18. Januar 2008

Ach, Deutschland! Der Mai wird kommen ...

Oh, Vācija! Endlich haben die Spekulationen darüber, was wohl mit dem Plänen für ein sogenanntes "deutsch- baltisches Jahr" auf sich haben könnte, ein Ende. Unter dem Motto "Oh, Vācija" (gewünscht ist wohl eine Association mit "Ovationen") kündigte die Pressestelle der Deutschen Botschaft in Riga nun einen "deutschen Kulturmonat Mai" für 2008 an.

Am 16.Juli 2007 hatte der deutsche Außenminister Steinmeier bei seinem Besuch in Riga etwas vieldeutig anklingen lassen, es sei kein Zufall, dass sich in seiner Delegation verschiedene Vertreter der Kultur befinden würden (siehe Steno-Protokoll von Jānis Ūdris für "Latvijas Vēstnesis").

"Deutsche Außenminister lassen sich nur selten im Baltikum sehen", kommentierte damals "Net-Tribune". Das Abendblatt ließ sich gar zur Schlagzeile hinreißen: "Balten bejubeln Steinmeier." In der Vergangenheit hinterließ besonders der damalige Kanzler Kohl nachhaltigen Eindruck, der die baltischen Staaten ein einziges Mal besuchte: beim Ostseeratsgipfel - um dies dann zu einem ausführlichen Treffen mit seinen russischen Gesprächspartnern zu nutzen. Nachfolger Schröder tat sein Möglichstes, um es sich mit den "Balten" zu verderben, indem er die Ostsee-Gaspipeline per Federstrich und unter Berücksichtigung privat vertretener Wirtschaftsinteressen nach Gutsherrnart den Nachbarn zum Fraß vorwarf. In all dieser Zeit gab es durchaus schon "deutsche Wochen" - als "Kauf-Dich-Glücklich" in lettischen Supermarktketten wie "Sky", untermalt von jauchzenden Tönen deutschen Schlagerguts. Noch heute sind aus Deutschland nach Lettland exportierte Waren in Riga eine Selbstverständlichkeit, aber lettische Waren in Deutschland eine Rarität (oder nur über russische Spezialläden und Großhändler zu bekommen). Ein Problem der Wirtschafts-Monopolisten?

Nun soll es besser werden - hoffentlich! Manche lettischen Kommentatoren hoffen ja auf den "Faktor Merkel in der europäischen Politik" (so wie Voldemārs Hermanis in der NRA). Von ihrem Vize Steinmeier war bisher aus baltischer Sicht kaum die Rede. Und mit dem Bereich "Kultur" - für den Staatsminister Neumann bei der Bundesregierung zuständig ist, ein CDU-Mann - wildert der SPD-Außen auch im fremden Revier. Weder bei Neumanns Neujahrsrede, noch auf seiner Webpage, ist irgend etwas vom kurz bevorstehenden wichtigen Kulturereignissen in Lettland auch nur angedeutet (im Gegenteil: hier sind nur Polen, Italien, Ungarn, Frankreich und Tschechien besonders hervorgehoben). Vielleicht sollte jemand also zunächst Neumann mal Bescheid sagen, dass Deutschland mit den Balten Großes plant?

Wessen Sache ist also die Verbesserung der Beziehungen zu den baltischen Staaten? Steinmeiers Amt beruft sich auf die per Koalitionsvertrag festgelegten "Ziele und Aufgaben der Auswärtigen Kulturpolitik". Hier steht zu lesen: "Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist integraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik." Aha, deshalb also kann der Außen- gelegentlich auch ohne den Kulturminister agieren! Nun können wir uns an gleicher Stelle auch vermutlich heraussuchen, was im Mai in Lettland denn für deutsche Prioritäten gelten sollen:
1 - Präsentation der deutschen Kulturszene
2 - Vergabe von Stipendien an ausländ
ische Wissenschaftler/innen
3 - Förderung der deutschen Sprache
4 - Beitrag zur Krisen- und Konfliktvorbeugung
5 - Förderung der europäischen Integration
6 - Beitrag zum Erhalt kultureller Vielfalt
7 - Schaffung eines stabilen Fundaments für die internationalen Bezie
hungen durch den Dialog der Menschen (alles aus dem Koalitionsvertrag von 1995)

Wenig überraschend im Ergebnis ist, dass dieses sogenannte "deutsch-baltische Kulturjahr" von den drei in Frage kommenden Partnerstaaten auch dreimal unterschiedlich realisiert wird - terminlich wie begrifflich. Als "Essentia Baltica" kündigt es die Botschaft Litauens in Deutschland an - und kündigt dabei monatlich Veranstaltungsübersichten an (allerdings sehr kurzfristig herausgegebene!). Auch von litauischer Seite wird dabei nicht deutlich, wer für die Programmplanung verantwortlich war und ist (ein Deutsch-Litauisches Forum, von den Präsidenten beider Länder aus der Taufe gehoben, offenbar nicht!). Dass die Einbeziehung von deutsch-lettischen Initiativen demzufolge auch für den Beglückungsmai Lettland 2008 keine Rolle spielte, darf also nicht verwundern.

Auch die estnische Botschaft kennt offenbar das irgendwo ausgebrütete "Essentia Baltica" - stellt es aber auch dem eigenen Schlagwort vom "E-Estonia" gegenüber. Zumindest geben sich die Esten vorausschauender in der Öf
fentlichkeitsarbeit: die estnische Veranstaltungsübersicht für das Jahr 2008 ist auch heute schon recht umfangreich.

Vor diesem Hintergrund - und angesichts der Heimlichtuerei der Vorbereitung - wirkt ja der deutschkulturell-aufgefüllte lettische Monat fast schon wieder wie ein Sparprogramm. Schließlich steht aus lettischer Sicht das Riesen-Kulturereignis "Sängerfest 2008" Anfang Juli an, und sich deutscherweise hier einzuklinken, kam wohl gar nicht in Frage.
Auch die lettische Botschaft in Berlin scheint es nicht sonderlich eilig zu haben, auf die deutsch-lettischen Kulturhighlights hinzuweisen - auf der Botschafts-Webseite findet sich bis heute, auch unter dem Stichwort Kultur - nicht ein einziges Wort (wie auch sowieso die dortigen Hinweise eher mal vor längerer Zeit gepflegt und erneuert wurden).

Was aber wird nun geboten, in diesem möglicherweise lauschigem Mai 2008? Glücklicherweise gab die Deutsche Botschaft in Riga in dieser Woche eine Vorausschau heraus (PDF-Datei download). Nun heißt es also "Oh, VĀCIJA" (mit einem Rufzeichen im Logo). Also wurde vermutlich auch ein Imgage-Designer engagiert, wie das eigens kreierte Logo nahelegt. Hier werden einige Ereignisse aufgelistet, die unter anderem auch schließen lassen, dass diejenigen Kulturproduzent/innen die besten Chancen auf Berücksichtigung hatten, die im Sommer 2007 zusammen mit Steinmeier dessen PR-Tour mitmachten. Ein Festival der bereits bestehenden deutsch-lettischen Kulturzusammenarbeit ist es jedenfalls nicht geworden (Ausnahme: NRW), und auch die deutschen Partnergemeinden lettischer Städte fanden keine besondere Berücksichtigung, geschweige denn Erwähnung.
Im Einzelnen:
- am 2.Mai geben die Berliner Philharmoniker in Riga ein Konzert
- deutsche expressionistische Grafik wird im lettischen Kunstmuseum ausgestellt
- Filme vom Oberhausener Kurzfilmfestival werden in Lettland vorgestellt
- DJ ATB wird in Ogre auftreten
- Ludica und die Tanzgruppe von Ben J. Riepe (Tanzhaus NRW) wird in Lettland auftreten

- David Geringas aus Hamburg ("baltischer Herkunft", laut Pressemitteilung - eine Referenz an die Litauer also), sowie Alois Zimmermann werden in Lettland konzertieren und dabei teilweise Filme von Ernst Lubitsch begleiten,
- die Bundeswehr-Fregatte "Brandenburg" legt in Riga an (auch ein Kulturprogramm??)

- Oliver Kahn soll in Riga einen Besuch machen (hat lettische Vorfahren - aber ob er im Mai kommt, wo doch seine letzte Saison möglicherweise erst mit dem deutschen Pokalendspiel zu Ende geht?)

Verantwortlich zeichnen nun Deutsche Botschaft Riga, Goethe-Institut, und Staatskanzlei NRW. Ein wenig "von oben nach unten" organisiert, so kommt es fein säuberlich groß-koalitionär austariert daher. Es bleibt zu hoffen, dass lettische Gäste dieser Ereignisse ihren Spaß daran haben, und dass Punkt 7 des Koalitionsvertrags auch noch irgendwie Berücksichtigung findet.

P.S.: Größer, besser, wesentlicher. Inzwischen ist es Februar geworden in Deutschland, und die lettische Botschaft hat gar ein zweites Logo erfinden lassen und webseitig platziert (Oh, Lettland!). Die Domain "essentia-baltica" war offenbar noch frei, beglückt nun willige Leser/innen mit neuen Ankündigungen. Verantwortlich zeichnet die lettische Botschaft (sieh an - und wird danach die eigene Webseite endlich einmal entrümpelt?), informiert wird von Lettland aus (waren dort die Fachkräfte günstiger?). Nun ist es "das Ding mit dem roten Punkt" geworden - aber der eindimensionale Verkündigungscharakter ist geblieben. Neue Ideen, Partizipation der zu Beglückenden - Fehlanzeige. Wer hat da den Kulturetat vervielfacht?
Nicht zufällig ist unter "Impressum" der Seite nur eine große Leere anzutreffen - es wird noch gebastelt, lieber Kulturkonsument. Und unter "Kontakte" dürfen Sie ein ausgefülltes Formular in die
"Elizabtes iela" schicken - die Akteure bleiben weiterhin lieber anonym und nicht ansprechbar.

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