19. Dezember 2007

Werbung für die neue Ostgrenze Europas

Riga ist nicht Lettland - ein Spruch, der sich auch bei oberflächlich durchreisenden Gästen herumsprechen könnte. Wer schon einmal in Lettland war, hat außer der Hauptstadt vielleicht auch Kurland (Liepaja, Ventspils, Kuldiga?), ganz sicher das Schloß Rundale, oder auch die Burgen und Schlösser Vidzemes (Cesis, Valmiera, Sigulda?) bereist. Ein Besuch des Ostens Lettlands ist bei vielen erst beim intensiveren Kennenlernen des Landes drin: zu unrecht. Geboten werden Menschen und Landschaften, und vor allem Handwerk und Kultur.

Wir sind Latgale!
Latgale (oder Deutsch "Letgallen") als eigenen Schwer- punkt vorzu- stellen, das wagte inmitten des deutschen Weihnachts- trubels die norddeutsche Stadt Buxtehude. Dorfähnlich aufgebaut, mit Essen am offenen Feuer, Schmiede, Textilkünstler/innen, Spinnerei und Musikinstrumenten rundherum präsentierten sich die östlichen EU-Nachbarn den deutschen Gastgebern kreativ, kommunikativ und selbstbewußt. - Nein, hier wird kein auf den städtischen Geschmack abgerundetes Essen gekocht: Speck, Sauerkraut, und vielleicht noch einen Schnaps oder Kräutertee dazu, das war die Devise in Buxtehude.

Nicht in der Provinz versauern - und sich wohl auch nicht auf die Fähigkeiten lettischer Großhändler zu vertrauen - eine Konsequenz für Menschen aus Latgale? Sind doch lettische Waren in deutschen Geschäften immer noch sehr selten: wo sind die Rigaer Sprotten, wo der lettische Landhonig, wo das Tongeschirr aus Latgale, das Bier aus Tervete, die Laima-Schokolade, der Klostera-siers? Nicht einmal der seit Jahrzehnten berühmte Riga Balzams hat es in das Sortiment deutscher Supermärkte geschafft. Statt dessen kaufen Letten "Kinder"-schokolade, Colgate und deutsche Autos - das nennt sich wohl Marktwirtschaft.

Noch sind aber Traditionen und typische Gewerke in Ludza, Balvi, Baltinava oder Viļaka (um nur einige Beispiele kleinerer Gemeinden in Latgale zu nennen) nicht verschwunden. Noch kann den Schmieden, den Töpfern, den Webern oder Instrumentenbauern bei der Arbeit zugesehen werden. Noch sind nicht alle Landbewohner/innen zu reisenden Hilfs- und Wanderarbeitern an den Rändern der neuen EU geworden - allerdings besteht Grund zu der Befürchtung, die kulturgeschichtlichen Strukturen könnten schneller zusammenfallen, als es dann showartig für Touristen (und gegen Eintrittsgeld) wieder aufgebaut werden kann. Natürlich gibt es auch viele Stimmen, die einfach sagen: die moderne Zeit schreitet eben voran! Auch wir (Letten) wollen modern und nicht rückständig sein!

Und auch wir sind Latgale!
Heraus aus der verschwiegenen Ecke! In den heutigen Zeiten heißt das vor allem: hinein ins Internet.
Das hat sich auch die kleine Regionalzeitung "Vaduguns" ("Leitfeuer") gedacht, die von einer Redaktionsgruppe im nordostlettischen Balvi herausgegeben wird. Eine Gruppe von Jugendlichen hat sich dort ein eigenes Projekt vorgenommen: die eigene Region im Jahreslauf vorzustellen. "Latgale erzählt Europa" heißt es da.

Was hat Latgale zu erzählen? Auch wenn es auf der Webseite von "Vaduguns" vorerst nur in lettischer Version zu sehen ist (geplant waren auch Versionen in Englisch, Deutsch und Französisch), sind schon die Kalender-Fotos eindrucksvoll: hier gibt es den Pferdeschlitten und das Holzschlagen im Winter, das Herstellen von Birkensaft, Kühehüten, Wäschewaschen und Heumachen, Kartoffellese und Honigernte - von viel Arbeit ist die Rede. Es wird aber auch Theater gespielt, Bücher geschrieben und gelesen, geräuchertes Fleisch und selbstgemachtes Bier genossen, und ein Saunagang darf natürlich auch nicht fehlen. So zusamengefasst dürfte sicher sein, was viele "Latgalīši" (Bewohn er/innen der Region Latgalen) denken: Wo auf Erden könnte es schöner sein!

Mehr über Latgale:

Latgales Radio live

Radio Oira (Folkradio) live

Portal "Latgale.lv" (meist Lettisch/Russisch, etwas Englisch)

Bildergalerie Fotos aus Latgale

Projekt "Baltic Country of Lakes"

Der Jahreskalender der Jugendlichen aus Balvi (Latgale erzählt Europa, aus: Vaduguns.lv))

Pferderassen aus Latgale

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