3. Juli 2008

Urlaubscheck Lettland

Es gibt Fernseh- sender, von denen niemand merkt, dass man sie in der Programm- auswahl verfügbar hat. Kabel Eins war so ein Fall - bis ich in der Programmvorschau für den 3.Juli entdeckte, dass dort ein "Urlaubscheck Lettland" angeboten wird. Das wäre immerhin der erste im deutschsprachigen Fernsehen, soweit ich das in Erinnerung habe. Gut, Werbung fürs "Paris des Nordens" oder für die "Jugendstilhauptstadt" wurde schon viel gemacht, aber Tests und Tourismuskritik? Eher gar nicht.

Nun also Kabel eins. Titel:
"Billiger Luxus-Urlaub an der Ostsee: Der Geheimtipp in Lettland auf dem Prüfstand. Jurmala in Lettland gilt als exklusivstes Ostseebad im gesamten Baltikum. Aber entspricht es auch westeuropäischem Standard?"

Um 22.15 Uhr ging es los (das "K1-Magazin"). Schwer zu ertragen von der journalistischen Qualität. Ein nerviger Möchtegern-Alleswisser berät einen Mensch, der auf Fitnessstudios fixiert ist dabei, in Duisburg ein Disko aufzumachen. Resultat: am ersten Abend fast alle kostenfrei reinlassen, Jürgen (der aus dem Container!) Musik (ja, er nennt es wohl so) machen zu lassen, und Buffet kostenfrei. Angeblich soll der Laden auch nach diesem Supertipp noch laufen (hoffentlich hat der "Unternehmensberater" kein Geld dafür bekommen!). Dann ein Warentest der simplen Art, mit durchweg unkenntlich gemachten Markennamen. Da sagen wir: toll, wie praxisnah! Dann ein Test zur Fahrradreparatur. Fallbeispiel: jemand holt sein klappriges Fahrrad mitten im Sommer (nach Jahren der Nicht-Benutzung?) aus dem Keller und erwartet in der spontan besuchten Werkstatt eine sofortige Reparatur. So macht es kaum ein Radler - allenfalls jemand, der keinen Fahrradhändler seines Vertrauens hat, dafür aber eine (gesponserte) "versteckte Kamera". Was da der angebliche "Lettland-Test" nun bringen soll? Die Moderatorin namens Heinzelmann angezogen, als ob ihr das Kleid runtergerissen wurde und drunter ein durchsichtige T-Shirt plaziert wird. Wer's mag.

Gut, Kabel Eins schickt also ein Pärchen im späten Twen-Alter los durch Rigas Hotels, in das Nachtleben, an den Strand von Jurmala und in die Restaurants. Landeskunde ist nicht angesagt, Urlaubsvorbereitung ebenfalls Fehlanzeige. Das man nach Riga auch für unter 50 Euro fliegen kann, das ist hier der Tipp. Spontanurlauber also, die ebenso spontan loslaufen, um ein Hotel zu finden. Und der Einleitungstext stammte offenbar von jemand anderem (Zitat: "mit seinen vielen Jugendstilhäusern ist Riga Weltkulturerbe" - gezeigt wird dazu aber kein einziges Jugendstilhaus).

Schon für unter 50 Euro kann man nach Riga fliegen, wird hier fleißig geworben bei Kabel Eins. Damit ist auch das Ziel- publikum für diese Sendung wohl klar. Gefilmt angeblich mit "versteckter Kamera" - oft den Leuten mitten ins Gesicht. Geheim unterwegs für Deutschlands Urlauber - allein die Behauptung macht es offenbar (oder steckte die Kamera im Brillengestell?).

Testpersonen- Check: er, etwas speckig aussehend, ein Typ, der sich gern von Mutter bekochen lässt aber die Nächte mit seinen Studienfreunden durchmacht und nicht mag, wenn andere nicht aufräumen. Sie: eher vom Typ unscheinbar, aber sicher mit scharfer Zunge und prüfendem Blick ausgestattet.
Also los: durch Rigas Altstadt traben und nach Hotels fragen. Resultat: durchaus wie erwartet. Wer nur nach "Sternen" guckt, und mit ein paar davon schon zufrieden ist (gezeigte Beispiele u.a.: Hotel Viktoria, ein "Hostel"), bekommt sehr durchschnittliche Zimmer mit horrenden Preisen angeboten, schlecht gesäubert noch dazu. Das merken auch diese Tester. Riga ist zu teuer für ein durchschnittliches Angebot. Drei Hotels lehnen sie ab, nachdem sie den Preis erfahren und sich die Zimmer angesehen haben (75-120 Euro pro Nacht - im Hostel 35 Euro bei Schimmel in der Gemeinschafts-Etagendusche). Sie landen bei "Radi un draugi", wie so viele (52 Lat und ein sauberes Bad).

Soweit, so typisch. Heisse Tipps für Hotels in Riga gibt es kaum noch: grundsätzlich teuer, viel Lärm - aber manche wollen es ja so. Jedenfalls so viele, dass sich Riga eben leider in diese Richtung entwickelt hat - von Kundentreue oder Stammkunden hat man kaum je etwas gehört.

Nächste Station der Tester: der Strand in Jurmala. Hingefahren wird - typisch Deutsch? - mit dem Auto. 1,50 Lat Gebühr für die Einfahrt nach Jurmala, immerhin wird die Möglichkeit per Zug auch erwähnt, der Radweg (Lettlands schönster!) aber nicht. Die Gebühr für den Leihwagen wird übrigens auch lieber verschwiegen.
Und, oh Schreck: es gibt keinen Liegestuhl-Verleih! Das streichen die Kabel-Tester negativ an. Zitat: "wir müssen mit den Badetüchern direkt in den Sand." Na, hoffentlich hat das jetzt niemand in Lettland gesehen und stellt jetzt überall Liegestühle auf! Dass der Strand kostenfrei zugänglich war, erwähnen die Tester nicht. Schlicht zählt nicht. Aber zum Aufpeppen des (kurzen) Testerlebnisses werden nun noch jede Menge zufällig ausgewählte andere Gäste befragt: so wirkt das Filmchen ein wenig flotter. Und dann wird doch noch ein Fahrrad ausgeliehen - und positiv festgestellt, dass man hier direkt an der Wasserkante langfahren kann. Und dann muss natürlich am Strand ein Snack her - von Jurmalas schöner Flaniermeile (mit jeder Menge Restaurants) kein Wort. Die Tester müssen wohl das Plastikgeschirr am Strand testen - es ist immer schön, wenn jemand etwas selbst auswählt und dann auch noch negativ kritisiert. Zu fett das Schweinefleisch (Zitat: "fettiges zu fetten Preisen") - keine kaschierende und täuschende Werbung wie in Deutschland, kein "Joggingbrot" und "O,o%-Joghurt", oh je!

Zurück nach Riga. Gezeigt wird ein angeblich "traditionelles Restaurant". Hier werden graue Erbsen mit Speck und Sauerkrautsuppe bestellt und gekostet. Ach, wie provozierend lustlos man doch vor einer Kamera in der Suppe rühren kann!
Aber so schlecht fällt dann das Urteil gar nicht aus: ganz schön üppige Portionen. Und unser speckiger Tester bemerkt doch sogar: "Also, auf Kalorien haben die hier wohl noch nie irgendwie geachtet." irgendwie, immer ein tolles Urteil, besonders von einem so gut ernährten "Experten". "Und, wie schmeckts?" fragt die Stimme aus dem Off. "Die Erbsen sind grau, nicht wie bei uns, grün." Aha. Und dann: "Schmeckt echt besser als es aussieht." Na wenigstens das.

Und das wird noch gesteigert: "für den Hauptgang gehen wir in eines der besten Fischrestaurants in Riga". In das einzige in der Altstadt, - aber das wissen die Tester offenbar nicht. Gut Fisch essen kann man in Lettland doch fast überall! Aber hier muss wohl alles herhalten, was eingeschwebten "Last-Minute-Touristen" so als "Geheimtipp" verkauft wird. Eine Redaktion, die vorher etwas recherchiert? Wo gibt es denn das? Es sollte ja ein Test sein.
Nun kommen wieder die Tester zum Einsatz. "Is this typical ... Latvian?" fragt mit scheuem Augenaufschlag die Testerin. Hier wird die Forelle vor den Augen der Hungrigen aus dem Pool gefischt. Das Urteil am Ende wird klar sein: ganz schön teuer wars. Und so kommt es auch (60 Euro für 2 Personen).

Es folgt eine angeblich "besondere Kneipe" - Touristen verirren sich selten hierher, wird behauptet. und was macht man in einer so besonderen Kneipe? Riga Balsam trinken! Und mein Tipp bewahrheitet sich mal wieder: Riga Balsams hat 50% Liebhaber und 50% Balsam-Meider. Auch hier geht es 50 zu 50 aus.

Dann noch das Nachtleben. Was kommt jetzt? Rigas dicke Probleme mit Nacktbars und Casinos? Nein, den "gründlichen Testern" reicht ein einziger Club, behauptet wird, das es der "angesagteste" ist (das "Essential"). Aber Hauptsache es ist was los. Und schnell noch ein paar andere Gäste interviewt, um dem Urteil ein Fundament zu geben. 15 Euro für zwei kleine Bier. Fazit: "das Nachtleben kann hier locker mit anderen europäischen Hochburgen mithalten, auch im Preis. 5 von 6 möglichen Punkten." Hauptsache wohl, es ist was los, und sieht wie zu Hause aus.

Und dann noch der Nervfaktor: auch die schnell eingeflogenen Tester fahren Auto - und stehen im Stau. Was Minuspunkte bringt. Aber es wirkt leider nicht so, dass man besser ohne Auto fahren sollte - der deutsche Tester sitzt im Auto, zählt die Fahrminuten zum Strand, und wartet wohl in Zukunft darauf, dass ihm der Lette die Straßen freiräumt.

Das wars also mit dem ersten Lettland-Urlaubstest. Aber eigentlich wars nur ein Riga-Schnelltest für Billigflieger. Die Tendenz war dennoch richtig erkannt: teuer, wenig (Stamm-)kundenfreundlich, oft laut und hektisch. Die Konsequenz zogen die Tester leider nicht: Hotels außerhalb buchen, in Riga mehr Kultur genießen (die sensationell gut ist!), Essen auf lettische Art (also nicht in der Altstadt!), und viel außerhalb Rigas machen!
Schade, da muss mehr kommen! Aber schickt nächstes Mal bitte Testurlauber, die das Land auch wirklich interessiert!

Und noch eins: Kabel Eins zeigte seinen "Lettland-Urlaubstest" am Tag der Eröffnung des lettischen Sängerfests. Auch das war offenbar kein Thema. Kann man bei so einem Kurzbesuch nicht auch gleich alles mitkriegen ....

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