18. August 2007

Kosmetik-Kette setzt auf lettisches Prestige und Frauenpower

Die Parfümerie-Kette Douglas macht ihre Internetseite neuerdings mit Motiven aus den baltischen Staaten auf: 51% der Anteile der in Lettland gegründeten Baltic Cosmetic Holding (BCH, mit Sitz in Riga) wurden kürzlich erworben. Wie die Firma mitteilt, verbleiben 49% der Anteile in den Händen der BCH-Firmengründerin Ieva Plaude. BCH besitzt in Estland, Lettland und Litauen insgesamt 78 Läden, von denen ein Gesamt-Jahresumsatz in Höhe von 35 Millionen Euro berichtet wird. Die Läden firmieren bisher unter den Bezeichnungen "Kolonna", "Esthétique" oder "Sarma" (Schönheitssalons, Friseurläden, Sonnenstudios, Fitnessklubs)). Die wichtigsten Standorte sollen jetzt in "Douglas" umbenannt werden. In der lettischen Presse kursierten schon lange Gerüchte, Plaude könne ihre Anteile verkaufen. Gleichsam wurden aber ihre Äusserungen betont, die restlichen Anteile halten zu wollen, schon aus Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die BCH 15 Jahre lang aufgebaut hätten. 2004 erwarb die schwedische Investmentfond "East Capital" 45% der Anteile. Die Performance von "East Capital" war von einigen Fachmagazinen sehr hoch bewertet worden ("Wallstreet-Online" führte ihn noch Anfang 2007 unter den "besten Fonds der Welt") Wie Dīters Venvalds, ein Vertreter der neu gebildeten "Douglas Baltic" der Presse mitteilte, wird der neue Zusammenschluß mit 6,3 Millionen Euro Eigenkapital wirtschaften können, und plant neue Investitionen in Höhe von 3-5 Millionen Euro. Im Finanzjahr 2005/2006 waren nach Angaben der Firma Gesamteinnahmen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro zu verzeichnen. Abseits der Wirtschaftsseiten in den lettischen Medien macht Ieva Plaude auch durch ihre Heirat mit dem Unternehmer Jānis Lasmanis in den Klatschspalten Schlagzeilen. Zwei Menschen, die sich seit dem Alter von 18 Jahren kennen, erst mit 30 heirateten (beide sind gleich alt); die Boulevardpresse wie "Kas jauns", "Ieva" oder "Private dzive" interessierte sich immer wieder dafür. "Das Millionärspärchen", das sich dann nach 13 Jahren Ehe scheiden ließ, ist vielleicht doch wieder zusammen? Oder doch nicht? Auch als Ieva Plaude-Lasmane 2005 mit 44 Jahren ihr drittes Kind bekam, erzeugte es gleichsame Presseaufmerksamkeit. "Nun ja, ich kenne Jānis jetzt schon 27 Jahre, da gab es verschiedene Phasen," erzählte Plaude einmal der Presse. "Es kam auch schon vor, dass wir 5 Jahre lang kaum miteinander geredet haben." Mit solchen Äusserungen erntete sie besonders Respekt von den lettischen Frauen. Webinfo Douglas Holding Pressemeldung LETA Wallstreet online Beitrag in "Postfaktum.lv" Beitrag in DIENAS BIZNESS Beitrag "Apollo.lv" Beitrag "Bulvaris.lv" (lettisch)

15. August 2007

Reisende Literaten

Dzejas brauciens: die Dichtung auf großer Fahrt - so könnte die Übersetzung für ein Projekt heißen, dass jetzt zum zweiten Mal zwischen Lettland, Estland und Finnland durchgeführt wird.
"Jedes Jahr in anderen Städten" - ist dabei ebenfalls das Motto dieser "reisenden" Veranstaltung. Am 20.August werden Literaturlesungen im lettischen Ventspils stattfinden, einen Tag später ist der Gastgeberort Kuresaare auf der estnischen Insel Saaremaa, und am 23.August gastieren die reisenden Schriftsteller in Turku in Finnland.
Teilnehmer sind A.W.Yrjänä und Saila Susiluoto aus Finnland, Andres Ehin und Ly Seppel aus Estland, und aus Lettland Juris Kronbergs und Guntars Godiņš.

"Dank der Firma DESIGN STUDIO" wurde bereits ein Logo entwickelt, im nächsten Jahr soll dann eine gemeinsame Webseite folgen," schreibt das Lettische Literaturinformationszentrum. Dieses Logo scheint auch deutsche Bezüge ins literarische Spiel zu bringen: wie immer wenn es um Autos geht? Deutsche Kultur - was fällt uns da aktuell ein? Aber deutsche Autos sind Kult ... (?)

Einladung zu DZEJAS BRAUCIENS 2007

Lettisches Literaturinformationszentrum

10. August 2007

Sigulda feiert

Nach der lettischen Hauptstadt Riga (im Jahre 2001) und der Stadt Cesis (2006) steht in diesen Tagen bereits die nächste 800-Jahr-Feier im nördlichen Lettland (Vidzeme, früher Livland genannt) an. 1207 wurde mit dem Bau der Burg Sigulda begonnen, und das galt als Vereinigung der drei Ortsteile Krimulda, Turaida und Sigulda.

Das 15.000-Einwohner-Städtchen Sigulda feiert, am 9.August ging es los. Geboten werden Theaterstücke (an der Burgruine), ein Konzert der Band „Prāta Vētra” ( Brain Storm), Straßen- und Kinderfeste, Sp
ortveranstaltungen, Opernkonzerte und Kunstausstellungen.

Die Bank von Lettland ehrte das Ereignis mit einer Gedenkmünze. Eine Gruppe aus der deutschen Partnerstadt Stuhr kommt sogar mit dem Segelschiff über die Ostsee angereist: am 3.August ging es von Saßnitz aus mit der "Großherzogin Elisabeth" los. Wer aber "sowieso" gerade in Lettland ist - auch Riga-Besucher sollten sich den Ausflug in die Region des malerischen Gauja-Nationalparks (50km nördlich von Riga) überlegen.

Programm "800 Jahre Sigulda"

Gauja Nationalpark

Siguldas Partnerstädte

Förderkreis Stuhr-Sigulda

zur Großherzogin Elisabeth

Infos der Bank von Lettland zur Gedenkmünze "Sigulda"

23. Juli 2007

Schwan mit Tennisschläger

Tennis in Lettland: gibt es das?
Ernests Gulbis wird am 30.August 2007 19 Jahre alt. Seine Mutter ist eine Theaterschauspielerin, sein Vater Investmentbanker. Gulbis hat zu Beginn des Jahres 2007 klar den Status von Lettlands bestem Tennisspieler erreicht. Zwei seiner drei Schwestern spielen ebenfalls Tennis, sein Großvater war als Basketballer aktiv - solche Daten sind beim internationalen Tennisverband ITF gespeichert. Aber auch im deutschsprachigen Raum taucht Gulbis (= lettisch "der Schwan") auf regionalen Sportseiten auf: sein Mentor und Trainer ist der frühere Davis-Cup-Teamchefs der deutschen Mannschaft, Niki Pilic.

Bei den diesjährigen offenen internationalen Tennismeisterschaften von Frankreich ("French Open" in Paris) erregte Gulbis als erster lettischer Teilnehmer überhaupt mit einem Sieg gegen den Engländer Tim Henman Aufsehen (6:4, 6:3, 6:2). In Wimbledon schied er zwar dann in der ersten Runde aus, aber Ernests Gulbis wird auf der Weltrangliste des ATP inzwischen bereits auf Platz 86 geführt (und verbesserte sich damit innerhalb nur eines Jahres um über 300 Plätze!).

Timo statt Jarko
Dank Ernests Gulbis gewann das lettische DavisCup-Team am vergangenen Wochenende im finnischen Tampere 3:2 über Finnland --- Gulbis gewann mit 6:1, 6:4, 4:6, 6:2 über den Finnen Timo Nieminen und sicherte Lettland damit den Sieg. "Zum ersten Mal habe ich mir ein Spiel eines Letten angesehen!"
Jubeln daraufhin lettische Fans in den entsprechenden Internetforen. Zu Gunsten Lettlands wirkte sich dabei aus, dass der an Weltranglistenplatz 25 rangierende Finne Jarko Nieminen das letzte Spiel gegen Gulbis verletzungsbedingt nicht mehr absolvieren konnte, und sein in der ATP-Liste wesentlich schlechter platzierter Bruder Timo ihn ersetzen musste.

Gulbis war an allen drei siegreichen Spielen gegen Finnland beteiligt (Sieg gegen Juho Paukku im Einzel, und zusammen mit Denis Pavlovs im Doppel gegen Jarko Nieminen/Ketolas). Das nächste DavisCup-Spiel Lettlands (dritte Runde) findet nun vom 21.-23.September 2007 in Lettland gegen Monaco statt.

Bericht zur Zusammenarbeit von Niki Pilic mit Ernests Gulbis

ATP-Weltrangliste Tennis (Stand 13.7.07)

Daten zu Ernests Gulbis (Wimbledon 2007)

Bericht zum DavisCup-Spiel Lettland-Finnland (E-Sports, lettisch)

Spielstatistik von Ernests Gulbis im Davis-Cup

Infoseite des ITF (International Tennis Federation)

Wikipeda (engl.)

DavisCup Ergebnisliste Finnland-Lettland

9. Juli 2007

Blatt, unbeschriebenes. Referendum, ungeschehenes.

Nicht nur im Ausland ist wenig bekannt über den neuen lettischen Präsidenten Valdis Zatlers, der anläßlich seiner Vereidigung am vergangenen Sonntag symbolisch den Schlüssel des Rigaer Schloßes von seiner Vorgängerin Vaira Vīķe-Freiberga überreicht bekam.
Im Bild ein Zufallsfund aus dem Archiv: noch 2003 tauchte Zalters lediglich als willkommener, aber politisch unbekannter Vertreter seines Berufsstandes auf der "b
unten Seite" von Lettlands größter Tageszeitung DIENA auf: zum Thema "Lettland schickt Soldaten in den Irak" legte die Zeitung der damaligen Aussenministerin Sandra Kalniete (noch vor wenigen Wochen die Präsidentschaftskandidatin der Oppositionspartei Jaunais Laiks) den Satz in den Mund: "Mindenstens einen Arzt sollten wir mit hinschicken."
Im Frühjahr 2007 mag Kalniete bedauert habe
n, dass diese "Verschickung in die Wüste" lediglich Ironie darstellte.

Vorsichtige Hoffnung
Noch eine Woche vor seiner Vereidigung veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut "Latvijas Fakti" ein Umfrageergebnis, nach dem nur 47% der Lettinnen und Letten sich bereit zeigte, eine Meinung zu äussern über den neuen Präsideten Zatlers (positiv wie negativ).
Die Mehrheit wartet ab, und das positivste, was man dann hören kann ist wohl, dass der Präsident nach seinen Taten im Amt beurteilt werden solle.

Zatlers selbst könnte dieses zögernde Abwarten vielleicht sogar positiv werten, schließlich waren einige Kommentare auch in der internationalen Presse lediglich auf die in Lettland übliche Praxis eingegangen, Ärzten nach erfolgter Behandlung noch ein "Dankeschön" im verschlossenen Umschlag zuzustecken. Zatlers gab offen zu, solche "Geschenke" ebenfalls angenommen zu haben, und zahlte inzwischen an die lettische Steuerbehörde 250 Lat (ca. 325 Euro) an Strafe nach für verspätet eingereichte Angaben zu diesen zusätzlich erhaltenen Geldbeträgen - mögliche Höchstrafe wäre allerdings auch nur 500 Lat gewesen. Den lettischen Steuergesetzen entsprechend gibt es nun nichts mehr, was den neuen Präsidenten belasten würde - außer dem Thema selbst, dass den Arzt Zatlers der ja nun zunächst nur für 4 Jahre als Präsident amtieren wird, wohl noch weiter verfolgen wird. In einem der ersten Interviews dazu hatte er die zusätzlichen Zahlungen an Ärzte als "in Lettland allgemein üblich" bezeichnet.

Referendum: Ergebnisse "zwischen den Zeilen"
Auch die gegenwärtige Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Kalvitis wird froh sein, die Zeit des Präsidentenwechsels zunächst gut überstanden zu haben. Schließlich ging am 7.7. auch eine Volksabstimmung über die Bühne, die im wesentlichen gegen die im Parlament zu Zeiten des NATO-Gipfels Ende 2006 in Riga eilig verabschiedeten neuen Sicherheitsgesetze gerichtet war. Nicht nur das: schon eine Beteiligung an dieser Volksabstimmung hatten viele als Votum gegen die "Selbstherrlichkeit der gegenwärtigen Regierung" angekündigt. Während Präsidentin Vīķe-Freiberga mit ihrem Einspruch die Volksabstimmung erst erzwungen hatte und auch zur Beteiligung aufrief, kam eine für die Regierungsparteien ziemlich typische Reaktion von Parlamentspräsident Indulis Emsis: "Über etwas abzustimmen, was schon längst entschieden ist, halte ich für überflüssig." Das Parlament hatte entschieden, Einsprüche wurden ebenfalls zurückgewiesen. Also: Was braucht die Politik da noch das Volk?

Vorerst also ist der Versuch gescheitert, den Lettinnen und Letten das Gefühl zurückzugeben, sie könnten ein Wort mitreden in der lettischen Politik (um nicht nur als "Stimmvieh" zu den Wahlen zu gehen). Aber immerhin hatte es Ende April 2007 bereits 150.000 Unterschriften bedurft, um das Referendum überhaupt abhalten zu dürfen (und 215.000 hatten unterschrieben). "Neuwahlen in Lettland nicht ausgeschlossen!" schrieb noch am 7.Mai Reinhard Wolff in der TAZ.
Immerhin wurden insgesamt 1,5 Millionen Lat ausgegeben für alles, was im Zusammenhang mit der Durchführung des Referendums zu organisieren war. Um das Ganze nun noch erfolgreich zu gestalten, hätten sich 50% derjenigen Zahl von Wahlberechtigten beteiligen müssen, die sich bei der letzten zurückliegenden Parlamentswahl beteiligt hatten - diese Grenze lag diesmal bei 453 730 Stimmen. Mit knapp 340.000 lag das Ergebnis des Referendums am 7.Juli also deutlich darunter. Von denen, die zur Abstimmung gingen, sprachen sich allerdings 96% gegen die von der Regierung beschlossenen Gesetze aus.

Größter Feind des demokratischen Engagements: Schönes Wetter!
Am Tag danach entschuldigte
Vīķe-Freiberga ihre Landsleute: es sei auch nun mal sehr schönes Wetter gewesen an diesem Samstag, viele hätten "sehr praktische Arbeiten" zu Hause zu erledigen gehabt (die lettische Manie, Kartoffeln zu pflanzen oder zu ernten, und dabei alles weitere stehen und liegen zu lassen, ist legendär ...). An diesem "magischen Tag" (07.07.2007) waren auch hunderte von Brautpaaren in Lettland unterwegs gewesen, um diesen Tag für ihr persönliches Glück zu nutzen. Auch dies entschuldigen ihnen diejenigen gern, die noch mehr politische Beteiligung gesehen hätten.

Derweil hatte die lettische sozialdemokratische Arbeiterpartei versucht, ein weiteres Referendum zu initiieren: für einen direkt vom Volk gewählten Präsidenten. Da schimmert ein wenig Populismus durch bei dieser in Lettland in den letzten Jahren eher wenig erfolgreichen Partei: 10.000 Unterschriften wären nötig gewesen, um eine solche Volksabstimmung initiieren zu können. Gegenwärtig liegt die Unterstützung für diesen Vorstoß noch weit darunter.

Infos zum Thema:
Infoseite der lettischen zentralen Wahlkommission

Infoseite der Kanzlei des lettischen Präsidenten


3. Juli 2007

Gemeinsames Kulturerbe jetzt als Briefmarkenmotiv

Eine Serie mit drei Motiven des von der UNESCO anerkannten "Weltkulturerbes" wird ab 12.Juli 2007 gemeinsam von der lettischen Post und der deutschen Bundespost herausgegeben. Motive sind das Schwarzhäuperthaus Riga, das Rathaus Stralsund und die St. Georgen-Kirche Wismar.

Die Entwürfe stammen von
Sibylle Haase und Professor Fritz Haase, Bremen.

Der aufgedruckte Wert des Motivs aus Riga wird 65 Cent betragen, die beiden anderen werden 70 Cent ausweisen. Die lettische Ausgabe des Motivs "Schwarzhäupterhaus" weist 36 Centimes aus, die Stralsund-Marke 45 Centimes.

Die Briefmarken wurden am 2.Juli 2007 in Anwesenheit des lettischen Botschafters Martins Virsis feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt.
Unterschiedliche Angaben finden sich in den verschiedenen Presseverlautbarungen dazu, wo die Briefmarken gedruckt wurden. Während deutsche Quellen sich auf eine Druckerei in Leipzig beziehen, nennt die Seite der lettischen Post eine Firma in Österreich.


Mehr dazu:

Infoseite des deutschen Finanzministeriums

Infos zu einem am 12.Juli in Stralsund
eingerichteten Sonderpostamt

Infos zu "Zwei Städte - ein Erbe" (Stralsund und Wismar)

Infos der Deutschen Post dazu

Deutscher Briefmarkenspiegel

Deutscher Briefmarkenspiegel speziell zu den Sondermarken

Info der lettischen Post

27. Juni 2007

Lettland fehlen die Pädogogen

Jedes Jahr steigt in Lettland die Anzahl freier Arbeitsstellen für Pädagoginnen und Pädagogen. Kürzlich gab die lettische Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft eine neue Statistik dazu bekannt - wie bei TVNET bzw. NRA oder DELFI nachzulesen ist. Allein im Bereich von Riga fehlen in den verschiedenen Bildungsinstitutionen inzwischen 234 Fachkräfte.

"Der Lehrermangel ist inzwischen deutlich zu spüren," äußert sich Māris Sika, Direktor eines Gymnasiums in Riga. Am meisten mangele es an Lehrkräften für die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften, insbesondere Physik. "Unsere Pädagogen haben eine viel zu aufwendiges Arbeitspensum, und darunter leidet die Qualität. Wir brauchen für das kommende Schuljahr dringend fünf neue Fachkräfte, werden aber wohl nur drei bekommen."

Im Interview mit der lettischen Presse werden auch andere Beispiele genannt:

- Mittelschule
Viesīte (Bezirk Jekabpils): es fehlen Lehrer/innen für Physik, Englisch und Geschichte. Schuldirektor Andris Baldunčiks erklärt, auf dem Lande seien die Probleme noch größer als in Riga. "Das Durchschnittsalter der Lehrkräfte ist bei uns 45 jahre", erzählt er. "Wenn die jungen Nachwuchslehrer merken, dass hier im Ort hauptsächlich alte Leute leben, kommen sie erst gar nicht. In den 15 Jahren, in denen ich jetzt Schuldirektor bin, ist das Durchschnittsalter um 15 Jahre angestiegen."

- Juris Šmits, Direktor des 8.Rigaer Rainis-Abendschule, äussert sich skeptisch gegenüber den Chancen kurzfristiger Änderungen im Schulsystem. "Natürlich müsste es endlich Lohnerhöhungen geben. Aber auch eine bessere Versicherung, soziale Absicherung, Zugänge zu Krediten, und vor allem beruflichem Erfahrungsaustausch - das wäre alles sehr wichtig. Aber wer einmal Physik studiert hat, der sieht ja, dass dieses Fach sehr vielseitige Möglichkeiten bietet, und geht lieber dorthin, wo bessere Chancen geboten werden."

Der momentane Zustand des lettischen Bildungswesens ist aber sicher auch eine Folge jahrelanger Vernachlässigung. Schon Anfang der 90er Jahre war die Tendenz spürbar, dass diejenigen, die endlich einmal "etwas verdienen" wollten, aus den Lehrerberufen abwanderten. Gleichzeitig wurden aus der Not heraus viele ohne spezielle Ausbildung in die pädagogischen Tätigkeiten aufgenommen - viele Schulen froh sind, überhaupt genügend Lehrkräfte zu haben, und weil eben nur niedrige Löhne gezahlt werden konnten, verbunden mit der großen Verantwortung, die ein Lehrer / eine Lehrerin gegenüber den Schülerinnen und Schülern übernehmen muss.
Inzwischen wandern viele junge Arbeitskräfte nach Irland ab, oder suchen sich anderswo außerhalb ihrer Heimatorte eine (kurzfristige, aber unbefristete) Beschäftigung. In anderen Bereichen, etwa in der Bauwirtschaft, heuern lettische Arbeitgeber inzwischen (Billig-)Arbeiter aus Weißrussland, der Ukraine oder Rumänien an. Und in den wirklich florierenden Branchen, wie etwa der Mode- und Textilbranche, ist es nicht nur von Stardesigner Davids bekannt, dass er bereits jetzt seine Fertigungen in Ländern wie China in Auftrag gibt.
Kinder sind die Zukunft - aber wo diese in Lettland liegt, scheint noch unsicher. Blumen für die Klassenlehrin / den Klassenlehrer - in lettischen Schulen als Dank für die viele Arbeit im Laufe des Schuljahrs üblich - bekommen so eine ganz andere Bedeutung. Für viele werden es auch Abschiedsblumen sein.

Manche lettische Schulen haben Selbstdarstellungen in deutscher Sprache verfasst. So zum Beispiel die Mittelschule VARAVIKSNE (Regenbogen) im latgalischen Krāslava. Hier läßt sich zum Beispiel erfahren, dass 87 dort angestellten Lehrkräften (für ca. 1000 Schülerinnen und SChüler) 52 Menschen des Bedienungspersonals zugeordnet sind. Ein Aufwand, der an deutschen Schulen kaum vorstellbar wäre.

22. Juni 2007

Lettischer Mindestlohn - Politiker profitieren

Im kommenden Jahr soll der in Lettland festgesetzte Mindestlohn von 120 Lat auf 160 Lat angehoben werden (ca. 240 Euro). Dem Bürgermeister von Riga würde das eine Erhöhung seiner Bezüge um die schöne Summe von 720 Lat bedeuten (ca.1080 Euro). Dies veröffentlichte jetzt das Nachrichtenportal TVNET unter Bezug auf LETA. Wie kommt das zustande?

In Deutschland scheint es gegenwärtig schwer vorstellbar, minimale Löhne festzusetzen - selbst für diejenigen Tätigkeiten und Gewerbe, wo sich offensichtlich verschiedene Anbieter durch immer geringere Lohnzahlungen gegenseitig zu unterbieten versuchen. Deutsche Politiker verweisen dabei gern auf Osteuropa - dort seien Minimallöhne nur deshalb sinnvoll, weil es ja keine umfassenden sozialen Sicherungssysteme gäbe. Das EU-Mitgliedsland Lettland wies bis zum Beitritt Bulgariens und Rumäniens tatsächlich das niedrigste Wohlstandsniveau in der gesamten EU auf. Die "rote Linie" der Mindestlöhne durchziehen aber inzwischen bereits weite Bereiche der Gesellschaft.

Der Bürgermeister von Riga - momentan Janis Birks - bezieht das 18-fache Gehalt des gesetzlich festgelegten Mindestlohns. Sozial abgesichert ist er natürlich trotzdem: viele haben längst private Versicherungen abgeschlossen, Birks selbst ist Mediziner und Mitinhaber eines Klinikkomplexes. Auch der stellvertretende Bürgermeister bekommt noch das 15-fache des Mindestlohns, ein Ausschußvorsitzender im Stadtrat bekommt noch das 11-fache. Gegenwärtig bekommt Birks also 2160 Lat (vor Steuern, d.h. ca. 3240 Euro). Nach einer Erhöhung des Mindestlohns auf 160 Euro würde sein Einkommen auf 2880 Lat steigen.
Auch die Rigaer Ratsmitglieder würden profitieren: ihr Mindesteinkommen ist auf das 4-fache des Mindestlohnes festgelegt, also ab 2008 dann 640 Lat.

Vermutlich würden in Deutschland die Politiker/innen auch entschiedener für einen Mindestlohn eintreten - wenn ihr eigenes Einkommen davon abhängen würde!

Anders als in Deutschland sind allerdings alle lettischen Amtsträger verpflichtet, nicht nur ihr Gehalt, sondern auch ihren Besitz öffentlich zu machen. Auf einer speziell dafür eingerichteten Seite der staatlichen Steuerverwaltung kann jeder (des Lettischen Mächtige) sich Informationen dazu erschließen. Auch zu Janis Birks etwa, der erst kürzlich zum Bürgermeister gewählt wurde und seine Steuererklärung noch als stellvertretender Bürgermeister abgab, sind alle Angaben öffentlich. Etwa diejenigen, dass er Vorstandsmitglied bei seiner Partei "Tevzemei un Brivibai" ist, aber auch beim Sportklub ASK Riga und bei der Verwaltung des Rigaer Freihafens. Er besitzt Land im Bereich des Dorfes Roja, Aktien im Wert von über 300.000 Lat, verfügt über mehr als 20.000 Lat auf vier verschiedene Bankkonten verteilt, und deklarierte 2006 ein Einkommen von über 90.000 Lat, das auch seine Frau Anna, seine Tochter Ilze, seinen Sohn Martins und auch seine Schwester Rudite mit einschließt.

Führen solche Angaben zur Neidgesellschaft? Jedenfalls muss sich Lettland nicht wegen mangelnder Offenheit und Transparenz schämen. Die Tendenz, bei Politikern zusätzliche "schwarze" Einnahmen zu vermuten, wird so schnell sowieso nicht wegzubekommen sein. Dazu sind auch zu viele Leute zu schnell vermögend geworden in diesem Land - während die meisten staunend am Rande stehen bleiben und es nun für alleinig erstrebenswert halten, möglichst schnell ebenfalls zu Geld zu kommen. Schade um die vielen anderen Werte, deren Stärkung für die Gesellschaft und auch für die internationale Zusammenarbeit wichtig wären ...

12. Juni 2007

Who is this Mister Zzattlerß?

"Das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen in Lettland ist gering. Politikern wird generell Eigennützigkeit und Korruption unterstellt. Vertrauen wurde den Medien entgegengebracht, und der scheidenden Präsidentin Vīķe-Freiberga. Die Frage ist nun: wer ist Valdis Zatlers?"
So sagte es Dr. Andris Sprūds, Politologe der Stradina-Universität in Riga und Wissenschaftler des lettischen außenpolitischen Instituts im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf der 7.Konferenz Baltische Studien in Lüneburg am vergangenen Wochenende. Fortdauernde Unsicherheit
Die deutschsprachige
Presse übt indessen, abgesehen von den aktuellen Nachrichten rund um den 31.Mai, erst einmal Zurückhaltung. Eine Äußerung wie die von Sprūds in Lüneburg scheint momentan das Maximale zu sein, was von kompetenter Seite in Lettland zu erwarten ist. Die Vermutung, Zatlers sei nur eine Marionette lettischer Oligarcheninteressen (deutlich gemacht auch durch entsprechende bildliche Darstellungen vor dem Parlament, am Morgen seiner Wahl), möchte denn doch erstmal keiner wiederholen.
"Der unbekannte Zalters", so schreiben auch TVNET und Rigas Balss (Stimme Rigas). "Er sieht lettisch aus - ich vermute, das ist schon die halbe Miete," so eine Stimme aus der estnischen Bloggerszene.


Von der Noch-Präsidentin Vīķe-Freiberga ist unterdessen zu vernehmen, dass Sie zusammen mit ihrer Familie einen Abschiedsball im Schloß Rundale geben wird. Ungefähr 1000 Gäste werden erwartet. "Das wird den lettischen Staat 5.000 Lat kosten für die Miete der Räumlichkeiten," notiert säuberlich die lettische Presse (TVNET). Aber Achtung: aus gleicher Quelle ist zu vernehmen, dass die Präsidentin die Gäste bitten werde, gemeinsam Volkslieder zu singen.
Eine Gerichtsklage droht indessen die Partei "Saskaņas Centrs" der Noch-Präsidentin an, da diese im Zuge kritischer Bemerkungen zu beiden Präsidentschaftskandidaten öffentlich über eine aus indirekten Quellen gespeiste Finanzierung dieser Partei aus Moskau spekulierte. Rein propagandatechnisch sucht die Partei diesem schiefen Image offenbar durch ein neues Logo zu begegnen, das drei Männer nebeneinander zeigt: Albert Einstein, den sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin und Krisjanis Barons, den lettischen Daina-Sammler.

Das Thema der "Danksagungsumschläge" an lettische Ärzte indessen wird wohl noch einen Teil der ersten Amtszeit des bisherigen Chefarztes Zatlers der Öffentlichkeit erhalten bleiben. "Die Patienten müssen schon bald mehr bezahlen, aber diesmal ganz offiziell," schreibt die Zeitung Neatkarīga Rīta Avīze (NRA).
Am 8.Juli soll die offizielle Amtseinführung Zatlers stattfinden - ebenfalls im Schloß Rundale.

Währenddessen scheint es bei WIKIPEDA eine merkwürdige Art von Selbstzensur zu geben. Bemerkenswert deshalb, weil das, was dort steht, zunächst aus diesem Blog (siehe Beitrag) fast abgeschrieben war, auch mit Linkverweis (natürlich nicht alles, aber ein paar Fakten daraus). Eine Woche später aber wurde der Verweis durch einen Link zur FAZ ersetzt.
Die Frage also: entweder ist das wohl eine Methode, Seriösität vorgaukeln zu wollen, oder der bei manchen Leuten immer noch vorhandene Skrupel, sich vor allem auf Internetrecherche zu stützen, wird hier sogar von Wikipeda konterkariert. (In die interne Wikipeda-Diskussion werde ich mich aber nicht einmischen ...) :-)

31. Mai 2007

Das Jahr der Ärzte

Am Ende ging es ziemlich schnell: im Laufe von nicht mehr als einer Stunde wählten die Abgeordneten des lettischen Parlaments am 31.Mai einen Nachfolger für die nach zwei Amtszeiten ausscheidende Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga. Der Neue im Amt heißt Valdis Zatlers, ist 52 Jahre alt, ausgebildet als Arzt (Orthopäde) und seit 1994 Leiter eines Krankenhauses in Riga. Nach dem kürzlich neu gewählten Bürgermeister von Riga, Janis Birks, ist Zatlers nun schon der zweite Arzt, der in Lettland ein wichtiges politisches Amt einnimmt.

Überraschend schnelle Entscheidung
"Auch ich war einmal Kandidat" - das können in Lettland am Ende der monatelange Kandidatentombola viele von sich behaupten. Innenminister Godmanis erwähnt es in seinem Redebeitrag direkt vor der Kandidatenwahl (eine öffentliche - im Radio und Fernsehen direkt übertragene parlamentarische Diskussion gab es vor einer Präsidentenkür zum ersten Mal).
Als Kandidat gehandelt wurde fast jede/r im Rampenlicht stehende lettisch
e Politiker/in. Die "Schuhe" (oder "Fußstapfen") von der weltweites Ansehen genießenden Vaira Vīķe-Freiberga schienen allzu groß. und das Machtstreben der derzeitigen Regierungspolitiker inklusiver der hinter den Parteien stehenden Großfinanziers allzu offensichtlich.

Sandra Kalniete, ehemalige Außenministerin, Schriftstellerin und
inzwischen Mitglied der konservativen "Jaunais Laiks" (Neue Ära), hatte erst wenige Tage vor dem parlamentarischen Wahlgang ihre Kandidatur aufgegeben. Das Verfahren zur Wahl des Präsidenten war erst kürzlich gesetzlich neu geregelt worden - angeblich zugunsten der Transparenz der Wahlvorgänge. Erwartet worden war das schnelle und mit 58 zu 39 (der insgesamt anwesenden 98 Stimmberechtigten) recht klare Ergebnis dennoch nicht: allzu mißtrauisch beobachtet das Wahlvolk zur Zeit ihre Regierenden. Allzu deutlich hatte Aivars Endziņš, nach der Nominierung Zatlers als Kandidat von verschiedenen Oppositionsparteien aufgestellter Gegenkandidat in Umfragen eine deutliche Sympathiemehrheit für sich errungen. Und allzu oft haben sich lettische Parteien bei zurückliegenden Wahlen erst nach langen Grabenkämpfen auf neue Führungsfiguren einigen können.

Pressereaktionen: wo bleibt die Analyse?
Was kommentieren die Medien? Online sind auch einige Deutschsprachige schon am 31.März versorgt; allerdings mit sehr vereinfachenden Schlagzeilen. "Umstrittener Arzt zum Präsidenten gewählt" meint DIE ZEIT ONLINE, offensichtlich auf splitterartige Infos irgendwelcher Agent
ur-Agenten gestützt. Für die Schumann-Stiftung ist das von Zatlers bisher geleitete Haus gar ein "Trauma-Krankenhaus" (mißverstanden aus dem lettischen Wort für "Trauma"=Verletzung, Unfall - also ein Unfallkrankenhaus!).
Auch die FRANKFURTER RUNDSCHAU ist diesem Übersetzungsfehler aufgesessen, und bauscht ihn gar noch weiter auf: "Trauma-Experte als Präsident". Nun gut, der Korrespondent hat es vermutlich zunächst mal von seinem Arbeitssitz in Kopenhagen aus geschrieben.

Die FR spielt sich selbst auch die Bälle der "kritischen Berichterstattung" in die Hände. Zitiert wird eine Stellungnahme von Robert Putnis, Vorsitzender der Antikorruptions-NGO "Transparency International (TI)" (in Lettland ist das die Organisation DELNA), der sich gegen Zatlers ausspricht. Verschwiegen wird dabei allerdings, dass gerade DELNA Fernsehwerbespots für den Gegenkandidaten Zatlers, Aivars Endziņš, schaltete. Solcher Stil scheint auch einzigartig zu sein: wie kann eine angeblich unabhängige Organisation sich selbst zum Akteur im politischen Wettstreit küren? Gibt es Beispiele aus anderen Ländern? Ruft TI Deutschland etwa zur Wahl bestimmter politischer Kandidaten auf?

Kompromiskandidat Zatlers, Gegenkandidat nur getragen vom Populismus?
Wahr ist, da
ss Zatlers sicher kein idealer Kandidat war - als Kompromis geboren aus dem Zwang der gegenwärtigen Vier-Parteien-Regierungskoalition, sich bei der Präsidentenwahl einig zu zeigen. Die offensichtlich wenig rücksichtsvolle Art, wie die gegenwärtige Regierung ihre Interessen und Projekte mit ihrer parlamentarischen Mehrheit durchsetzt, hat bei vielen schon das dringende Bedürfnis nach Neuwahlen erzeugt - auch das kürzlich erfolgreiche Verfahren zur Volksabstimmung über die neuen lettischen Sicherheitsgesetze zeigt das.

Am Tag vor der Wahl hatte sich die bisherige Amtinhaberin Vīķe-Freiberga noch gleichermaßen kritisch über beide noch verbliebenen Kandidaten geäussert. Den angeblichen "Kandidaten des Volkes", Aivars Endziņš, unterschied vor allem seine berufliche Vergangenheit im Sowjetsystem vom politisch unbelasteten und erheblich jüngeren Konkurrenten Zatlers. Zitate aus Veröffentlichungen des in Moskau geschulten Sowjetjuristen Endziņš zeigten dessen damals (in den 70er, 80er Jahren) offensichtliche Ergebenheit gegenüber den staatlichen Dogmen: mehrfach bestätigte er die sowjetische Darstellung eines "freiwilligen" Beitritts Lettlands zur Sowjetunion, und bezeichnete alle Vorwürfe einer gewaltsamen Okkupation als "Erfindungen des bourgeousen Klassenfeindes."
Seine Meinung kann man ändern, so
Endziņš während einer Diskussion im lettischen Radio, nach seiner Einstellung dazu befragt. Lettland ist ein Land, in dem die Akten zu den Mitarbeitern des Geheimdienstes KGB (als Schlagwort von den "Čekas maisi" - den "Säcken der Tschecka" bekannt) bisher noch nicht geöffnet bzw öffentlich gemacht wurden. Wenn solche Dokumente öfffentlich wären, würde nicht ein in leitender Funktion gut geschulter Sowjetjurist dabei eine Rolle gespielt haben (müssen)? In seine Rolle als "Korruptionsbekämpfer" kam Endziņš erst ab 1996 in seiner Funktion als Vorsitzender des lettischen Verfassungsgerichts.

So mißintrepretiert auch die WIENER ZEITUNG
Endziņš als "linksgerichteten Rivalen" Zatlers. Auch das können nur oberflächliche Schlußfolgerungen gewesen daraus sein, dass diejenigen Parteien, die sich immer als Interessenvertreter der russischen Minderheiten ausgeben, laut eigener Aussage das "geringe von zwei Übeln" wählen wollten (und dann Endziņš die Stimmen gaben). Besonders hervorgetan mit dem Kandidaten Endziņš hatte sich aber die oppositionelle neokonservative Jaunais Laiks; vielleicht bestanden ja immer noch Hoffnungen, Uneinigkeit in der Regierung hervorrufen zu können, und sich dann als die bessere (weil konsequent konservativere) Regierungsalternative darstellen zu können. Gerade daher aber wohl die Einigkeit und Entschlossenheit auf Seiten der Regierungsbänke.

Noch größere Mißverständnisse erzeugt "Vorarlberg online" mit Behauptungen, Endziņš habe sich nur der Stimmen "seines linksgerichteten Harmonie-Zentrums" sicher sein können. Da kann ich nur sagen: liebe Kollegen aus Österreich, Sie haben leider die Parlamentsdebatte vor der Wahl verschlafen!
Ähnliche Probleme bei der sonst so konservativen WELT. Auch hier wird
Endziņš als "linksliberal" bezeichnet - und damit die Rolle der ihn als Kandidaten benennenden Partei völlig überschätzt, gleichzeitig die Schwächen des Kandidaten Endziņš verschwiegen. Noch mal zur Erinnerung: es gab keine Möglichkeit zur Enthaltung bei der Abstimmung!

Keine leichte Wahl also. Gegen beide verbliebenen Kandidaten gestimmt zu haben, das verkündete nach dem Wahlgang nur
Karina Pētersone (LPP/LC), selbst vor kurzem noch Kandidatin. Die ungewöhnliche Abstimmungsform ließ das zu: auf einem Zettel standen beiden Namen, und jeder Abstimmende musste zu beiden ein "pro" oder "contra"-Votum abgeben. Vom Vorgang her möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, war eine Stimmenzahl von mehr als 50% für beide Kandidaten. Das hätte sicherlich einen rechtlichen Streitfall ausgelöst, denn gemäß dem Wahlgesetz ist derjenige Präsident, der über 50% der Stimmen auf sich vereinigt ...

Lettland hofft auf zukünftige bessere Profilierung Zatlers
Vielleicht ist also am ehesten dem zu folgen, was sich in verschiedenen Internet-Diskussionsforen nun wiederspiegelt. "Gut, Zatlers wird an seinen Taten gemessen werden müssen," so mehrere Diskutanten. Wieder einmal regiert vor allem eines: das Prinzip Hoffnung. Auf eine optimierte Schlauheit im Amt. Vorerst sind dem Kandidaten wie dem Präsidenten Zatlers die Zustände in seinem Berufsstands mehr als eine Bürde: während zum Beispiel Lehrern in Lettland streng verboten ist, irgendwelche Geschenke für ihre Arbeit anzunehmen (und gerade die chronisch schlecht bezahlten Lehrer haben es in Lettland nicht leicht), ist es bei Ärzten immer noch "üblich": sich nach erfolgreicher Operation oder Krankenbehandlung irgendwie materiell zu bedanken, ist weit verbreitet. "Wie sollen wir denn das versteuern, wenn wir einen Kasten Pralinen oder eine Flasche Schnaps bekommen?" So klagt der Ärztestand. Was bei Lehrern geht, soll bei Ärzten schwierig sein? Wie gerade die ärmeren (und kranken) Menschen in Lettland wissen, geht es hier nicht um Gefälligkeiten, sondern eher um "Umschläge", die überreicht werden.

In Lettland sitzt gegenwärtig mit Aivars Lembergs einer der bisher einflußreichsten Politiker und Industriemagnaten (in Lettland gerne "Oligarchen" genannt) wegen Verdacht auf umfassende Korruptionsaktivitäten im Gefängnis. Wenn der neue lettische Präsident nicht ständig an eigene Nachlässigkeiten auf diesem Gebiet erinnert werden will, muss wahrscheinlich gerade er auch entscheidende Anstöße auf diesem Gebiet geben. Vielleicht gerade auch zum Unmut seiner Ärztekollegen, die seine Wahl massiv unterstützt haben.

Zum Schluß noch die witzige Idee eines Letten mit dem verwechselbaren Namen Indulis Berziņš, entnommen aus der Seite der lettischen Jugendorganisation ELJA bzw. www.latviesi.com: auf dass das Erbe der bisherigen Präsidentin Vīķe-Freiberga nicht vergessen werde, wird dem frisch gewählten Zatlers kurzerhand deren Frisur verpasst ...
Hier drückt sich wohl die Hoffnung aus, wenigstens ein Teil des guten Rufs, den das lettische Präsidentenamt in den vergangenen Jahren genoß, möge auch vom neuen Präsident bewahrt bleiben.
(Text um einige Pressezitate erweitert)

Lebenslauf Valdis Zatlers (Info des lettischen Außenministeriums, engl.)
Blog zu Valdis Zatlers (lettisch)

21. Mai 2007

nach Bonaparti

Die Eurovision war bisher jedes Jahr in Lettland ein Ergegnis: natürlich in erster Linie wegen der excellenten Ergebnisse der lettischen Beiträge, besonders in diesem Jahrzehnt. Hat sich das seit Helsinki nun geändert? Zumindest die Berichte in der lettischen "Yellow Press" deuten darauf hin.

Alles nur eine verrückte Show?
Heftige Beschwerden gab es bereits von Seiten der westeuropäischen Musikindustrie. Von angeblichen "Absprachen" zwischen verschiedenen Nachbarländern war schon länger die Rede. Damit waren vor allem die Osteuropäer gemeint, und der diesjährige Sieg von Serbien schien genau das zu beweisen. Was aber zeigen die Ergebnisse wirklich?

Aus lettischer Sicht war vor allem das Abstimmungsverhalten in Irland interessant: so stimmen also inzwischen nicht nur die Türken in Deutschland als Abstimmungsvotum aus Deutschland für die Beiträge aus der Türkei, sondern genauso die Zehntausende Gastarbeiter/innen aus Lettland, die in Irland Pilze pflücken, Abfall sortieren, oder für Irland-Touristen den Abwasch erledigen, eben für die lettischen Beiträge. Lettland bekommt aus Irland 10 Punkte, Litauen sogar 12. Ergebnis aber: Lettland landet ähnlich unter "ferner liefen" wie Deutschland. Trotz eines eigentlich ganz qualitativ hochstehenden Beitrags. Der lettische Sieg 2002/2003 nur Zufall, ein Überraschungserfolg eines Newcomers?

Diesmal kommentiert auch die lettische Presse bissig. "Der überwiegende Teil der Letten ist schockiert über das Resultat der Eurovision in Helsinki", so drückt es die Boulevardzeitschrift "KAS JAUNS" aus. Interessante Beobachtungen werden hier berichtet (Letten lieben Gerüchte!):
Angeblich hätte ein Drittel der in Helsinki im Saal präsenten Zuschauer nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses fluchtartig den Saal verlassen.
Weiterhin verkündet KAS JAUNS, in Serbien sei das Siegerlied schon zur "inoffiziellen Hymne der Lesbenbewegung" geworden. Warum - leider werden keine Details erklärt. Klar ist nur, dass Lettland ja sowieso auf einer Welle der andauernden Feindlichkeiten gegenüber denjenigen schwimmt, die ihre "Andersartigkeit" in sexuellen Dingen offen verkünden.

Freundschaftstage - in wenig freundschaftlicher Gesellschaft?
Nun - wieviele Schwule und Lesben sich in Deutschland oder Lettland für die Eurovision interessieren, und warum - das kann vielleicht an anderer Stelle weiter diskutiert werden. Die lettische Boulevardpresse jedenfalls macht weiter Gebrauch von diesem "skandalösen" Thema. "Das, was in Helsinki geschah, dass war unglaublich!" so werden Mitglieder der lettischen BONAPARTI in KAS JAUNS zitiert. "Auch die Künstlerparty war voll mit lauter Transvestiten und Lesben! Mir blieb der Mund offen stehen! Ich habe sogar einen Mann von 2,20 m Grösse gesehen, ganz in Frauenkleidern!"

Lettland wird auch das Thema der geschlechtllichen Gleichberechtigung bald auch zu Hause wieder diskutieren müssen. Nicht nur der schon traditionelle "Rigas Praids" steht bevor (diesmal schon am Sonntag, 3.Juni). Ab dem 31.Mai veranstaltet MOZAIKA, die Vereinigung der Schwulen und Lesben Lettlands, einen internationalen Kongress zum Thema Toleranz. Motto: Freundschaftstage (Programm). Was dann die "Yellow Press" schreibt, ist wohl absehbar. Auch verschiedene europaeische Politiker/innen haben einen Besuch angesagt. Aus Deutschland unter anderem Gruenen-Politiker Volker Beck.

Bereits am 16.Mai fand vor der Botschaft Lettlands in den Niederlanden Solidaritaetsdemonstrationen statt (siehe Fotos). Aber was bringt es, wenn die Toleranz fuer dieses Thema in breiten Schichten der lettischen Gesellschaft fehlt?

Im lettischen Fernsehen kann man aber schon sehen, was sich da zusammenbraut: in den USA angelernte Sektenfuehrer wettern da minutenlang (unkommentiert!) ueber die "Diktatur Europa" (gemeint ist die Notwendigkeit fuer das EU-Mitglied Lettland, die auf EU-Ebene beschlossenen Gesetze umzusetzen. "Europa hat die Bibel in die Gosse geschmissen," wettern die selbsternannten agressiven Moralisten, "wir lassen das nicht zu in unserem Land!"
Lettland - gute Nacht der Toleranz???

Am 31.Mai werden die Wahlgaenge zur Findung eines/einer neuen Staatspraesidenten/in beginnen. Ob sie wohl von Schlagzeilen begleitet sind, die aufzeigen, wie wenig manche Gruppen in Lettland von einer Akzeptanz demokratischer Verhaeltnisse halten?

9. Mai 2007

Lettlands ganz spezieller 9.Mai

In dieser Form hat Lettland wohl auch noch keine Diskussion um das Kriegsende 1945, die Okkupation der baltischen Staaten bzw. die Machtansprüche des damaligen Sowjetstaates, und die heutige Erinnerung daran gegeben. Ausgelöst von den Unruhen im Nachbarland Estland, richtete sich diesmal die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz auf das Verhalten der eigenen politischen Funktionsträger gegenüber den Ereignissen im nördlichen Nachbarland. (Foto: DIENA 9.5.07)

Eigentlich ist ja in Lettland am 4.Mai des Landes ehrenvollster Feiertag: an diesem Tag im Jahr 1990 stimmte eine eindeutige Mehrheit des damaligen lettischen obersten Sowjetrat (weitgehend die in der lettischen "Volskfront" zusammengeschlossenen Abgeordneten) für eine Erklärung der Unabhängkeit Lettlands. Unter dem Jubel Tausender draußen wartender Menschen kamen sie dann einzeln aus dem Parlamentsgebäude - Bilder, die den meisten Menschen in Lettland aus dem Fernsehen oder inzwischen von vielen Fotoausstellungen bekannt sind.
Danach wurden Dainis Ivans, damals Vorsitzender der Volksfront, zum Parlamentssprecher, und sein Stellvertreter Ivars Godmanis zum Ministerpräsident. Heute ist der eine Stadtratsabgeordneter und der andere Innenminister - doch nur scheinbar bürgt dies für Kontinuität des lettischen politischen Bewußtseins.

Schock aus dem Norden
Schon Ende April verbreiteten sich die Nachrichten über die in gewaltsame Randale und Zerstörungswut ausufernden Krawalle in Tallinn. Doch übereinstimmend wurde immer wieder berichtet von der Einstellung der Menschen in Riga, befragt nach der Vergleichbarkeit der Situation in Estland und Lettland: "Das kann bei uns nicht passieren!" zeigte sich die überwiegende Mehrheit überzeugt.
Doch die Dramaturgie verlief anders: am 5.Mai erschien die größte Tageszeitung DIENA mit der Schlagzeile: "Estland bekommt vom lettischen Parlament keine Unterstützung". Was war geschehen?
Im Parlament war ein Antrag auf Unterstützung der estnischen Position gegenüber Russland eingebracht worden. Eine Haltung, die inzwischen sogar weit vom Geschehen entfernt liegende EU-Mitgliedsstaaten eingenommen hatten. Viele politische Beobachter sehen es ähnlich wie die dänische "Berlinske Tidene", die in einem Kommentar von "Pöbelmentalität" Russlands sprach. Ein Denkmal zu verlegen, ist Sache des Staates oder der Stadt, auf dessen Territorium es sich befindet. Das zum Anlaß zu nehmen, Scheiben einzuwerfen, Steine auf Polisten zu schmeißen oder alles zu zerstören, was nicht "niet- und nagelfest" ist, eine ganz andere Sache. Ja, sogar die Schwierigkeiten sozial benachteiligten Gruppen, die Lage der Russen in Estland - all das könnte diskutiert und erörtert werden, aber: auf der Grundlage der Anerkennung der estnischen staatlichen Souveränität, und unter Berücksichtigung der Geschichte der gewaltsamen Okkupation der baltischen Staaten durch die sowjetische Rote Armee.

Doch was macht das lettische Parlament? Bei der Abstimmung zur erwähnten Solidaritätserklärung gab es von den 100 Abgeordneten nur 41 Befürworter, 29 stimmten dagegen, 11 enthielten sich und weitere 11 glänzten durch Abwesenheit (siehe auch Estland-Blog). Warum? "Parteitaktische Spielchen", vermutet die lettische Presse. Denn der Antrag war eingebracht worden von der Oppositionspartei "Jaunais Laiks" ("Neue Ära"), die erst kürzlich von der Koalitionsparteien der lettischen Regierung erfolgreich um den Posten des Rigaer Bürgermeisters gebracht worden war. Baltische Solidarität ist in Lettland offenbar nicht überparteiisch.

Befragt nach den Gründen für so ein Abstimmungsergebnis, antwortete Ministerpräsident Kalvitis trocken: "Wir haben aber den Esten auf dem Höhepunkt der Unruhen Wasserwerfer und andere Ausrüstung zur Verstärkung geschickt, und schließlich hat sich auch Außenminister Pabriks eindeutig geäußert."
Offenbar blieben in der Öffentlichkeit doch Zweifel an dieser "Eindeutigkeit" der lettischen Haltung. Am 8. und 9.Mai dominierten neben den lettischen vor allem estnische Flaggen die öffentlichen Kundgebungen, zu denen sich trotz Regenwetter Tausende versammelten. Derweil diskutiert der auswärtige Aussschuß des lettischen Parlament eine veränderte Fassung der Solidaritätsadresse, um diese vielleicht doch noch im Parlament beschließen zu lassen.

Ungläubige Fragen, Staunen über Estland
Sämtliche in der lettischen Presse nachlesbaren Kommentare zur Vergleichbarkeit der Situation zwischen Russen und Esten in beiden Ländern gehen davon aus, dass Ähnliches wie in Tallinn in Riga kaum vorstellbar wäre. So sagt der Politologe und Ex-Minister für Integrationsfragen, Nils Muiznieks: "Die Russen, die bei uns leben, haben durchschnittlich einen ganz andere Ausbildungstandard", meint Muiznieks, "die Mehrheit der nach Lettland zugewanderten Russen arbeiten im technischen Bereich, zum Beispiel bei den Firmen ALFA oder VEF, während viele Russen in Estland beim Phosporabbau oder in der Ölschieferindustrie arbeiten." (aus: DIENA, 3.Mai 2007)
Lettlands Presse registrierte auch aufmerksam, dass das Parlament Litauens seine Unterstützungerklärung zugunsten Estlands mit den Stimmen aller 98 anwesenden Abgeordneten einstimmig verabschiedete (DIENA 3.Mai 2007 - eine Stellungnahme des litauischen Ministerpräsidenten Kirkilas wird auch bei Russland online zitiert)

Ruhige Feiertage
Die beiden Tage des 8. und 9.Mai verliefen in Lettland weitgehend ruhig. Außer den Tausenden Menschen, die sich zur Erinnerung an den "Baltischen Weg" (Menschenkette auf dem Höhepunkt der Unabhängigkeitsbewegung Ende der 80er Jahre) an den Händen fassten und Lieder wie "Baltija admoda" sangen, gab es auch andere Zusammenkünfte und Gedenkveranstaltzungen. Viele davon zwar von einem Polizeiaufgebot bewacht, aber alle friedlich. So legte ein "antifaschistisches Komitee" am 8.Mai vor dem lettischen Freiheitsdenkmal (sic!) Blumen zur Erinnerung an den Kampf gegen den Faschismus nieder (LETA, 8.5.07). Am 9.Mai versammelten sich einige Russen vor dem in sowjetlettischer Zeit errichteten Denkmal des Sieges über den Faschismus (vergleichbar dem "Bronzesoldaten" in Tallinn), gleichfalls mit Blumen und Liedern ("ARTE Info berichtete darüber am 9.Mai). Auch um es vor Übergriffen zu schützen, so ihre Aussage.

Rückkehr zur Tagesordnung?
Doch wie wird sich Russland verhalten? Zumindest in Westeuropa hat der russische Staat und seine Führung durch die nervösen Reaktionen gegenüber Estland ganz klar an Ansehen verloren. Es bleibt zu hoffen, dass aus dem Osten nicht bewußt ein Klima eines neuen "Kalten Kriegs" geschürt wird - aber das hängt wohl auch unter anderem damit zusammen, ob die USA nicht weiter so überheblich ihre Sonderinteressen (siehe angebliche "Raketenabwehr") durch einen Präsidenten einsam durchsetzen läßt, der doch mehr und mehr einer hilflosen, als einer "lahmen" Ente gleicht (sonst der Ausdruck für einen bald aus dem Amt scheidenden Präsidenten).
Die von der Formulierung her härteste Kritik an Estlands Position kam aus Litauen. Über die Russen in Estland wird in der BALTIC TIMES eine Aussage von Gintaras Didziokas, litauisches Mitglied des Europaparlments: "Diese Randalierer in Tallinn haben ja behauptet, sie seien nur Kämpfer gegen den Faschismus. Das ist völlig falsch. Aber die Esten sind gleichfalls dickköpfig - sie scheiterten darin, mit Russland einen Dialog über die Denkmalverlegung zu etablieren, bevor sie damit anfingen."

27. April 2007

Mit Puck in der Höhle des Bären

Heute beginnt in Moskau die Eishockey-Weltmeisterschaft. Eine Sportart, die nicht nur von Russen wie Letten höchst emotional betrieben wird. Angesichts der aktuellen Ereignisse in Tallinn können die Sportfans wohl froh sein, dass Estland in Moskau kein Teilnehmer ist. Im Gegenteil: mit ihrem JA zur Unterzeichnung des Grenzvertrags mit Russland hat sich Lettland momentan nicht nur sportpolitisch eine etwas günstigere Position verschafft.

Die lettische Botschaft in Moskau hat eine kleine Handreichung für alle "Mitfühler" vorbereitet, die nach Moskau anreisen ("līdzjūteji" - wörtlich übersetzt "Mitfühler" wird von lettischen Sprachpuristen gern dem Fremdwort "Fan" vorgezogen). Botschafter Andris Teikmanis zeigt sich dabei wie selbstverständlich im Eishockey-Fandress, wie eigentlich jede/r lettische Politiker/in bei ähnlicher Gelegenheit.
Auch einen Fanklub der lettischen Mannschaft (Treffpunkt in Moskau) gibt es während der WM: Treffpunkt "Izmailovo", Izmailovskoje 71 (U-Bahnstation Partizanskaja, ehemals Izmailovoskij Park). Hier sollen auch Großbildfernseher aufgestellt werden, und die lettische Popgruppe "Labvēlîgais tips" wird live aufspielen.

Sportliches Ziel dürfte sein, Ähnliches wie im vergangenen Jahr bei der WM in Riga zu erreichen: das Überstehen der Vorrunde. Das ist immerhin mehr als es die diesmal aufgestiegene deutsche Mannschaft verkündet: die Deutschen wollen erstmal nur den Wiederabstieg in die B-Gruppe vermeiden. Zwei Testspiele Deutschland-Lettland hatten als Vorbereitung zur WM gezeigt, dass beide Teams sich sportlich aber auf ziemlich gleicher Höhe befinden.

Die Termine der lettischen Mannschaft in der Vorrunde:
Samstag, 28.April 2007 - 16.15 Uhr: Schweiz-Lettland
Montag, 30.April 2007 - 20.15 Uhr: Lettland-Schweden

Mittwoch, 2.Mai 2007 - 20.15 Uhr: Italien-Lettland

Weitere Infos:
- Seite zu den Spielen der Eishockey-WM (russ./engl.)
- Lettische Botschaft in Moskau
- Daten zu den Mitgliedern des lettischen Nationalteams
- Infos des lettischen Eishockeyverbands (nur lettisch)
- Infoseite des deutschen Eishockeybunds

10. April 2007

Vairas letzte Ehrenrunden

Zwei Amtzeiten war sie Lettlands höchstes Staatsoberhaupt, errang ernormes Ansehen auch international, hielt ihre Entscheidungen politisch unabhängig und souverän, und scheute sich auch nicht, für den höchsten Posten der Vereinten Nationen (UN) zu kandidieren: Vaira Vīķe-Freiberga, in Lettland auch unter dem Namenskürzel VVK bekannt.

Ende diesen Jahres wird sie 70 Jahre alt sein, und sicherlich vorerst auf ein erfülltes Leben zurückblicken können. Nur wenige hätten im Juni 1999, als sie überraschend als "Seiteneinsteigerin" zur Präsidentin Lettlands gewählt wurde voraussehen können, dass sie dermaßen prägend für ein steigendes Ansehen Lettlands und eine selbstbewußte Politik ihres Landes stehen würde. Aber in knapp zwei Monaten ist die Amtszeit um, und fast erscheint es so, als ob Lettland es noch nicht richtig glauben könne: relativ hilflos werden nach wie vor eine Vielzahl verschiedener Namen in die Debatte geworfen, aber eine gebührende Nachfolgerin oder ein Nachfolger ist immer noch nicht in Sicht. Keine wochenlangen Debatten wie etwa in Frankreich, oder klare politische Absprachen wie in Deutschland prägen das Bild.

Doch es scheint eine Agenda zu geben, die VVK die letzten Wochen ihrer Amtzeit gerne noch "abarbeiten" möchte. Das lettisch-russische Grenzabkommen, das nun endlich doch noch von beiden Parlamenten ratifiziert werden soll, würde sicher einen guten Abschluß bilden - vielleicht kommt auch noch ein Besuch in Moskau dazu. Von lettischer Seite wird es keine "Zusatzabkommen" oder Erklärungen von der Art geben, die nahelegen könnten, Lettland hebe sich Gebietsansprüche auf das Gebiet Abrene für später auf (das Gebiet gehörte bis zum 2.Weltkrieg zu Lettland).
Und zu ein
em nachösterlichen "Elefantentreffen" versammelt Vīķe-Freiberga am 10. und 11.April im Rigaer Schloß gleich sieben weitere Präsidenten: Tarja Halonen aus Finnland, Giorgio Napolitano aus Italien, Heinz Fischer aus Österreich, Anibal Cavaco Silva aus Portugal, Lech Kaczynski aus Polen, Laszlo Solyom aus Ungarn und Horst Köhler aus Deutschland.
Zwar findet gerade auch in Riga mit viel Aufsehen der "französische Kulturfrühling" statt, aber für Jaques Chirac lag der Termin wohl unpassend - dabei wäre er doch genauso "Auslaufmodell" wie seine potentielle Gastgeberin.
Nein, über die "Zukunft Europas" soll diskutiert werden, so, als ob nicht gerade zur deutschen EU-Präsidentschaft Ähnliches versucht worden wäre. In Riga geht es allerdings etwas gemächlicher zu, mit weniger Absperrungen und Sicherheitszäunen, sondern Treffen mit jungen Leuten und Studierenden stehen für die Präsidenten auf dem Plan. Die Präsidentin hatte eigens eine "Kommission für strategische Analysen" gebildet, die nun auch dieses Ereignis mit vorbereitet hat und ein Papier "Europas Zukunft aus lettischer Sicht" vorbereitet hat. Neben der lettischen Europabewegung und dem Jugendring steht die Veranstaltung vor allem im Zeichen der Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen des ganzen Landes.

Den präsidentialen Gästen wird ein umfangreiches Kulturprogramm geboten: Chor- und Orgelmusik in der Johanniskirche, Ausstellungen bildender Kunst und von Textilkunst, sowie ein Gang durch den "Berga Bazars" (mit Einkehr beim Chocolatier).

Pressemeldung LETA
Informationen der Kanzlei der Staatspräsidentin
Offizielle Fotos des Treffens sind HIER zu beziehen

Dazu paßt vielleicht auch noch ein Artikel in der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 11.4.07 zum Thema "Lettische Präsidentin und ihr Kampf gegen die Oligarchen"
Auch ein Ausdruck dessen, dass sich momentan noch niemand vorstellen kann, was nach VVK kommt ...

7. April 2007

Mühsames Wohnen

Steigende Preise, bleibende Sorgen
Wohnen in Lettland wird eine immer teurere Angelegenheit, besonders in der Hauptstadt Riga.
Die Immobilienpreise in der Hauptstadt Riga sind längst soweit in die Höhe geschossen, dass viele Wohnungen in stadtnaher Lage zum Objekt gieriger Spekulanten geworden sind. Zudem haben die meisten mit einem unzulänglichen Erhaltungszustand ihrer Wohnung zu kämpfen - das zeigte jetzt auch eine Befragung des lettischen staatlichen Statistikamts af der Grundlage von 3843 Haushalten, deren Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden. 63% der Befragten lebten in mehrstöckigen Häusern mit 10 und mehr Wohnungen. In der Hauptstadt Riga steigt dieser Anteil sogar auf 85%.

Die Erhebung zeigt, dass entweder relativ viele Menschen in einem Haushalt wohnen, oder Alleinstehende in immer kleineren Wohnungen leben: nur 2,4 Räume pro Haushalt machen den Durchschnitt aus, und auf ein Haushaltsmuitglied kommt etwas weniger als ein Raum (0,94). Nur insgesamt 13% leben in Wohnungen mit 4 und mehr Räumen (auf dem Lande 22,5%, in den Städten 9%). Gelichzeitig haben fast die Hälfte aller Einwohner (49%) eines der folgenden Probleme:
- schadhafte Dächer, feuchte Wände oder Grundmauern, verrottete Fensterrahmen (38%)
- Staubbelastung oder Umweltprobleme in der Nähe der Wohnung (26,1%)
- Sorgen über Gewalt und Kriminalität in Wohnungsnähe (22,5%)
- Lärmbelastung durch Nachbarn, Treppenhaus, Industrie oder vorbeiführende Straßen (21,3%)
- Wohnung ist sehr dunkel (15,2&)

Durchschnittlich muss jeder lettische Haushalt 17% des (Durchschnitts-)Einkommens für Kosten im Zusammenhang mit der Wohnung ausgeben (im Schnitt 44 Lat).

Immobilien als Geldanlage für die Vermögenderen
Die Entwicklung des Immobilienmarkts in der Hauptstadt Riga ist dabei immer noch stark in Bewegung. Einem Bericht der Tageszeitung DIENA zufolge steigen gerade Wohnungsmieten in Innenstadtlage immer noch so stark an, dass Käufer mit diesem Anstieg der Mieteinkünfte auch Kredite bei den Banken bedienen können (DIENA 19.3.07). Bei den Mietern findet sich in diesem Bericht einer der Gründe, warum die meisten Wohnungen eher klein sind: Bedarf ist meist bei Menschen, die kein Geld hätten Wohnungen zu kaufen, zum Beispiel Studenten. Daher sind günstigere Ein- oder Zweiraumwohnungen stark nachgefragt. Auf der anderen Seite soll es auch Hausbesitzer geben, die wegen der steigenden Preise in Versuchung kommen, ihre Wohnungen aus Geldmangel zu verkaufen - ohne Alternativen zu haben.

Umfrageergebnisse des lettischen Statistikamts

3. April 2007

Riga zwischen Seoul und New York

"Großstädte im globalen Vergleich" - das ist der Titel einer gemeinsamen Studie der US-amerikanischen Rudgers-University und der südkoreanischen Universität Sungkyunkwan, deren Ergebnisse die Zeitschrift "Kommune 21" auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Aus den e-government-Angeboten von 100 Städten weltweit wurde ein "E-government-Performance-Index" erstellt, nach 2003 bereits zum zweiten Mal (mit Untersuchungsergebnissen aus dem Jahr 2005). Das koeanische Seoul führt hier die Liste an, Berlin liegt auf Platz 23, Riga erreichte einen erstaunlichen Platz 10 und erzielte überraschende Ergebnisse.

Besonders gute Ergebnisse erzielte Riga in den Bereichen Nutzerfreundlichkeit (Platz 5), Qualität der Inhalte (ebenfalls Platz 5 - 2003 nur Platz 51!) und Bürgerbeteiligung (Platz 6). Verbesserungsbedürftig erscheint dem gegenüber der Punkt "Serviceleistungen", hier liegt Riga nur auf Platz 27.

2003 hatte Riga in diesem Ranking noch auf Platz 62 gelegen. Tallinn übrigens fiel von einem Platz 14 aus dem Jahr 2003 nun auf Platz 26 zurück - offensichtlich wachsen auch im sonst so IT-begeisterten Estland nicht alle Bäume in den Himmel.

Zusammenfassung der Gesamtergebnisse (PDF)

ausführlicher Untersuchungsbericht (PDF)

Portal der Stadt Riga lettisch englisch