15. Januar 2015

Lettisch essen gehen

Präsident Bērziņš und Gäste, bei der Eröffnungsveranstaltung
zur EU-Ratspräsidentschaft Lettlands

(Foto: Kanzlei des lett.Präsidenten www.president.lv)
In diesen Tagen wird sich der lettische Präsident Andris Bērziņš zur Eröffnung der "Grünen Woche" in Berlin aufhalten. International ist jedoch die Devise "Lettisch essen gehen" noch kein Thema. Weitaus bekannter sind Warnungen wie "Lettland, kein Land für Vegetarier oder Veganer" (zum Beispiel im Blog "Ich bin dann mal weg" von Mona Silver), oder "Die lettische Küche ist nichts für Kalorienzähler" (so das Portal "Litauen-Info", die offenbar auch etwas zu Lettland zu sagen haben). Der Journalist David Ehl meint sogar, dass man sich in Lettland weniger Gedanken zu gesunder Ernährung mache als anderswo (siehe "Vegetarisch für Anfänger") - allerdings beschreibt er konkret lediglich, er habe auf dem Zentralmarkt keine Bio-Siegel gefunden, und kritisiert das Essen im Flugzeug nach Riga.

Nun ja, soweit ist das nur eine relativ zufällige Auswahl aus den Weiten des Internets. Was erwartet die deutschsprachige Presse vom kulinarischen Lettland? Mit einer Schlußfolgerung des "Tagesspiegel" wird man sich in Lettland vielleicht anfreunden können: "die globalisierte Lebensmittelindustrie sortiert sich wieder fein säuberlich nach Nationen", so die Schlußfolgerung dort, "und eine lustige Trachtenschau gibt es auch!" Im Hinblick auf ein Land wie Lettland wird der "Tagesspiegel" spöttisch: " Und da das Gastland in diesem Jahr Lettland ist, dürfen sich die Besucher wohl auch auf Damen in Pluderblusen freuen, die Piroggen servieren."

Ganz schön deftig
Wie die sorgfältig von lettischer Seite vorbereitete Imagekampagne zeigt, möchten die lettischen Lebensmittelhersteller vielleicht ja viel lieber Themen für die "upper class" liefern. Während die im Kulturhauptstadtjahr 2014 erfolgreich mit (laut Statistik) 30% Steigerungsquote nach Lettland gelockten "Gruppen-(Bus)-touristen" immer häufiger mit standardisierten Paketlösungen vorlieb nehmen müssen, möchte der lettische Tourismus offenbar auch um Kund/innen werben, die "sich Lettland leisten" wollen. Lettland für Feinschmecker?
Vorerst reagieren die feingetunten Zungen zurückhaltend. "Lettlands Küche ist deftig", meint das Portal "Gourmetwelten" zu wissen. Diese These geht aber offenbar auf einige zentrale Presseerklärungen zurück, denn sie findet sich mit nur geringen Abwandlungen auch in den "Westfälischen Nachrichten", im "Focus", in der "Lausitzer Rundschau", oder den "Aachener Nachrichten". Hoffentlich verdient wenigstens die zitierte Autorin an dieser vervielfachten Schablone, Lena Sibbel. Von ihr sind ansonsten so wichtige Trend-Forschungen nachlesbar wie "Moderne Hippies kleiden sich bewußter" oder "Fingeraerobic auf dem Bildschirm".

Lettische Einzigartigkeit?
Deftig also. Oder ist das schon alles? Die meisten Beiträge zum Grüne-Woche-Schwerpunkt Lettland berufen sich auf zwei Personen: einerseits den bekannten lettischen Spitzenkoch Mārtiņš Rītiņš, dessen Restaurant "Vincents" 2014 zum "besten Restaurant Lettlands" gewählt wurde, und andererseits die Osnabrücker Diätassistentin und Kochbuchautorin Anne Iburg, die Lettland immerhin eines ihrer inzwischen über 30 Buchtitel widmete. Dieses Buch ("Baltisch kochen") kam 2008 mitten in der lettischen Wirtschaftskrise heraus und erfreut sich jetzt, quasi als "einziges Fachbuch zum Grüne-Woche-Schwerpunkt", aufgefrischter Beliebtheit. Sibbels Lettland-Beitrag stellt die These von der Einzigartigkeit lettischer Piragi (von den Letten selbst "pīrāgi", oder noch lieber "pīrādziņi" genannt) den Aussagen Iburgs gegenüber, die "Piragi" lediglich als "Abwandlung polnischer, finnischer oder russischen Piroggen" bezeichnet.

Solche Relativierungen treffen sich gut mit dem lettischen Drang nach Selbstfindung. Möglicherweise stehen sich da aber andere Perspektiven gegenüber: einerseits fragt sich die Lettin und der Lette durchaus, was es heißt "lettisch" zu sein, also auch "lettisch zu essen". Dazu eine Meinung zu haben muss ja noch nicht heißen die Welt zu kennen. Die andere Sichtweise ist die des Gastes in Lettland, und auch des Gastgebers: die Frage nach "landestypischen" Konsummöglichkeiten ist so eng verbunden mit Tourismus wie Fische mit dem Wasser. A propos Fische: der RBB hat es offenbar geschafft, etwas in Lettland sehr Vertrautes zur einzigartigen Spezialität zu erklären: da werden Neunaugen - vielleicht weil sie in Deutschland so unbekannt und selten sind - auf "RBB-Online" als "Lampreten" deklariert, nicht ohne die erläuternde Bezeichnung "fisch- und aalähnliche Wirbeltiere" hinterherzuschieben. Da bleibt doch zu hoffen, dass es weiterhin in lettischen Supermärkten "nēģi" gibt, und nicht statt dessen in Orten wie Salacgrīva demnächst Sylt-ähnliche Edelrestaurants "Lampreten" zum Champagnerfrühstück anbieten. Wikipedia sagt übrigens Folgendes dazu: "Im Volksmund werden Flussneunaugen auch Bricke, Pricke oder Prigge genannt. Neunaugen waren vor allem im Mittelalter beliebte Speisefische."

Pricke mit Brot
Deutsche Gäste in Lettland - auf dem Weg zurück ins Mittelalter? Kommen die Gäste zum Beispiel aus Kiel, könnten sie ja zunächst mal die Existenz lettischer Sprotten akzeptieren - ein Produkt, dessen Export (zumindest momentan noch) sogar von den russischen Exporteinschränkungen ausgenommen wurden, die als Gegenreaktion auf EU-Maßnahmen wegen der Ukraine-Krise verhängt wurden. Doch auch innerhalb der EU musste Lettland für seine Sprotten zunächst auch kämpfen: einerseits wegen der Irritationen der Vermarktung durch russische Großhändler, oder auch weil das lettische Räucherverfahren lange vor EU-Bürokraten keinen Gefallen fand.

Symbolik für Kenner: eine melancholisch dreinblickende
blaue Kuh spaziert am Ostseestrand
Was immer auch Lettinnen und Letten Gästen anbieten werden - es wird auch Brot dabei sein. Nun ja, wie es uns die "Zentralvermarkung des deutschen Bäckereihandwerks" auf  "Deutsche Botkultur.de" erläutert, ist gerade Berlin offenbar ein gutes "Einfallstor" für Brot-Innovationen: nur 13 der über 3200 in Deutschland registrierten Brotsorten, nur 0,6%, sind in Berlin angemeldet. Sehr viel schlechter stünde es um Werbekampagnen des lettischen Brots etwa in Bayern, wo es 614 registrierte Brotsorten gibt (27,4% aller erfassten deutschen Brotsorten), oder auch NRW, wo 449 Sorten (20%) große Konkurrenz darstellen. Immerhin können lettische Brotbäcker auf Wohlwollen der allermeisten Deutschen hoffen - nur die Variante "Brot mit Kümmel" (ausgerechnet das wird als "Lettland-typisch" erklärt) ist eher selten. "Brot hat einen speziellen Platz im lettischen Bewusstsein und der Respekt dafür wird von früher Kindheit angeregt," so formuliert es das "Lettland-Institut". Im "Grüne-Woche-Sprech" heißt das: "Lettisches Brot – die baltische Benchmark".

Kulinarisch migrieren
Ein rein lettisches Restaurant - oder ein deutsches Restaurant mit lettischer Speisekarte - gibt es in Deutschland übrigens noch nicht. Gastgeber und Köche mit teilweise lettisch geprägter Speisekarte gibt es vereinzelt, etwa im hessischen Kronberg ("zum Feldberg"), oder der "Gasthof Riga" in Hasbergen bei Osnabrück. Immerhin ist es noch so, dass Lettinnen und Letten selbst gern "Lettisch essen" - aber trotz vieler Arbeitsmigrant/innen ist damit viel eher das private selbst (lettisch) kochen als ein Verkaufskonzept gemeint.
Bleibt die Hoffnung auf unternehmerischen Wagemut. Pünktlich zum Grüne-Woche-Start kam dieser Woche das Gerücht auf, die lettische LIDO-Kette  wolle Zweigstellen auch in Deutschland eröffnen. Die wurde von Gunārs Ķirsons bereits Ende der 80er Jahre zunächst als Bar gegründet, in den 1990ern dann zur Kette von Schnellrestaurants entwickelt, die auf lettischem Terrain mit McDonalds leicht mithalten konnte, und 2014 bereits ihr 15-jähriges Bestehen feierte. Zu Zeiten der Wirtschaftskrise kurz vor der Pleite stehend (mit 15 Millionen Lat Schulden stand die Zahlungsunfähigkeit kurz bevor, ein exklusives Haus nahe Lettlands höchstem Berg Gaiziņkalns musste verkauft werden), gehört ein Besuch in einem der LIDO-Restaurants heute für den Gast in Lettland wieder zum festen Besuchsprogramm (2013 machte LIDO 30 Millionen Euro Umsatz und 800.000 Euro Gewinn). "Die Geschichte wird von uns selbst geschaffen", das gilt als Ķirsons' Wahlspruch, und die Art des "freien Buffets" (jeder kann von allem nehmen - sofern er / sie es bezahlen kann) gilt im Lettischen als "demokratisch" (ansonsten gilt ein Frühstücksbuffet ja als "schwedisch"). 

Die Verbindung des 63-jährigen Ķirsons zu Deutschland wird von der lettischen Klatschpresse auch dadurch erklärt, dass er kürzlich zugab, neben Frau Larisa, Tochter Evija und dem 11-jährigen Enkel Alberts (alle wohnen in Lettland) auch noch eine erst dreijährige Tochter namens Emīlija in Deutschland zu haben. Von Larisa hatte der lettische "Lebemann" sich scheiden lassen, versteht sich aber inzwischen offenbar wieder bestens mit ihr. "Die Mutter von Emīlija wollte dass sie Deutsche wird und in Deutschland lebt," verriet er dem Magazin "Kas jauns". Dass er es mit dieser deutschen Frau nicht ausgehalten habe, erklärt er angeblich so: "Ich bin eben zu lettisch."

Zu Lettlands kulinarischen Gebräuchen ist ebenfalls bei LIDO nachzulesen - die lettische Art das alte Jahr zu verabschieden. Mit den besten Wünschen für das eben angefangene Neue Jahr seien diese "12 lettischen Geheimtipps" den genußsüchtigen Leserinnen und Lesern empfohlen:
  • Zirņi – Erbsen = nicht mehr weinen müssen;
  • Skābi kāposti – Sauerkraut = für ein süßes Leben;
  • Pīrāgi – Piragi = für heimelige Gemütlichkeit;
  • Āboli – Äpfel = für die Schönheit;
  • Pupas – Bohnen = für viele Kinder;
  • Bietes – (rote) Beete = für den Blutdruck;
  • Dzērvenes – Preisselbeeren = für rosa Wangen / Bäckchen;
  • Rutki – Rettich = für gute Gesundheit;
  • Piparkūkas – Pfefferkuchen = für ein prachtvolles Leben;
  • Zivis – Fisch = Reichtum;
  • Cūkas ribas un šņukurs – Schweinerippchen und -schnauze = Kraft und Glück;
  • Zāļu tēja ar medu – Grüner Tee mit Honig = bringt den Segen.

Kommentare:

Zālīšu Dārzs hat gesagt…

"zāļu tēja ar medu" = Kräutertee mit Honig.
zaļā tēja = grüner Tee

Albert Caspari hat gesagt…

Danke - paldies! Also nicht nur "grüner Tee", sondern Kräutertee mit Honig.