31. März 2026

Tote Tiere im Wahlkampf

Lettland wirbt mit seinen Naturlandschaften: man denkt zum Beispiel an Kap Kolka, an die breiten Stromschnellen bei Kuldiga, den Märchenpark von Tērvete, an die natürlich erhaltenen Strände der Ostsee, und an viele Flüsse und Seen. Als höchste Naturschutzkategorie gibt es auch in Lettland Nationalparke: an der Gauja, am Kolkasrags bei Slītere, am Rāznas-See im Osten Lettlands, und eben in Ķemeri, einem alten Kurort unweit von Jūrmala. Der Nationalpark in Ķemeri besteht seit 1997, kann also bald sein 30-jähriges Bestehen feiern. Doch zur Zeit macht der Ort unrühmliche Schlagzeilen: auf den Wiesen des Nationalparks sollen in kurzer Zeit ungewöhnlich viele Tiere verendet sein. 

Wilde Wiesen, wildes Leben

Es geht um Kühe und Pferde. Genauer gesagt: um Auerochsen und Konik-Pferde. Im Jahr 2004 wurden im Rahmen eines „LIFE-Nature“-Projekts der Europäischen Union 15 Auerochsen aus Belgien hier angesiedelt. Ziele waren die Wiederherstellung von Graslandbiotopen und die Renaturierung offener Landschaften. 

Und das, was heute als "Auerochsen" auf dem Nationalparkgelände frei leben kann, sind gezielte Züchtungen mit dem Ziel, etwas Ähnliches wie die Urform der Hausrinderrassen wiederzubeleben (youtube). Die ersten erfolgreichen Züchter waren die deutschen Zoologen Heinz und Lutz Heck (daher manchmal auch "Heckrind" genannt). (youtube / NLWKN)
Nun greift der Mensch nur noch minimal in das Leben dieser Tierherden ein, wie es auch Andis Liepa, Leiter der Stiftung Nationalpark Ķemeri, schon vielfach der Öffentlichkeit zu erläutern versuchte (jauns / lsm / youtube). 

"Latvia Travel" schreibt als Info für Touristen: "Auf den von Wäldern umgebenen Dunduru Wiesen weiden in einer großen Koppel Heckrinder und Pferde der Rasse Polski Konik. Diese Tierarten sind speziell für das Leben unter freiem Himmel gezüchtet worden und sehr ähnlich ihren längst ausgestorbenen Vorfahren – den Auerochsen und Tarpanen, diese Tiere kann man vom Aussichtsturm beobachten."

Naturidylle per Vertrag 

Bei den Konik-Pferden gab es 2005 zunächst einen Partnerschaftsvertrag mit dem World Wildlife Fund (WWF, als Tierhalter, anfangs 15 Kühe und 10 Pferde). 2010 übergab der WWF die Auerochsen und Konik-Pferde (inzwischen 87 Tiere) an die Stiftung Ķemeri-Nationalpark (ĶNPF). 466 ha gepachtetes Gelände steht zur Verfügung. Im Laufe der Jahre hat sich Zusammensetzung der Herden auf natürliche Weise verändert und die Tiere haben sich in freier Wildbahn ohne menschliches Zutun und ohne tierärztliche Aufsicht vermehrt.

Ein Problem blieb bestehen: das lettische Gesetz sieht keine Sonderregeln für "wild" gehaltene Tiere vor - und verlangt zum Beispiel regelmäßige Blutproben und Untersuchungen aller Tiere, was aber ein Einfangen und Verschrecken aller Tiere zur Folge hätte. Andis Liepa kennt diese Diskussion schon seit vielen Jahren - und hofft auf ein konstruktives Vorgehen der Behörden. (jauns) 2024 kam es sogar schon einmal zu einem Gerichtsprozess. Naturschützer Liepa ist der Meinung, die sich häufenden Beschwerden seien besonders von Jagdvereinen zu erwarten, die ihre Aktivitäten hier ausweiten und nur zu gern die Stiftung als Verwalter loswerden möchten. (lsm

Dutzende Tierkadaver? 

Nun aber ist plötzlich in manchen lettischen Zeitungen von "Dutzenden toter Tiere" die Rede (lsm). Zitiert wird auch Aldis Stepanovičs, ein Bauer, mit der Behauptung: "Meiner Beobachtung nach verkümmern die Tiere hier einfach und sterben. Ich glaube, dass die Haltungsbedingungen hier ungeeignet sind.“

Inzwischen hat das Thema schon sehr viele, die sich berufen fühlten, zu einer öffentlichen Stellungnahme bewogen: Lettland befindet sich im Wahlkampf. Der Landwirtschaftsminister, Politiker verschiedener Parteien - und die zuständige Naturschutzbehörde hat auf ihrer Website eine Erklärung veröffentlicht, wonach sie lediglich als Verpächterin des Grundstücks auftrete und daher die gesamte Verantwortung… beim Pächter – dem Verein „Stiftung Ķemeri-Nationalpark“ – liege (NTZ).  

Wie viele Tiere sind wirklich gestorben? Anfangs kursierten immer höhere Zahlen, von bis zu 79 Kadavern war die Rede, es gab sogar einem offenen Brief an den Staatspräsidenten. Die lettische Polizei startete eine Untersuchung. Naturschützer Liepa dagegen betont, dass die Zahl der Todesfälle deutlich übertrieben sei und der Tod der Tiere nichts Außergewöhnliches darstelle: „Der Winter dieses Jahr war einfach härter, und diejenigen, die in den vergangenen Wintern überlebt hatten, sind dieses Jahr in größerer Zahl gestorben“. (IR)

Der natürliche Lauf der Dinge 

Nach Ansicht von Ivars Lodiņš, dessen Jagdverein eine Genehmigung zur Jagd auf Wildschweine und Biber in den Dunduru-Wiesen besitzt, gibt es diese Probleme schon seit Jahren. „Ob es Überbevölkerung ist, oder einfach Nachlässigkeit, Unterernährung – schwer zu sagen“ meint Lodiņš. Es sei zu überlegen, ob es wirklich akzeptabel sei, so viele verendete Tiere in der Natur zu belassen. - Aber auch Baiba Kārkliņa vom lettischen Landwirtschaftsministeriums bestätigt, dass die hohen Zahlen der Kadavermeldungen wohl nicht real sind, und darauf zurückzuführen seien, dass die Tierkadaver aus dem direkten Blickfeld entfernt wurden. „Jedes Mal, wenn Menschen ein Tier an einem neuen Ort entdecken, melden sie es“, meint sie. (IR)

Andis Liepa bestätigt, dass bei einer Gesamtzahl von 130 Auerochsen und etwa 100 Pferden insgesamt 40 den Winter nicht überlebt haben (sechs Pferde, 34 Kühe/Ochsen). Diese Zahl bestätigt auch Māris Balodis, Generaldirektor des lettischen Veterinäramts (PVD). Bei einer am 13. März durchgeführten Kontrolle der Behörde seien 30 Tierkadaver in verschiedenen Verwesungsstadien dokumentiert worden – die Tiere seien also nicht alle gleichzeitig, sondern über den gesamten Winter hinweg verendet, einige vielleicht sogar schon in der vergangenen Saison. Während der Inspektion wurden keine deutlich geschwächten oder abgemagerten Tiere beobachtet. (daba.gov.lv)

Auch für Wolf und Adler 

Der im Jahr 2024 verabschiedete Naturschutzplan des Nationalparks Ķemeri bis zum Jahr 2036 sieht vor, dass in den Dunduru-Wiesen des Nationalparks Auerochsen und Tarpanpferde leben werden – halbwilde Tiere, deren Haltung der Weidebewirtschaftung dient. Der Plan sieht vor, dass lebende und verendete Tiere Raubtiere anziehen und diese für die Ansiedlung von Adlern und anderen besonders geschützten Arten von Bedeutung sind.

Das lettische Landwirtschaftsministerium ist - trotz der rechtlichen Unklarheiten - inzwischen der Meinung, dass die hier gehaltenen Tiere rechtlich als "Wildtiere" anzusehen sind. Daher seien Vorschriften für Nutztiere nicht anwendbar. „Deshalb ist hier bezüglich der Anforderungen für diese Tiere die die Naturschutzbehörde zuständig, die sie in ihrem Plan auch als 'halbwilde Pflanzenfresser' definiert hat“, erklärt Baiba Kārkliņa. „Sie sind nicht mehr in unseren Registern verzeichnet, und die Einfuhr dieser Tiere wurde definitiv nicht mit uns abgestimmt!“ - Die Naturschutzbehörde allerdings widerspricht: es seien hier keine Wildtiere, da sie unter kontrollierten Bedingungen gehalten und für einen bestimmten Bewirtschaftungszweck genutzt werden. Es handelt sich um gezüchtete Rassen, die in eingezäunten Gebieten gehalten, bei Bedarf zugefüttert und deren Population gesteuert wird. Daher gelte für diese Tiere die Anforderungen an die Haltung von Nutztieren - also Zuständigkeit des Landwirtschaftsministeriums. Ein schöner Behördenstreit! (IR) Man darf gespannt sein, wie es weitergeht ...

27. März 2026

Handarbeit bevorzugt

Am 26. März beschlossen die Abgeordneten des lettischen Parlaments (Saeima) ohne Gegenstimmen einen Vorschlag der zentralen Wahlkommission (CVK) anzunehmen, wonach die Stimmzettel der am 3. Oktober 2026 anstehenden Parlamentswahlen wieder per Hand ausgezählt werden sollen. Auch Staatspräsident Edgars Rinkēvičs hat dazu aufgerufen, die Stimmen manuell auszuzählen, und dabei Bedenken hinsichtlich der Risiken einer Beeinflussung auf digitalem Wege geäußert. 

Zuvor hatte der Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, Māris Zviedris, erklärt, dass es an ausreichenden Informationen über mögliche Verstöße bei der Beschaffung von Informationstechnologie und deren Auswirkungen auf die Wahlen mangele. Damit die Entscheidung nicht auf Vermutungen beruht, wurde sie dem Gesetzgeber übertragen. 

Bei den lettischen Kommunalwahlen 2025 war eine Stimmauszählung mittels speziellen Scannern vorgesehen gewesen - das musste aber noch am Wahlabend wegen erheblicher technischer Probleme gestoppt werden. Spät in der Wahlnacht ging man dann dazu über, die Stimmzettel doch noch manuell auszuzählen (siehe Beitrag). Diese Pannen kosteten sowohl der damaligen Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission als auch die Ministerin für Kommunalangelegenheiten ihre Posten. (lsm) (lvportals) (LA)

Die zentrale Wahlkommission kündigte derweil neue Maßnahmen an.„Wähler in ganz Lettland haben die Möglichkeit, ihre Stimme während der gesamten Wahlwoche abzugeben. Zum ersten Mal wird diese Möglichkeit vom 28. September bis zum 2. Oktober in allen lettischen Wahllokalen angeboten, und zwar täglich für drei Stunden. Wir hoffen, mit dieser und anderen Erleichterungen eine höhere Wahlbeteiligung zu fördern“, kündigte CVK-Vorsitzender Zviedris an (cvk). Es sollen auch Wahllokale an "ungewöhnlichen Orten" eingerichtet werden: in Einkaufszentren, am Flughafen, in Krankenhäusern und sogar im Rigaer Zoo.

25. März 2026

Meine Torte heißt Inese!

Unschuld, Güte und Schönheit - Eigenschaften, die manche dem weiblichen Vornamen "Inese" zuschreiben. Aber, wer ins kleine lettische Städtchen Kuldiga kommt, wird vielleicht auch eine Bäckerei oder ein Café aufsuchen wollen, um in den Genuß eines Rendevous mit "Inese" zu kommen. Im besten Fall ist hier auch Konditormeisterin Inese Goldmane zu finden - sie gründete 1993 ihr eigenes Unternehmen, zierte es mit dem eigenen Vornamen, und gibt allen Kundinnen und Kunden das Versprechen, als Zutaten 100% nur Produkte von Herstellern aus der eigenen Region zu verwenden.

Kaffeesieren in Kurland 

Inzwischen sind die Torten auch in einigen lettischen Supermärkten zu finden - und in Kuldiga vor Ort natürlich. Inese Goldmane lädt ein: Brauc ciemos! ("Kommt zu Besuch"). Der Bezirk Kuldiga zeichnete das Unternehmen 2019 als "Produzent des Jahres" aus. Honigtorte, Schokoladentorte, Quarktorte ... alles im Angebot. "Wir sind ein kleines Unternehmen", sagt Inese Goldmane, "ungefähr wie ein Fußballteam."

„Zu unseren Verkostungen kommen Touristen auch aus den Nachbarländern, besonders aus Litauen“, erzählt der zweite Eigentümer des Unternehmens, Juris Goldmanis. Er ist Ineses Sohn, hat in Liepāja Kulturmanagement studiert und anschließend an der Bankhochschule Innovationsmanagement. Vor drei Jahren erwarb er 49 % der Unternehmensanteile. Die Entscheidung, ihren Sohn in das Familienunternehmen einzubeziehen, traf die Mutter, nachdem sie seine Ausbildung und seine unternehmerische Erfahrung gewürdigt hatte. (IR)

Regionale Produkte 

Wer einen Besuch plant, muss allerdings etwas außerhalb von Kuldiga suchen: an der Straße Richtung Saldus liegt der kleine Ort "Vārme", seit der Gebietsreform 2009 dem Kreis Kuldiga angegliedert. Angefangen hatte es mal mit einer Bäckerei auf 80qm im eigenen Wohnhaus - deshalb hieß die Firma, wie das Haus, zunächst "Priednieki". Ineses inzwischen verstorbener Mann Edgars war bei der Gründung auch dabei. In Vārme kann nun auf 800 qm gearbeitet werden, mit acht Angestellten, dazu manchmal noch Praktikant/innen. 

„Da wir kleine Produzenten sind, mussten wir einen Weg finden, uns von den industriellen Herstellern abzuheben“, sagt Inese. Sie fanden ihre Nische, indem sie Torten und Desserts aus für Verbraucher/innen verständlichen, einfachen und natürlichen Zutaten herstellen: Milch, Quark, süße Sahne, Butter, Eier, Mehl, Zucker, Beeren und Schokolade. Die Milch kommt aus Kazdanga, das Mehl aus Dobele, die Eier - zumindest aus Lettland. Derzeit sind 20 verschiedene Torten im Angebot. Inese Goldmane erinnert sich noch gut an die erste sehr erfolgreiche Torte: eine Honigtorte. Sehr beliebt bei lettischen Leckermäulern sind Torten mit Himbeeren, Erdbeeren oder Kirschen. Und zum Valentinstag gab es schon mal eine Torte in Herzform, zum Frauentag eine mit Tulpenverzierung. (IR)

Neue Ideen mit Erdäpfeln 

"Als wir anfingen, gab es nur fünf andere Firmen mit ähnlichen Produkten", erzählt die Chefin, "inzwischen hat sich die Konkurrenz erheblich verschärft." Eine neue Variante ist jetzt eine süße Kartoffeltorte - mit Himbeeren, Orangen und Schokolade als Angebot an Veganer gedacht. Dazu wurden in einem Modellprojekt 11 Kartoffelsorten ausrobiert und getestet, welche sich am besten eignen. "Aber die durchschnittlichen Letten sind wohl der Meinung, dass man Kartoffeln nur zusammen mit Fleischsoße essen kann", lacht Inese Goldmane. 

14. Februar 2026

Wahlfach Kunst oder Sport

"Wir sind ein Volk das singt!" so heißt es oft in Lettland, und so sieht es auch Zane Čulkstēna, Gründerin des "KIM?", des Zentrums für zeitgenössische Kunst, und Initiatorin vieler Kulturprojekte in Lettland. Eine aktuelle Umfrage unter lettischen Jugendlichen zeigt: rund 19 % der jungen Menschen äußern den Wunsch, in der Kreativbranche (Kunst, Design, Musik) zu arbeiten, und von einer Karriere als Sportlerin oder Sportler träumen 14%. (IR)

Drang auf die Bühne 

Das bedeutet: fast ein Drittel aller jungen Leute drängen sich in diese beiden Bereiche, die allerdings zusammen nur 3-4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Lettlands erwirtschaften. Durchgeführt wurde die Studie im Rahmen der Initiative "Education Accelerator Latvia", auf drei Jahre (2023-26) angelegt, deren Ziel es ist, durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor einen langfristigen, systemischen Wandel in der beruflichen Bildung und Kompetenzentwicklung zu fördern. (labsoflatvia)

"Wir sind ein Volk von Sängern und Theaterschauspielern, das ist natürlich wunderschön!" meint auch Zane Čulkstēna, und schreibt das vor allem den großen Fanlagern von Stars wie Kristaps Porziņģis oder Kaspars Daugaviņš zu. (IR) Sie selbst studierte mit einem Fulbright-Stipendium an der Columbia-Universität in New York. "Mir ist wichtig, ein Teil der Welt zu sein, nicht nur ein Teil Lettlands", sagte sie einmal in einem Interview. (santa

"Aber ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen ist verwirrt und weiß nicht, welchen Karriereweg sie einschlagen sollen", meint Čulkstēna. "Wenn aber alle auf der Bühne stehen wollen, wer kauft dann die Konzertkarten, wer wird zum Kunstmäzen, wer unterstützt mit seinen Steuern die Durchführung der Sängerfeste? Und wer kann ein neues Theatergebäude errichten?“

Gefeiert und prämiert 

Čulkstēna selbst bietet Marketing- und Imageberatung für Arbeitgeber an und ist Inhaberin der Consultingfirma „ERDA“ (der Firmenname sei von einer Figur in der Wagneroper "Ring des Nibelungen" inspiriert), dort werden auch mit dem Weltwirtschaftsforum gemeinsame Projekte durchgeführt. 

Beim Nachwuchs in Lettland dagegen nimmt das Interesse an Unternehmertum, Finanzen und Wirtschaft ab. Und nur 24% geben an, ein Gespräch mit einem Berufsberater innerhalb oder außerhalb der Schule gehabt zu haben. Die erwähnte Studie, an der 4.881 junge Menschen aus 152 lettischen Schulen und Fachhochschulen teilnahmen, offenbart auch Mängel im System: etwa ein Drittel der Befragten äußert Interesse an Betriebs-Praktika, aber die Hälfte davon hat keinen Praktikumsplatz bekommen. (labsoflatvia / lsm)

Es gehe auch um das Image eines Berufs, meint Zane Čulkstēna. „Junge Menschen haben eine romantische, sogar naive Vorstellung von kreativen Berufen – wenn du Gitarre spielst, bist du cool und berühmt! Das wird auch stark von den Medien gefördert“. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen veranstalte jedes Jahr Preiseverleihungen für die Kultur - es gäbe aber keinen Jahrespreis für Chemie oder Energietechnik. Und in vielen Schulen gäbe es einen Chor, eine Tanzgruppe und einen Keramikkurs - aber keinen Robotik-, Ingenieurs- oder Chemieclub. (IR)

8. Februar 2026

Jung und fruchtbar

In Deutschland ist das Thema schon durch die Presse gegangen, in Lettland ist es neu: ein Verein, der Sexualaufklärung für Jugendliche anbietet, und das auch in Schulen tun möchte. Das Stichwort ist "Teenstar" - und gemeint ist nicht etwa eine Castingshow. Beiträge in deutschsprachigen Medien berichten über "religiöse Hardliner", "Sexualpolitik aus dem Mittelalter" (Moment), "Queerfeindlich" (BR / BLLV), "menschenrechtlich bedenklich" (ORF), "Religiös-extremistisch" (EPF) und über "vermeintliche Homo-Heiler" (Deutschlandfunk).

Nun ist Ähnliches offenbar auch in Lettland angekommen. Leicht ist es nicht, einen Überblick zu bekommen, denn zumindest "TeenStar Deutschland" gibt keine Daten darüber bekannt, in welchen Schulen man tätig ist.

Schule mit Sonderkursen

Dem lettischen Katholikenportal "Katolis" zufolge arbeitet "TeenStar" in Lettland mit dem 1992 gegründeten Religionswissenschaftlichen Institut in Riga zusammen (Rīgas Augstākais reliģijas zinātņu institūts), das sich, wie könnte es anders sein, in Riga in der "Katholischen Straße" (Katoļu ielā) befindet. Hier wird auch für "Radio Maria" geworben. Die Pläne der "TeenStar"-Initiatoren in Lettland werden so beschrieben: unter Berufung auf das in den USA von der gebürtigen Wienerin Hanna Klaus entwickelte Programm sei geplant, zweisemestrige Ausbildungsprogramme für drei Altersgruppen anzubieten: für Grundschüler (11–14 Jahre), Gymnasiasten (15–19 Jahre) und Studierende (ab 20 Jahren). Die Abkürzung STAR stehe dabei für „Sexuality Teaching in the context of Adult Responsibility” (Sexualkunde im Kontext der Verantwortung von Erwachsenen). 

Begeisterungsfähig - aber enthaltsam?  

Zunächst aber werden lettische Lehrkräfte geschult, und zwar von Ausbildern aus Kroatien: bereits im Oktober 2025 begannen entsprechende Kurse. Interessant, dass zur Teilnahme "keine besondere Vorbildung" gefordert wurde - laut Portal "Katolis" seien vielmehr "persönliche Reife, Begeisterungsfähigkeit und ein authentischer Lebensstil" entscheidend. Als Ausbildungsorte seien Kirchengemeinden gewünscht. Eine Jobmöglichkeit für ausgebildete Pädagogen oder Pädagoginnen ist dies also nicht. 

Als Ausbildungsveranstalter in Lettland tritt ein Verein"Ģimenes ekoloģijas Institūts" ("Institut für Familienökologie") auf, der auch lizensiert sei die Programme „Cikla šovs“ ("Show des Zyklus", für Mädchen) und „Aģenti misijā“ ("Agenten auf ihrer Mission", für Jungen) in Lettland durchzuführen. Außerdem sei der Verein Mitglied des EIFLE (Europäisches Institut der Erziehung zum Familienleben) und führe "Methoden zur Fruchtbarkeitserkennung" durch. Im November 2025 wurde 23 Personen aus Lettland und 2 aus Litauen ein Ausbildungszertifikat übergeben (augliba). 

Frisch geschulte "TeenStar"-Seminarleiter/innen in Lettland

Geschätzt und geschützt 

Über diese "Zyklusshow" berichteten auch schon deutsche Medien (siehe Deutschlandfunk). Der lettische Veranstalter beruft sich ausdrücklich auf Dr. Elisabeth Raith-Paul (siehe MFM und MFM Deutschland), die als "Erfinderin" dieser Kurse gilt. Motto: "Nur was ich schätze, kann ich schützen". Bei den Kursen für Jungs schlüpfen diese übrigens in die Rolle einer Samenzelle und wetteifern darum, wer zuerst bei der Eizelle ist. (siehe auch: hpd)

"Brauchen Schüler in Lettland christliche Sexualerziehung, die 'Verhütungspropaganda' kritisiert?" fragt Journalistin Ieva Jakone in der lettischen Zeitschrift "IR". Auch der internationale Verband katholischer Ärzte FIAMC hatte bereits auf Hanna Klaus hingewiesen, die gegen "Verhütungsmentalität" das Motto "Fruchtbarkeit ist keine Krankheit" empfiehlt. 

Moralischer Werkzeugkasten

An der Universität Lettlands in Riga ist Dr. Fernandess-Gonsaless tätig, Mitglied bei "Opus Dei", ein geborener Spanier mit guten Lettischkenntnissen. Schon seit 2014 lief ein Projekt mit dem Ziel, methodische Materialien für Lehrer zu erstellen, die zeigen, wie man Kindern vom Vorschulalter bis zur letzten Klasse der Sekundarschule moralische Werte vermittelt. Tests liefen auch an lettischen Schulen (IR). Seit 2024 läuft nun ein weiteres Projekt, mit 200.000 Euro an EU-Geldern gefördert, mit dem Titel „Förderung einer auf Familienwerten basierenden moralischen Sexualerziehung im lettischen Bildungssystem“. Eine Fachkonferenz am 30. Januar 2026 bildete den Abschluß (arete, siehe auch: ogre-net). Und im „Werkzeugkasten zur Sexualerziehung“ wird hier als erstes "TeenStar" hervorgehoben. 

In Bayern dagegen gibt es immerhin staatliche Richtlinien für die Sexualkunde. Das zitiert auch Journalistin Ieva Jakone in ihrem Artikel, und sie ergänzt: "Im Jahr 2022 haben das deutsche Bildungsministerium und die Grundschulbehörde in Regensburg, Bayern, den geplanten Teen STAR-Sexualkundeunterricht abgesagt, da er nicht den offiziellen bayerischen Richtlinien für Sexualkunde entsprach. Teen STAR wurde Homophobie und christlicher Fundamentalismus vorgeworfen." (IR)

Im Mittelpunkt seiner Studie stehe eine Familie aus Mann und Frau, sagt Fernandes über sein Projekt. „Das bedeutet nicht, dass wir andere Familien verachten oder benachteiligen“, meint er. "Andere Kollegen an der Universität untersuchen andere Familienformen, wir haben nichts dagegen“. (IR) Als Ergebnis einer Umfrage geht seine Studie davon aus, dass lediglich 10% der bisher existierenden lettischen Unterrichtsmaterialien "akzeptabel" seien, also eine Familiengründung unterstütze. Zu oft stünden "nur Gesundheit und Menschenrechte" im Vordergrund - also wird vor allem "TeenStar" empfohlen.  

Energiesparen - mal anders 

Und auch mit folgenden Aussagen wird der Letto-Spanier zitiert: „Unsere Sexualität ist wie Energie, wie Geld. Es ist wichtig, dieses Potenzial nicht zu verschwenden, es nicht in bedeutungslosen Beziehungen und Erfahrungen mit Pornografie oder Masturbation, frühen sexuellen Erfahrungen zu verschwenden“, sagt er. Stattdessen sollte sexuelle Energie gespart und für das verwendet werden, wofür sie eigentlich gedacht ist: um Bindungen in „ernsthaften, dauerhaften Beziehungen, die offen für das Leben sind“ zu stärken. Es sei nicht notwendig, Kindern zu vermitteln, dass sie schon im Schulalter Sex haben müssten. „Es ist normal, dass ihr so etwas in eurem Körper spürt, ihr müsst euch keine Sorgen machen, aber ihr solltet es auch nicht sofort ausleben. Ihr müsst keine Drogen ausprobieren, um zu verstehen, was das ist.“ (IR)

Abtreibungen rückläufig 

Aktuelle Statistiken zeigen, dass die Zahl der Schwangerschaften bei jungen Frauen in Lettland zurückgeht - sowohl die Zahl der Mütter unter 20 Jahren als auch die Zahl der Abtreibungen sinkt. 2023 haben 374 junge Frauen unter 20 Jahren ein Kind geboren, im Jahr 2015 waren es noch 765. Die Zahl der Abtreibungen in dieser Altersgruppe ist, laut Angaben des lettischen Zentrums für Krankheitsprävention und -kontrolle SKPC, in den vergangenen Jahren zurückgegangen (siehe auch data.stat.gov.lv). 

Das Fach "Gesundheitsunterreicht" ist an lettischen Schulen nicht mehr obligatorisch. Bildungsministerin Dace Melbārde plant  aber eigene Weiterbildungskurse für Lehrkräfte: „Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche einen vertrauenswürdigen und sachkundigen Erwachsenen an ihrer Seite haben“. Über die Tätigkeit von Dr. Fernandess-Gonsaless sei ihr nichts bekannt. Das sei wohl ein Projekt der Universität und unterliege der Freiheit der Wissenschaft. Es sei aber nicht vorgesehen, die dort angebotenen Materialien allgemein im Bildungssystem zu übernehmen. (IR)

Auch die lettische Organisation "Papardes zieds" bietet schon seit vielen Jahren Bildungs- und Informationsprogramme und Kurse für Jugendliche verschiedener Altersgruppen zu den Themen sexuelle und reproduktive Gesundheit, Suchtprävention und psychische Gesundheit an, man beruft sich dabei auf Richtlinien und Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Deren Leiterin Iveta Ķelle äußert im Interview Unverständnis über das Projekt der lettischen Universität. „Es mag sein, dass viele verschiedene Meinungen notwendig sind, aber angesichts des extremen Mangels an Sexualaufklärung in Lettland denke ich, dass ein solcher Prozess und ein solches Programm mehr Schaden als Nutzen bringen.“ (IR)

1. Februar 2026

Fisch muss schwimmen

Barsche, Hechte, Brachsen, Plötzen, Schleien, Karpfen - wer Fisch mag, dem bietet sich in Lettland vor allem als Anglerin oder Angler ein breites Angebot. In einem Land, in dem im Winter Flüsse und Seen zufrieren und somit auch Eisangeln üblich ist, scheint das ganze lettische Jahr ein Angeljahr zu sein.

Fischland Lettland 

69 verschiedene Unternehmen beschäftigen sich in Lettland auch mit Fischzucht, also Aquakultur. Im Jahr 2023 beschäftigte die Branche insgesamt 302 Menschen. Gezüchtet werden Forellen, Karpfen, Störe und Welse. Insgesamt werden 783,9 Tonnen Fisch produziert, davon 25,5 Tonnen für den Export. Seit 2009 stieg die Produktion langsam, aber stetig an und erreichte 2021 mit 902,5 t einen vorläufigen Höhepunkt. Bisher wurde dieser Bereich als weniger bedeutender Teil der lettischen Fischwirtschaft angesehen, allerdings mit Wachstumspotential. (kem)

Einer dieser bereits existierenden Betriebe für Forellenzucht (Foreļu audzētava) ist zum Beispiel in Kaltene (bei Talsi) zu finden, offenbar schon seit 1980, also schon seit Sowjetzeiten. Ein anderer Betrieb ist Pelči, südlich von Kuldiga zu finden, wo Fischfutter aus Dänemark und Finnland eingesetzt wird. Oder die Fischzuchtanlage in Grūbe ("Krāces"), mit EU-Geldern modernisiert, nahe Ape an der estnischen Grenze vom Wasser der Vaidava gespeist, nebst Wasserkraftwerk und Tourismusanlage.

Groß gezüchtet 

Nun aber sollen Forellen im großen Maßstab "produziert" werden: bis zu 10.000 Tonnen in einer Saison. Es geht um Aquakultur, und zwar im offenen Meer: am Ostseestrand zwischen Roja und Meršrags plant eine japanische Firma die Errichtung einer solchen Anlage, und verspricht 43 Millionen Euro zu investieren. (lsm) "Musholm", eine dänische Tochtergesellschaft des japanischen Fischereikonzerns Okamura Foods, erwarb 51 % der Anteile an "Riga Bay Aquaculture" (RBA) (eurofish). Dieser Deal wird aber auch als Zeichen dafür gesehen, dass Musholm zunehmend Schwierigkeiten hat, sich mit den verschärften dänischen Lizenzen und Zuchtgenehmigungen auseinanderzusetzen. Also: Auf nach Lettland, dem Land der unschränkten Möglichkeiten?  Die Firma verspricht 60 feste Arbeitsplätze zu schaffen, dazu seien 150 Saisonarbeiter/innen gefragt. (ReTalsi)

Aquakultur-Planungsgebiete in der Rigaer Bucht

Küste ungeschützt? 

Wie ist das möglich? Die lettische Meeresschutzplanung sieht die Küste der Rigaer Bucht als nicht geeignet für Aquakulturanlagen an (siehe: likumi); ins Auge gefasst werden lediglich Untersuchungen, um vielleicht "umweltfreundliche Technologien" zu entwickeln. Der geltenden amtlichen Einschätzung zufolge sind, im Gegensatz zur Muschelzucht, von Aquakultur negative Folgen zu erwarten, denn "das während des Zuchtprozesses verwendete und nicht verwertete Fischfutter, die Stoffwechsel-Endprodukte und Medikamente verstärken die Eutrophierung der Meere und beeinträchtigen die natürlichen Populationen". Dem zufolge seien Aquakulturfarmen "in Küstengewässern in einer Tiefe von bis zu 20 m nicht zu empfehlen". (likumi)

Dennoch gibt es Pläne, dass 5 km von der Küste enfernt Anlagen zur Forellenzucht entstehen sollen. Minderheitsgesellschafter des Joint Ventures mit RBA ist auch die Familie Līnis mit ihrer Firma „Sudrablīnis Holdings“, die in Vecmīlgrāvis das Fischverarbeitungsunternehmen „Sudrablīnis“ betreibt. "Wir wollen gern unsere Produktion erweitern", sagt Miteigentümer Edgars Līnis, "und das dänische Unternehmen ist schon lange unser Partner". (lsm) Man stellte beim Landwirtschaftsministerium einen Antrag, dieses schrieb ein Modellprojekt aus, bei dem sich dann ernsthaft nur ein einziges Unternehmen bewarb: "Riga Bay Aquaculture". Das Projekt sieht vor, insgesamt 25 Netze mit einer Gesamtfläche von 196,4 ha in 50 cm (bis maximal 21 Meter) Tiefe unterhalb der Wasseroberbfläche zu installieren - in einem Bereich, der immerhin als Natura2000-Schutzgebiet ausgewiesen ist. (eva.gov.lv / Videseksperti)

Genehmigung noch unklar 

Kritik gibt es aber an der Vorgehensweise des zuständigen Ministeriums - wurde hier ein einzelnes Unternehmen bevorzugt, dessen Tätigkeit dann im Nachhinein irgendwie genehmigt werden soll? Normunds Šmits, Staatssekretär im lettischen Umweltministerium, erklärt den Vorgang so: "Wir haben keine Flächen für Aquakultur vorgegeben, das war der Wunsch des Unternehmens. Es gab keinen Grund, den Vorschlag nicht zu unterstützen. Wir sprechen hier nicht davon, dass die Bucht von Riga mit Fischfarmen übersät wird: es handelt sich um eine einzige Anlage". (IR

Aber widerspricht nicht Aquakultur in der Rigaer Bucht der bisherigen Meeresschutzplanung? „Gemäß dem Meeresplan befindet sich das Aquakulturprojekt in einem Gebiet mit allgemeiner Nutzung“, antwortet Jānis Irbe (ZZS), parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Klima und Energie. Faktisch gäbe es da keine generellen Beschränkungen (IR)

Beschwichtigungen 

"Die Einwohner von Roja und Mērsrags erwarten die Aquakulturbetreiber nicht mit offenen Armen", so schreibt die lettische Lokalpresse (ReTalsi / lsm / NTZ) Zudem stehen Umweltverträglichkeitsprüfungen noch aus. "Auch bei klarer Wetterlage sind die Anlagen praktisch vom Ufer aus nicht zu sehen, stören also niemanden", versucht Unternehmensvertreter Edgars Līnis wohl nach dem Prinzip "aus den Augen, aus dem Sinn" zu beruhigen. Auch Geruchsbelästigung gäbe es keine. 

"Bei uns produzieren wir 30 Tonnen Fisch pro Jahr", erzählt Zigis Goldmanis, Chef des lettischen Forellenzuchtbetriebs (Gamma-Rent) in Kaltene von eigenen Erfahrungen. "Für jedes kg Gewichtszunahme frisst ein Fisch 1,05 kg Futter", meint er, "aber der Fisch nimmt nur ein Teil der Nahrung auf, das Ergebnis ist ziemlich schmutziges und übelriechendes Wasser, vor allem Rückstände von Stickstoff und Phosphor". Das Argument, nur mit der jetzt geplanten Art und Weise der Forellenzucht konkurrenzfäig zu sein, lässt er nicht gelten: "Wenn man nicht konkurrenzfähig ist, sollte man besser Hühner züchten!" (lsm)

Bedenken 

Eigentlich ist bekannt, dass sich der Wasseraustausch in der flachen Rigaer Bucht nur alle 30 bis 50 Jahre einmal vollzieht - Verschmutzungen würden also langfristige Folgen haben. "Wir sind ja nicht kategorisch gegen Aquakultur", sagt auch Kristīne Raginska, Ortsamtschefin der Gemeinde Engure. "Wir sind aber gegen die Art, wie hier Fische gezüchtet werden sollen - die verlorenen Naturwerte bekommen wir nicht zurück." Das Lettische Institut für Hydroökologie (LHEI) bestätigte diese Annahme in einem Gutachten, das auch der Regierung vorgelegt wurde: durch die Forellenzucht in offenen Gehegen würden demnach jährlich mindestens 400–600 Tonnen Stickstoff und 50–100 Tonnen Phosphor in die Rigaer Bucht gelangen. "Die umfangreichen Emissionen aus der Aquakultur werden mit den Südwestströmungen entlang der Westküste des Rigaischen Meerbusens in Richtung Jūrmala und Riga fließen", meint LHEI-Direktor Juris Aigars. (lsm) Und die laut HELCOM zulässigen Schadstoffgrenzwerte für die Rigaer Bucht werden bereits jetzt überschritten - eigentlich wäre bei Stickstoff eine Reduzierung um 7 % und bei Phosphor um 23 % erforderlich. 

Sollte es trotz dieser Bedenken eine Betriebsgenehmigung für die Forellenzüchter geben, wird diese in der Regel für 30 Jahre erteilt. Noch ist nicht klar, wie die Umweltverträglichkeitsprüfungen der zuständigen lettischen Behörden ausfallen werden. Auch eine Aufforderung an das Unternehmen, die Zucht in geschlossenen Käfigen zu prüfen, wäre möglich. Von Seiten des Ministeriums für Klima und Energie (KEM) werde es aber keine Einwände geben, betont dessen Vertreter Jānis Irbe

18. Januar 2026

Fedirs Olymp

Kunst und Katastrophen 

Die Sportart, die er betreibt, heißt Lettisch "Daiļslidošana", wörtlich übersetzt: "schön Schlittschuh laufen". Also nicht einfach schnell, oder stundenlang - schön muss es sein. "Eiskunst" heißt es auf Deutsch. Aber Fedirs Kuļišs, wie sein Namen inzwischen lettisch geschrieben wird, sein Weg zur Kunst war kompliziert. Geboren am 26. März 2005 in Kiew, wurde ihm nun durch Beschluss des lettischen Parlaments (ohne Gegenstimmen) die lettische Staatsbürgerschaft zuerkannt (ein Weihnachtsgeschenk, unterschrieben vom Staatspräsident am 23.12). "Er integriert sich gut in Lettland, lernt Lettisch, entdeckt lettische Kultur, Traditionen und Lebensweise und zeigt bei Trainings, Wettkämpfen und im täglichen Umgang stets Respekt gegenüber dem Staat Lettland, seinen Menschen und Werten" heißt es in der Begründung (saeima / sportacentrs).

Adoptiert von der Trainerin 

Fedirs Kulišs hat schwere Zeiten hinter sich. Er war 16 Jahre alt, als beide Eltern durch eine Covid-19-Infektion starben; kurz darauf musste er erleben wie Russland sein Heimatland angriff (TV3). Ohne finanzielle Mittel, aber mit der Entschlossenheit, ernsthaft zu trainieren, klopfte Fedirs Kulišs zu Beginn des Krieges an die Türen des Eiskunstlaufclubs "Kristal Ice" und Trainerin Olga Kovaļkova in Riga an. „Er schrieb, dass er mittellos sei und nichts bezahlen könne, aber wenn wir ihn aufnehmen würden, könnte er kommen,“ so erzählt es die Trainerin. Schon mit 5 Jahren hatte Fedirs auf Eislaufkufen gestanden - gefördert von seinen Eltern (allskaters

Zwei für Olympia 

Bei den Weltmeisterschaften 2025 in den USA hatte Kulišs Platz 24 erreicht und damit für Lettland einen zweiten Startplatz für die Olympischen Spiele 2026 in Italien gesichert. Schon einige Jahre mehr Erfahrung hat Deniss Vasiļjevs, 26 Jahre alt, und schon zum zehnten Mal bei Europameisterschaften dabei. Vasiļjevs trainiert in der Schweiz bei Ex-Weltmeister Stéphane Lambiel, gewann 2022 EM-Bronze, erzielte damit das bisher beste Ergebnis eines lettischen Eiskunstläufers und wurde in Lettland zum "Sportler des Jahres" gewählt. 

Jetzt, nach den Europameisterschaften von Sheffield 2026, stehen beiden Letten besser da als das Nachbarland Estland, wo die Brüder Aleksandr und Mihhail Selevko bei den EM zwar mit Platz fünf und sechs besser abschnitten (Vasiļjevs Platz 9, Kulišs Platz 15) - da aber Estland in dieser Disziplin nur einen Olympiastartplatz hat, muss wohl einer von beiden Brüdern zu Hause bleiben (auch die Eltern dieser beiden stammen aus der Ukraine). 

Anfang Dezember 2025 wurde Fedirs Kulišs - in Abwesenheit von Vasiļjevs - sogar lettische Meister (skatelatvia / TvNet / lsm). "Ich bin mir nicht sicher, was ich von den Olympischen Spielen erwarten soll", so der Neu-Lette Kulišs, "Ich denke, es wird etwas sehr viel Größeres werden." 

2. Januar 2026

Bücher steuern

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es immer angebracht, auf Änderungen und Neuerungen hinzuweisen. In Lettland wird unter anderem der Steuersatz für Verlage geändert, die Bücher herausgeben wollen: ab dem 1. Januar 2026 gelten für Medienpublikationen verschiedene Mehrwertsteuersätze: nun wird nach Sprachen getrennt. 

Für Bücher in der Landessprache, also Lettisch (auch Latgallisch und Livisch), gilt ein Steuersatz von 5% - ebenso wie für Publikationen in allen Amtssprachen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im Ergebnis sind dann vor allem Bücher in russischer Sprache betroffen: darauf wird jetzt ein Mehrwertsteuersatz von 21% erhoben (vid.gov.lv / Likumi / Latvijas vēstnesis), ein Steuersatz, den man bisher nur im Fall pornographischer Inhalte kannte. 

Singen, sprechen, schreiben, lesen 

Rihards Jērums, Inhaber einer Buchhandlung in Riga, sieht diese Neuerungen kritisch: „Meine Buchhandlung verkauft seit den 90er Jahren hauptsächlich Bücher in russischer Sprache, auch Bücher von Emigranten und russischen Oppositionellen. Aber diese neue Regelung, dass wäre ja so, als ob Konzerte mit unterschiedlichen Steuern belegt werden, wenn in verschiedenen Sprachen gesungen wird. Vielleicht sollte man überlegen, ob man die Regelung nicht anfechten kann." (lsm) Jērums befürchtet, dass manche kleine Buchhandlung schließen muss, wenn die Verkaufspreise so stark steigen - und damit der Staat auch nicht die vielleicht erhofften zusätzlichen Steuergelder einnehmen kann. Außerdem gäbe es ja sowieso schon den Trend, Bücher im Internet zu kaufen - dann eben bei irgendwelchen europäischen Online-Shops. 

Zu guten Verkaufserfolgen hätten bisher auch russische Staatsbürger beigetragen, die in EU-Länder, darunter auch nach Lettland, umgezogen seien: „Das sind Menschen, die viel lesen. Es gibt sehr viele von ihnen hier", meint Jērums. Er nennt das Beispiel von Anton Dolin, ein seit 2022 im Exil lebender Filmkritiker, der in Russland zum „ausländischen Agenten” erklärt wurde. "Dank ihm exportieren lettische Händler sehr viele Bücher aus Russland nach Europa. Sie werden gleich palettenweise über Riga verschickt."

Import und Export 

Journalist Viesturs Radovics hatte für das Portal "delfi" recherchiert, ob in Lettland russische Bücher mit Titeln wie "In den Schützengräben des Donbass - der Kreuzzug des Neuen Russland" oder "Das postsowjetische Lettland - ein betrogenes Land" erhältlich sind (delfi). Seit 2022 sei solche Propaganda nach und nach aus den Regalen lettischer Buchhandlungen verschwunden, meint er. Aber noch 2023 habe Lettland Bücher, Zeitschriften, Karten und Ähnliches im Wert von 6,88 Millionen Euro aus Russland importiert - 2022 sogar für 7,55 Millionen Euro. In den Jahren davor sei der Wert importierter Bücher geringer gewesen: 2019 seien es 3,46 Mill. Euro gewesen. Radovics benennt drei große Firmen in Lettland, die größte sei eine GmbH "Kors N" mit 114 Angestellten in 12 Buchläden. In der zweitgrößten Firma in Lettland, "Kniga" ("Polaris"), haben man noch 2015 ein ganzes Regal mit Büchern gesehen, welche die Ukraine als "regiert von Faschisten" bezeichnet hätten. Auch bei Buchhändler Jērums war Radovics zu Besuch: dieser habe im erläutert, er verkaufe zum Beispiel schon lange keine Karten mehr, wo die Krim als russisches Gebiet eingezeichnet sei (delfi). 

Kaufen, ausleihen, online lesen?  

Auch Bibliotheken in Lettland erwerben weiterhin Bücher, die in Russland herausgegeben sind, stellt Journalistin Inga Šnore für die Fernsehsendung "De facto" fest. "Bibliotheken sollten neutral sein, und gleichzeitig unabhängig", sagt Baiba Īvāne, Mitglied der Lettischen Bibliothekarsvereinigung und Chefbibliothekarin der Bibliothek des Bezirks Salaspils. "Niemand kann uns vorschreiben, was wir einkaufen, und was nicht. Daher kam der Aufruf, möglichst keine Bücher eines Agressorstaates anzukaufen, tatsächlich erst in diesem Jahr", erläutert sie. Einen entsprechenden Aufruf haben inszwischen 200 Bibliotheken in Lettland unterschrieben. "Aber was wir während der Zeit der sowjetischen Besatzung erlebt haben - lange Listen mit verbotenen Büchern, und die Bibliothek als Sprachrohr der Macht - das wollen wir auf keinen Fall," betont Īvāne (lsm). 

Skaidrīte Naumova, Verlegerin beim Verlag "Madris", berichtet von eigenen Versuchen, Bücher sowohl in lettischer als auch in russischer Fassung zu publizieren. "Aber es endete nicht gut," meint sie, "wir konnten diese Bücher nicht zu so einem günstigen Preis anbieten, wie vergleichbare Publikationen aus Russland." (lsm) Unter den bekannteren russischen Autoren gäbe es nur Boris Akunin, dessen Werke inzwischen in Riga gedruckt würden, heißt es. 

Eine ganz andere Frage wäre es ja auch, wenn Verlage Bücher in zwei verschiedenen Sprachen herstellen - bei Gedichten zum Beispiel ist das ja öfters der Fall. Die Frage, welcher Steuersatz dafür dann in Lettland gelten soll, scheint bisher noch nicht entschieden. Und über Bücher in Jiddisch, Belarussisch, Roma oder Walisisch (letztere ist keine offizielle EU-Amtssprache) haben wohl auch noch nicht alle Verantwortlichen im lettischen Finanzministerium nachgedacht. Ebenso noch offen scheint die Frage, was mit Internetportalen passiert, die Inhalte in mehreren Sprachen, darunter Russisch, anbieten. 

Beschlossen im Paket 

Aus den Reihen der Parteien, die gegenwärtig die lettische Regierung bilden, sind auch kritische Äußerungen zu der neuen Regelung zu vernehmen - die allerdings wohl nicht soweit gehen, sich im Parlament gegen dieses Gesetz auszusprechen. Man habe die Regelung als Ergebnis von Koalitionsabsprachen "im Paket" mit anderen Beschlüssen befürwortet. Für nachträglichen Widerspruch scheint auch der Zusammenhalt der Koalition aus "Jauna Vienotība", "Progressiven" und der "ZZS" als zu wackelig und instabil, und niemand der Regierenden möchte das verschärfen. Zudem stehen für den 3. Oktober diesen Jahres Parlamentswahlen an. 

Naja, es ist ja erst Jahresanfang. Die Gesetzesänderung wurde übrigens zusammen mit Steuererleichterungen beschlossen - so liest es sich insgesamt vielleicht angenehmer? Im Rahmen eines Pilotprojektes wird der Mehrwertsteuersatz auf Brot, Milch, Geflügelfleisch und Eier in Lettland vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2027 auf 12 % gesenkt. Das Landwirtschaftsministerium wird in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium danach die Ergebnisse aufwerten, heißt es. Wir wünschen dann mal "gute Auswertung" und "fröhliches Dazulernen"!