mit Militärmusik

"Alles normal verlaufen" - könnte man sagen, nachdem der aufwendig abgesperrte NATO-Summit in Riga schon wieder vorüber ist. Keine Unruhen, keine Eier- oder Tomatenwerfer, keine gewalttätigen Tumulte auf Rigas Straßen, keine plakativen Aktionisten. Wenn da nicht die Gerüchte um Russlands Präsident Putin gewesen wären. Ein neues Wort für die versammelte Auslandspresse, die in Riga versuchte Näheres zu erfahren: "Tikai baumas" - alles nur Gerüchte. Dennoch ein Lehrstück.

 Wer hatte ein Interesse, überhaupt die russischen Interessen in Riga zur Sprache zu bringen? Ein offizielles NATO-Russland-Treffen war auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. Da veröffentlichten am 28.11. spät abends russische Zeitungen erste Thesen über einen "spontanen Besuch" Putins auf dem Gipfel. In der Basler Zeitung war zu lesen, Chirac habe schon während des Besuchs in Estland, am Tag vor dem NATO-Treffen, mit Putin telefoniert. Nun gut. Russland-Aktuell machte daraus eine Schlagzeile "Putin überrascht Riga mit einem Besuch" - vielleicht zu fortgeschrittener Stunde geschrieben. Die Geschichte setzte sich aber noch bis nach Mitternacht fort, die meisten Journalisten gehen da vielleicht ins Bett - wenn sie nicht im unbekannten Ausland von wichtigen Gipfeltreffen alpträumen müssen. Die selbsternannten Yellow-Nato-Press-Experten von Russland aktuell garnierten die Schlagzeile noch etwas weiter: "Putin will uns nur den Gipfel stehlen“, so etwas schob man US-Amerikanern als angebliche Zitate in den Mund. Haben wir im Westen die Schlagzeilen verpasst? Nein, keineswegs - wozu gibt es Online-Medien. Da lässt sich am laufenden Band schreiben und wieder streichen, was am nächsten Tag wahrhaft "Schnee" von gestern ist. 

 DIE WELT schreibt plötzlich: "Putin will sich einschleichen!" Hier wird plötzlich fabuliert, Staatspräsidentin Vike-Freiberga (wirklich eine viel beschäftigte Frau dieser Tage!) habe ANGST mit diesen beiden Männern allein essen gehen zu müssen (Chirac und Putin). Na, wenn die WELT es schreibt - da zieht doch BERLIN ONLINE noch mit einer Glosse nach. Seine angeblichen spontanen Besuchpläne werden hier gar als "teuflische Idee" hochstilisiert, und nun wird auch über Jacques Chiracs Befinden spekuliert: angeblich hasse der es, überhaupt auf sein Alter angesprochen zu werden. Auch die lettische Presse - sicher ein dankbarer Partner, wenn es um wilde Spekulationen um das russische Innenleben geht - griff das Thema inzwischen ebenfalls auf. "Putin könnte in Riga auftauchen" - pointiert DIENA den schönen Spruch aus dem "Kalten Krieg", dass die Russen eben doch bereits vor der Tür stehen. "Putin und Chirac könnten den Gipfel kaputt machen", dramatisiert TVNET. Bei LETA dagegen klingt es doch wieder recht vage: "Putin hofft Chirac zum Geburtstag gratulieren zu können." Ich kann es mir so richtig vorstellen: Gemeinsam fragt die versammelte Journalistenmeute bei allen verfügbaren Pressesprechern an: wird er, soll er, darf er - oder kommt er gar heimlich? Chiracs Büro wehrt sich nicht gegen den Ansturm. Das Putin gern gratulieren möchte, wird bestätigt. Das Büro Vike-Freibergas sieht sich schließlich genötigt zu erklären, natürlich könne man eine entsprechende Feier organisieren - wenn dies gewünscht werde, und natürlich wenn überhaupt Zeit im dicht gedrängten Kalender bliebe. 

Bis DIENA (in der kürzlich erst geschaffenen Online-Ausgabe des Blattes) von einer russischen Agentur erfährt: Putin kommt nicht! Manche wollen das Ende dieser Schaumschlägerei erst am anderen Morgen bemerkt haben. Da war Staatspräsidentin Vike-Freiberga schon auf dem Weg, Chirac vor Beginn der morgentlichen NATO-Treffen offiziell eine üppig ausgestattete Torte zu überreichen (ob Chirac überhaupt gerne Kuchen ist - darüber wurde leider gar nichts geschrieben...). Nun ist die Zeit zum Erbsenzählen. "Chirac muss ohne Putin feiern", verkündet nun RUSSLAND.RU, nicht ohne genüßlich die Konkurrenz zu zitieren, die anderes geschrieben hatte. REUTERS verkündet am 29.11. um 7.32 Uhr offiziell: "Putin wird nicht kommen." Nun zitieren TVNET und LETA wiederum Chirac mit den Worten, er sei niemals Initiator oder Organisator solcher Pläne gewesen. Das wirkt dann schon fast wieder presse- technisch interessant: 

Kann man ihm das glauben? Der russische Botschafter in Lettland, Viktors Kaļužnijs, verweigert in der lettischen Morgensendung "900 Sekunden" im TV leider wieder jeden Kommentar - schade eigentlich. Statt dessen treibt die lettische Presse aber Dmitrijs Peskovs auf, ein stellvertretender Pressesprecher, angeblich der des russischen Präsidenten, der gegenüber der russischen Agentur ITAR-TASS angeblich bestätigt habe, das es mal Pläne zu einem Geburtstagsbesuch Putins gegeben habe ... Ach, wie schön, wieviel doch auf der Welt so geschrieben wird, und wie langweilig es doch manchmal sein mag, wenn so viele Journalisten an ein und denselben Ort geschickt werden. 

  Das schönste war vielleicht das Ende dieser Geschichte. Auf der offiziellen Infoseite des NATO-Summits ist ein Video der Pressekonferenz von Präsidentin Vike-Freiberga nach Ende des Gipfels herunterzuladen. Gefragt, warum das Geburtstagstreffen mit Putin nicht stattgefunden habe, ob sie selbst etwa etwas dagegen gehabt habe, antwortet VVF souverän: "Ach wissen Sie, nächstes Frühjahr wird es einen ganzen Monat mit französischer Kultur hier in Riga geben, und Jacques ist einer der größten Unterstützer. Was Gäste angeht: außer den 25 Regierungschefs jetzt im Moment hatten wir in diesem Jahr schon drei Königinnen zu Gast, Besuche der Präsidenten von Aserbeidjan, Kasachstan, nächstes Jahr steht Besuch aus Japan an, - ich selbst bin eine sehr gastfreundliche Person, seien Sie dessen versichert, und wir werden niemanden einen Besuch verweigern. " Na denn - nur Mut, Vladimir - vielleicht nimmst Du Gerhard S. mal mit nach Riga, und hast noch einen Aufsichtsratsposten für Jacques C. bereit - es stehen in Frankreich bald Präsidentschaftswahlen an! 

28. November 2006

Riga menschenleer

Der NATO-Gipfel fegt Rigas Altstadt leer. Rund um die Tagungsorte der Polit-Promis ist eine strenge Sicherheitszone angelegt, die meisten Betriebe erklären den heutigen Tag sogar zum Feiertag (und verlegte den Arbeitstag auf den vergangenen Samstag vor, oder arbeiten nächsten Samstag nach). Viele Menschen stellen sich darauf ein, Ergebnis: die Altstadt Rigas wirkt heute dermaßen leergefegt, saubergeleckt und menschenleer wie lange nicht mehr.

Nicht abgeschaltet wurden aber einige Webcams: "Big Brothers and Sisters - still watching - ?"

Riga Webcams:


Kalku iela

Schwarzhäupterhaus

Erholung vom NATO-Rummel: Eislaufen am LIDO

Keine Erholung: Wegen NATO-Rummel geschlossenes Geschäftsbüro


Ein simpler Merksatz

Im Umfeld des NATO-Gipfeltreffens in Riga wird gegenwärtig eine Menge Infomaterial zu Riga und Lettland neu aufbereitet. Über 1700 Medienverteter/innen aus aller Welt wollen "gefüttert" werden ...

Eine fantastisch kurz gefasst Definition findet sich unter den Materialien zu lettischer Geschichte. Eigentlich sind es - neben einer historischen Karte - nur drei ganz kurze Sätze, und zwar folgende:
"Die Republik Lettland wurde gegründet 1918. Sie wurde beständig seit 1920 von anderen Ländern als Staat anerkannt, trotz Okkupationen durch die Sowjetunion (1940-41, 1945-1991) und durch Nazi-Deutschland (1941-45). Am 21.August 1991 erklärte Lettland die Wiederherstellung seiner de facto Unabhängigkeit."

Noch Fragen?







Andere Materialien:
- Neuer Film des Lettischen Instituts (downloadbar): Sounds like Latvia
- Ein nettes, älteres Foto von "unsere Angela" in der Liste der zum NATO-Summit erwarteten Regierungschefs
- Angela Merkel lädt zum Video-Podcast aus Riga ein
- Erinnerungsposter (auch als "Wallpaper" für den Desktop gedacht)
- Webcast vom Riga-Gipfel
- Alles über die lettischen wollenen Handschuhe, die den 4500 Gästen als Geschenke überreicht werden
- Extra-Post: die Sonderbriefmarke des Riga-Gipfels

24. November 2006

NATO-Gipfel: mit den "Dialogen von Jurmala" fing es an

In den Tagen kurz vor Beginn des NATO-Gipfels in Riga wird häufig betont, dass dies das erste Treffen des nordatlantischen Militärbündnisses in einer früheren Sowjetrepublik sei. Schon am 11.Oktober hatte aber die lettische Tageszeitung DIENA zurecht auch an den Beginn ernsthafter Dialoge zwischen Vertretern der USA und der damaligen Sowjetunion erinnert.Vom 15.-19.September 1986 - also vor ziemlich genau 20 Jahren - hatten die "Dialoge von Jurmala" für internationales Aufsehen gesorgt. Erstmals trafen damals sogenannte "Vertreter der Gesellschaft" aus den USA und der Sowjetunion aufeinander. Auf beiden Seiten waren die Repräsentanten sicherlich "handverlesen" - aber heute wird das damalige Ereignis im großen "Dzintars"-Konzertsaal des lettischen Badeortes offensichtlich auch als Beginn eines Prozesses gesehen, der Offenheit, Demokratie und Redefreiheit auch in Lettland wieder zur Geltung verhalf. (Fotos: Archiv INFOBALT, Bremen)

Es war die Regierungszeit von Ronald Reagan und Michael Gorbatschow. Die Abrüstungsfrage zwischen den Großmächten (Stichwort "Rüstungswettlauf") wurde dabei 1986 "als die unschuldigste Frage aller Fragen" behandelt - so sieht es Jurist Aloizs Stepēns in seinem Rückblick heute (DIENA 11.10.06). Das Verständnis zu Menschenrechtsfragen sei damals zwischen den beiden an den Gesprächen beteiligten Großmächten diametral e
ntgegengesetzt gewesen, so sieht es Stepēns heute. Trotz gut vorbereiteter Inszenierungen der Sowjetführung seien damals dennoch einige Themen in die lettische Öffentlichkeit gelangt, die in der Art der Diskussionsweise vorher unbekannt gewesen seien. So habe der damalige Reagan-Mitarbeiter und späterer US-Botschafter in Moskau, Jack Matlock, bereits 1986 in Jurmala offen angesprochen, dass die USA den erzwungenen Verlust der Unabhänggikeit Lettlands nach dem 2.Weltkrieg niemals offiziell anerkannt hätten.

Die Veröffentlichung einer öffentlichen Dokumentation der "Jurmalas Dialogi" fiel dann 1987 bereits in eine Zeit, als die lettische Volksfront, die Unabhängigkeitsbewegung,
die Umweltbewegung, sich bereits ebenfalls stark genug für ein öffentliches Auftreten fühlten. („Jūrmalas dialogi – PSRS un ASV sabiedrības pārstāvju tikšanas“. Verlag Avots, Riga, 1987, 327 Seiten).
Diese Konferenz 1986 in Jurmala war das erste öffentlich dokumentierte Aufeinandertreffen von hochrangigen Vertetern der USA und der damaligen Sowjetmacht. Ein Versuch des Austausches, der natürlich seine Grenzen in den damaligen Möglichkeiten hatte. Etwas Ähnliches hatte es damals bis dahin auf dem Gebiet der Sowjetunion nie gegeben - der Anfang zu selbstständigem Nachdenken von lettischer Seite, das Schicksal in die eignene Hände zu nehmen. Politisch interessierte Menschen in Lettland blicken heute Richtung Ukraine, Weißrussland oder Georgien, wenn sie sich dieser Zeiten erinnern.