22. Januar 2006

Tag des Frostes, Tag der Barrikaden

Die Erinnerung an den 20.Januar 1991, als sowjetische OMON-Sondereinheiten in Riga den Versuch unternahmen, die lettische Unabhängigkeitsbewegung gewaltsam zu stoppen, wurde in diesem Jahr durch eisige Temperaturen gekennzeichnet. Am Morgen des 20. Januar wurden in der lettischen Haupststadt Riga minus 27Grad gemessen - die für diesen Tag kältesten gemessenen Temperaturen seit dem Jahr 1907.
Im nordostlettischen Aluksne wurden gleichzeitig 32 Grad minus gemessen, während das Thermometer in Kolka, an der Spitze der Rigaer Bucht, "nur" 16 Minusgrade aufwies.
Da war es wohl das klügste, sich am nächstgelegenen Feuer zu wärmen - so, wie es die Tausende von Menschen 1991 ebenfalls gemacht hatten, als sie tagelang bei den um die Altstadt von Riga aufgetürmten Barrikaden ausharrten.


Viele Menschen in Riga erinnern sich noch gut an die Zeit der Barrikaden. Zwei, die damals mit zur Dokumentation des Geschehens beitrugen, die Filmemacher Andris Slapins und Gvido Zvaigzne, wurden am 20.August 1991 im Kugelhagel der Schießerei um das lettische Innenministerium schwer verletzt. Slapins starb kurze Zeit später, Zvaigzne erlag nach zwei Wochen seinen Verletzungen.
Aber Tausende andere Menschen harrten bei den Barrikaden aus, und sicherten so den Weg hin zur Anerkennung der lettischen Unabhängigkeit ein halbes Jahr später.

Heute sind die Probleme andere - aber zunächst hatten die frostigen Temperaturen Riga voll im Griff. Nicht nur kalte Zimmer, Arbeitsplätze und Amtsstuben stellen dabei ein Problem dar. Der Weg zur Arbeit oder zur Schule wird bei derart frostigen Verhältnissen zur Gefahrenstrecke. Ausser den Autos blieben auch die Buslinien ins Umland stecken: am 19.Januar fielen am Autobusbahnhof Riga über 60 Busslinien aus, und an den darauffolgenden Tagen sah es nicht besser aus.
Wie überall an kalten Wintertagen sorgte man sich vor allem um die Obdachlosen: Ministerpräsident Kalvitis wies die Polizeistationen an, bei ihren Kontrollgängen auf alle Menschen zu achten, die draußen zu erfrieren drohten, und sie in ein Krankenhaus oder den Unterkünften des Sozialministeriums zu bringen. In den Kirchen dagegen können sich Obdachlose nur tagsüber aufwärmen - nachts sind sowohl die katholische Jakobskirche, die evangelische Johanneskirche wie auch die Rigaer Domkirche geschlossen.

Wie zu befürchten war, kam es zu einer Reihe von Todesfällen. Teilweise waren die ersten Vorfälle durch Einfluß von Alkohol, teilweise auch durch "Unvorsichtigkeit" verursacht, wie Ärzte der Rigaer Krankenhäuser berichteten. "Ich hatte einen Fall, wo ein Mann nur schnell mal Metallabfall zum Abfallbehälter bringen wollte, und keine Handschuhe anzog. Er zog sich schwere Erfrierungen zu," berichtet der Direktor des Rigaer medizinischen Katastrophenzentrums KMC. In der Nacht vom 20. auf den 21.Januar wurden 22 Menschen mit Erfrierungen dort eingeliefert. "Aber selbst in den meisten Rettungsfahrzeugen ist es nur um die Null Grad", berichtet der Direktor des Einsatzzentrums, "nur in den neueren Wagen ist es wärmer."
Zum Glück sind unter den Betroffenen bisher keine Kinder. Dazu trug wohl bei, dass viele der Eltern ihre Kinder erst gar nicht auf den kalten Schulweg schickten.

Sechs Tote forderte der extreme Frost in der Nacht zum 21. Januar in Riga. Zwei verstarben in ihren Gartenhütten, einer in einem leerstehenden Haus. Eine ältere Frau starb direkt an der Brivibas iela (einer der bekanntesten Straßen in Riga), eine weitere Frau, 70 Jahre alt, wurde in einer anderen Straße gefunden. Ein weiterer Frosttoter starb in einem Haus auf der Treppe.

Zwei Tage später musste die Tageszeitung Neatkariga Riga Avize (NRA) melden: "Am Wochenende starben in Lettland mehr Menschen als in Moskau." Zwölf Tote hatte der Frost des Wochenendes gefordert, acht davon in Riga. Insgesamt gab es damit im Januar bereits 20 Frosttote. "Fast alle sind Obdachlose, die meisten sind stark angetrunken, und sie werden oft einfach auf der Straße gefunden", so gibt NRA Berichte von Ärzten und Polizei wieder. "Alkohol verschafft zunächst etwas Wärme, verringert aber die Sensibiliät für den Zustand des eigenen Körpers."
Dank den Polizeipatrouillen und aufmerksamen Menschen seien aber auch noch viele Gefährdete gerettet worden.

Ein besonders ungewöhnlicher Unfall ereignete sich am 21.1. nachts um 1.55 Uhr. In der Kleinstadt Lielvarde startete ein fünfzehnjähriger Junge ein Auto, einen VW Passat, und fuhr damit auf das Eis der zugefrorenen Daugava hinaus. Er verlor bald die Gewalt über den Wagen und schleuderte dann über das Eis direkt gegen einen Betonpfahl am Ufer. Mit im Auto saß noch ein Dreizehnjähriger - beide trugen erhebliche Verletzungen davon.

20. Januar 2006

Jahr der Barrikaden 1991


Riga barricades 1991 Latvia
Originally uploaded by Jens-Olaf.
15 Jahre ist es bereits her, dass Lettland seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Voraus ging ein langer Prozess der Ablösung von der allmächtigen Sowjetunion. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war das Jahr 1991. Nun häufen sich die Jahrestage, und in Riga gibt es ein neues Museum, das die Ereignisse dokumentiert.
Die Webseite des Museums und eine Fotogalerie gibt es hier.
Ausserdem gibt es eine Reihe von Videos an Brennpunkten der Auseinandersetzungen mit sowjetischen Einheiten in Riga im Januar 1991. Zum Beispiel aufgenommen am Innenministerium, das von der notorischen OMON, einer Sicherheitstruppe, angegriffen wurde. Im nahegelegenen Park wurden zwei lettische Dokumentarfilmer beschossen, einer von ihnen wurde tödlich getroffen, während er bewusst seine Kamera weiterlaufen liess. Der Ablauf dieses Vorfalls wird im Detail dargestellt.

11. Januar 2006

Linda Murniece: erste lettische Verteidigungsministerin

Als im Dezember 2005 die lettische Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Verteidigungsminister Einars Repse eröffnete, entschied sich das Zugpferd der Partei "Jauns Laiks" (JL - Neue Zeit), der sich selbst wegen seiner oft eigenwilligen Art auch "Außerplanetarischer" nannte, zum Rücktritt - am Ende ein Rücktritt also wegen allzu undurchsichtiger Geldgeschäfte, und nicht, weil etwa "grüne Männchen" Lettland bedrohen würden.
Fast wie selbstverständlich wurde Linda Murniece, 35 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern, als Nachfolgerin am 6.Januar 2006 vom lettischen Parlament mit 64 gegen 18 Stimmen bestätigt. Wie Repse war sie bisher Abgeordnete der konservativen "Jauns Laiks" in der lettischen SAEIMA (Parlament). Ojars Kastèns, stellvertretender Vorsitzender des Koalitionspartners "Pirma Partija" (Erste Partei), wies laut in der Tageszeitung Neatkariga Rita Avize zitierten Aussagen darauf hin, dass gegenwärtig wohl nur noch Norwegen ebenfalls eine Frau das gleiche Amt bekleiden würde (Frankreich und Schweden vergaß er dabei). Spätestens seit der Wahl Vaira Vike-Freibergas zur Präsidentin scheint es in Lettland keine besondere Aufmerksamkeit mehr zu erregen, wenn Frauen in ungewöhnliche Führungspositionen gelangen.
Murnieces wichtigste Aufgabe in diesem Jahr wird die Vorbereitung des NATO SUMMITS sein, der im November in Riga stattfinden wird. 5.000 Gäste werden dann von Murniece als Gastgeberin erwartet, wenn sich zum ersten Mal die NATO in einem Land trifft, das früher einmal zur Sowjetunion gehörte. Ausgaben von 21 Millionen Euro kommen wohl auf das lettische Staatssäckel zu, aber der Prestigegewinn für Lettland wird von den lettischen Politikern einschließlich der Staatspräsidentin als unschätzbar groß eingeschätzt.

Linda Murniece selbst scheint ihre neue Aufgabe eher gelassen anzugehen. Innerparteilich hatte sie sich gegen zwei Parteikollegen durchgesetzt: Guntis Berzins, Leiter der lettischen Delegation bei der parlamentarischen Versammlung der NATO, und der Fraktionsvorsitzender der "Jauns Laiks", Karlis Sadurskis. Letzterer wurde von Murniece als persönlicher Ratgeber benannt und soll einige Sonderaufgaben bekommen (siehe DIENA 28.12.05 & 6.1.06).
"Keine besonderen Überraschungen" plant Murniece laut verschiedenen Berichten in der lettischen Presse (NRA, LETA). "Es ist wichtig, die Menschen zum Bleiben in Lettland zu bewegen, und auch wir können dazu beitragen," spielte sie auf die großen Zahlen von Arbeitsemigranten in anderen EU-Ländern an. Lettland will mittelfristig eine Berufsarmee aufbauen, und sieht dies wohl teilweise auch als Aufbau von soliden Berufsperspektiven. 370 Lat (ca. 550 Euro) soll ein Soldat der lettischen Armee erhalten, wenn er zwei Jahre Dienst ableistet (LETA 30.12.05). Dazu soll noch eine Ausgleichszahlung für eine evtl. erforderliche zusätzliche Mietwohnung kommen.
Auch an der Präsenz lettischer Soldaten im Irak soll sich nach Aussagen Murnieces (NRA 6.1.06) nichts ändern. "Die werden solange da sein, wie es die USA für hilfreich ansehen würden."
Solche Aussagen waren es denn auch, die andere Abgeordnete als Argument für ihre Gegenstimmen am 6. Januar anführten.

Auch in Lettland müssen Politiker(innen) sich aller möglichen Anschuldigungen erwehren, zu sehr für das eigene Wohl zu arbeiten - in einem Land mit großen sozialen Kontrasten vielleicht verständlich. Während aber deutsche Politiker gegenwärtig noch Gerichtsprozesse anstrengen, damit sie die Höhe ihrer Einkünfte nicht offenlegen müssen, sind Volksvertreter(innen) in Lettland auch das bereits gewohnt. Auf 11.189,50 Lat (ca. 16.600 Euro) beziffern Presseberichte das Einkommen von Linda Murniece aus dem Jahre 2004, einschließlich Kindergeld (so genau wird hingeschaut!). Ihr Eigentum, Haus und Land in Balozi bei Riga, wird ebenso penibel in den Zeitungen aufgelistet, genauso wie Guthaben oder Kredite, die von der Politikerin bei ihrer Hausbank aufgenommen wurden (NRA/TV-Net).

"In 10 Jahren 13 verschiedene Arbeitsstellen" - auch solche Schlagzeilen der lettischen Presse werden der neuen lettischen Verteidigungsministerin Linda Murniece jetzt wohl kaum noch etwas ausmachen (NRA /TV-Net). Aber daher kommt es wohl, dass manche Medien die neue Ministerin als "ausgebildete Journalistin" (Baltic Times) bezeichnen, mal als "Philologin" (RIA Novosti), und dann wieder als "Sozialwissenschaftlerin" (NRA - genau diese Variante gibt sie selbst tatsächlich auch so auf der Seite des Verteidigungsministeriums an). - Bekannter ist da schon, dass Murniece zuletzt die parlamentarische Kommission gegen Korruption leitete, und Staatssekretärin im lettischen Verteidigungsministerium war. Was Murniece unter anderem auch schon war: stellvertretende Fraktionschefin ihrer Partei, Pressesprecherin der "VEF Bank" und des Innenministeriums, Polizeinspektorin.

Eines ist Linda Murniece nun auf jeden Fall: die erste Frau als lettische Verteidigungsministerin in der Geschichte ihres Landes.

(Fotos: lettisches Verteidigungsministerium. Oben: Antrittsbesuche bei der Truppe, unten: Linda Murniece mit Militärpfarrern. - Eine Frau unter Männern ....)

5. Januar 2006

Bilanz 2005 - Wie gut geht es Lettlands Wirtschaft wirklich?

Jahreswende, Zeit der Bilanzen. Eine der Meldungen zur Jahreswende war es, dass der deutsche Finanzminister Steinbrück Warnungen in Richtung der "neuen EU-Mitglieder" aussandte, er wolle sich dafür einsetzen die EU-Beihilfen für die Regionen zu kürzen, falls die Investorenwerbung mit "Steuerdumping" nicht aufhöre (siehe z.B. DIE WELT 29.12.05, Berliner Morgenpost, Der Spiegel). Deutsche Politiker schielen eifersüchtig nach Nordosten, sehen 7-8% Wirtschaftswachstum in Ländern wie Lettland, und vermuten Ungerechtigkeit.

Lettland: Wirtschaftsprimus 2005?
Die BALTIC TIMES rief Lettland in der Ausgabe vom 21.12.05 zum Primus unter den drei baltischen Staaten aus, und berief sich dabei auf Statistiken der ersten drei Vierteljahre 2005 mit 10% Wirtschaftswachstum. Das seien sogar die besten Zahlen im Europa der 25. Besonders positiv habe sich das Geschäft im Einzelhandel entwickelt, insbesondere der Verkauf von Autos (plus 51%), der Wohnungsbau (plus 71%), und die Metallverarbeitung (plus 23%) in Lettland. Auch der Reiseverkehr (Passagierverkehr) sei um 31% gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres gestiegen. Der Aufstieg sei teilweise so steil gewesen, so die Baltic Times, dass schon Bedenken wegen der Nachhaltigkeit dieser Entwicklung aufgekommen seien. Bedenken macht aber das hohe Niveau der Inflation, das sich in Lettland zwischen 6 und 7% bewegt - gegenüber ca. 4% in Estland und 2,5% in Litauen. Besonders die Einführung des Euro wird dadurch als gefährdet angesehen - welche die beiden baltischen Nachbarn bereits für 2007 anstreben (siehe auch FAZ 3.1.06).

Riga: aufsehenerregende Großereignisse 2006
Eine anderer Aspekt des lettischen Optimismus macht die wachsende Bedeutung Rigas als Metropole der baltischen Region aus. Gerade das Jahr 2006 wird einige neue Großereignisse bringen, verbunden mit der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und touristischen Highlights. Im Mai steht die Eishockey-Weltmeisterschaft an (leider ohne die deutsche Mannschaft, die sich nicht qualifizieren konnte), im November tagt der NATO-Gipfel in Riga. Schon 2005 war der Besuch von US-Präsident George Bush in Riga das Event des Jahres. In der Sommersaison klagen die Touristik-Vermarkter sowieso, das Angebot an Unterkünften in Riga könne mit der Nachfrage nicht Schritt halten, und der Flughafen Riga hat 2005 dank der Billigflieger seine Passagierzahlen beinahe verdoppelt. Und dazu kommt noch der attraktive Immobilienmarkt, der Investoren anlockt. Resumee: Wer in Riga Geld, Immobilien oder ein gut zugeschnittenes Dienstleistungsangebot hat, dem kann es eigentlich nur gut gehen.

Sogar die baltischen Börsen geraten inzwischen ins Blickwelt deutscher Wirtschaftsfachleute. "Klein, aber fein" urteilt das HANDELSBLATT (3.1.06). Der Börsenwert aller in Tallinn, Riga und Vilnius notierten Unternehmen mache zwar gerade einmal knapp elf Mrd. Euro aus - und damit nur 3% aller an der Stockholmer Börse notierten Unternehmen - aber der Index der 30 größten Unternehmen der Region sei seit 2000 um 300% gestiegen, 2005 allein um 44%.
"Baltische Mini-Tiger lehren EU das Fürchten" titelte die DEUTSCHE WELLE kürzlich.


Wohl dem, der ein Investor ist ...
Aber wie geht es den anderen? 63% der Einwohner Lettlands sind "ökonomisch aktiv", heisst es in einer neuen Statistik des lettischen staatlichen Statistikamtes CSP (bei den Männern 70,4%, bei den Frauen 56,5%). Diesen Zahlen zufolge arbeiten 15,9% in der Industrie, 15,5% im Handel, 11,5% in der Land- oder Forstwirtschaft, 9,3% im Bauwesen, 8,7% im Transportwesen, 8,3% im Bildungswesen, 7,4% in Verwaltung und im Bereich der Inneren Sicherheit, 5,7% im Sozialwesen und 5,6% im Gesundheitswesen.

27,4% arbeiten mehr als die offizielle 40-Stunden-Woche, was nach Angaben der CSP bedeutet, dass viele das Bestreben haben, sich etwas dazu zu verdienen. Die Zahlen des CSP zeigen auch, dass nur 50,9% des Familieneinkommens Einkünfte aus Lohnarbeit ausmachen - 28,3% müssen weitere Familienmitglieder beitragen, 23,7% machen Renten aus, weitere 13,7% Sozialgelder (wegen Krankheit, Mutterschaft, eingeschränkter Arbeitsfähigkeit etc.). Insgesamt verdienen 12,7% der Arbeitstätigen unter 73 Lat (105 Euro) monatlich, 20,7% bis 100 Lat, 24,5% bis 150 Lat, 17,5% bis 200 Lat. Ab da werden die Zahlen erheblich kleiner: 11,8% verdienen noch bis 300 Lat, 4,1% noch bis 500 Lat, 1,6% noch bis 1000 Lat, und nur 0,1% der Werktätigen verdient mehr als 1000 Lat monatlich. Das Statistikamt fügt hinzu, dass bei der Umfrage 5,1% der Befragten lieber gar keine Angaben zu Einkünften machen wollten - vielleicht liegen hier noch einige Spitzenverdiener verborgen, deren Steuerzahlungsmoral dann allerdings sicherlich auch in Zweifel zu ziehen ist.

Wachsende Arbeitsemigration
Während die einen also in Riga in Ruhe ihre Geschäfte machen können und ihr Geld und Vermögen vermehren, zieht es viele Letten angesichts des großen sozialen Gefälles schon im eigenen Land, und der niedrigen Löhne wegen, als Arbeitsemigranten ins Ausland. Zehntausende Letten arbeiten allein schon in Irland (siehe auch Beitrag in diesem Blog), ähnlich wie viele Arbeitssuchende aus den baltischen Nachbarländern und auch aus Polen. Lettische Behörden machen sich inzwischen zweifache Sorgen: einerseits deshalb, ob Letten, die dann mehrere Jahre im Ausland leben und arbeiten, überhaupt ins Heimatland zurückkehren werden, und andererseits deshalb, weil gerade wegen des Wirtschaftsaufschwungs der Bedarf nach Fachkräften ja auch gedeckt werden muss.
Ob diese Entwicklung positiv oder negativ zu werten ist, darüber streiten sich die Experten. Während die einen meinen, die Balten (also auch die Letten) würden längerfristig von der Erfahrung ihrer Arbeitsemigranten wieder profitieren, sehen andere das "Aussterben ganzer Nationen" - so wie es DPA-Korrespondent Jakob Lemke in seinem Bericht zitiert, den viele deutsche Medien wie z.B. von der Mitteldeutschen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, oder dem Wiesbadener Kurier wiedergegeben wurde.
Nicht um ein besseres Leben zu führen, sondern der guten Entlohnung wegen gehen sie Leute aus Lettland zum Beispiel nach Irland, so schreibt auch das lettische Portal "Latviesi.com". Zitiert wird dort das Beispiel eines kleinen Dorfes in der Nähe von Aluksne in Lettlands Nordosten: "Bald gibt es dort nur noch Rentner, den Ortsältesten und ein paar Verkäuferinnen im örtlichen Laden," - so beschreibt es eine junge Mutter, die inzwischen Arbeit in Irland gefunden hat und Sorge hatte, ihre Kinder nicht ernähren zu können.

Neue Infos für Rückkehrer - oder für deutsche Arbeitssuchende in Lettland?
Hoffentlich werden das die deutschen Touristen im kommenden Sommer einzuschätzen wissen, wenn sie die vermeindlich so romantischen lettischen Landschaften besuchen. Das lettische Ministerium für Intergration und spezielle Aufgaben hat inzwischen schon Konsequenzen gezogen aus dem Trend zur Arbeitsemigration. Gab es früher nur aus vorwiegend politischen Gründen im Ausland lebende Letten, hat sich das Bild in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Das Ministerium hat daher nätzliche Informationen für potentielle Rückkehrer völlig neu überarbeitet und in einer 60-seitigen Broschüre neu zusammengestellt, die auch über im Internet downloadbar ist (http://www.integracija.gov.lv/).

In diesem Sinne: Alles Gute für Lettland 2006! "Mit einem durchschnittlichen Nettoverdienst von umgerechnet 208 EUR erreicht Lettland jedoch erst 19 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens in der EU," so fasst die Situation auch der neue "Europaservice" der Bundesagentur für Arbeit zusammen. An gleicher Stelle ist auch zu lesen, dass gegenwärtig etwa 200 Deutsche in Lettland Arbeit gefunden haben - meist als Selbstständige oder Führungskräfte deutscher Unternehmen. Welcher dieser Trends sich als bedeutender für die Entwicklung Europas erweisen wird, muss die Zukunft zeigen.

19. Dezember 2005

Präsidentin, Frau, Europäerin, Persönlichkeit - ein lettischer Gast in Bremen

Es waren festliche Momente im Rathaus der Freien und Hansestadt Bremen, und ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit und Ehrung für lettische Belange: Präsidentin Vaira Vike-Freiberga empfing am 16.12.2005 "im Namen vieler Landsleute", wie sie selbst sagte, den Hannah-Arendt-Preis 2005.
Ralf Fücks (im Bild rechts) und Bremens neuer Bürgermeister Jens Böhrnsen zeigten sich beeindruckt von der Lebensleistung und dem Mut zu entschlossen demokratischem Handeln, für den Vike-Freiberga inzwischen auch international bekannt ist.

"Bisher war der Name Hannah Arendt in Lettland vielleicht nicht so bekannt. Das wird sich, nach dieser Veranstaltung hoffentlich ändern," so Vike-Freiberga selbst. Wie Hannah Arendt hatte auch Vike-Freiberga viele Jahre im politischen Exil leben müssen. Aus der Rahmenveranstaltung, einem zweistündigen Symposium im Bremer "Haus der Wissenschaft" am Nachmittag des gleichen Tages, wurde deutlich, dass sich Vike-Freiberga intensiv mit Leben und Werk verschiedener Denker und Philosophen auseinandergesetzt hat. Aber: "Es ist schon ein wenig paradox, dass ich gerade einen Preis für politisches Denken bekomme", sagte sie auch. "Einen großen Teil meines Lebens habe ich mich der Wissenschaft gewidmet, und nicht der Politik."

Neber der lettischen Präsidentin wirkten so manche anderen blass. Auch Prof. Wolfgang Eichwede, bekannt von seiner Arbeit bei der Bremer Forschungsstelle Osteuropa, ausdrücklich als "Russlandkenner" vorgestellt, brachte ausser allgemeinen abstrakten Theorien zu Europa trotz Nachfrage kein einziges Wort zur lettischen Rolle Lettlands in diesem europäischen Kontext über die Lippen. Europa sei das Europa verschiedener Identitäten - wurde der Präsidentin vorgehalten. Mit der Perspektive der lettischen Identitätsfindung hatten sich die Podiumsteilnehmer sichtbar wenig befasst.

Zwischen den verschiedenen Terminen war kurz Zeit gewesen für einen Besuch im Bremer Roselius Haus. Dort befinden sich seit 1987 Teile des historischen Silberschatzes der "Compagnie der Schwarzen Häupter aus Riga" als Dauerleihgabe. Darauf hingewiesen, dass sich die inzwischen im fortgeschrittenen Alter befindlichen Mitglieder dieser ehemals in Riga ansässigen deutschbaltischen Vereinigung auch heute noch, Jahr für Jahr, treffen und aus dem edlen Geschirr ein Schlückchen trinken, kam nur ein präsidial-höfliches "Ach ja, tatsächlich?" als Antwort. - Weniger höflich war die Reaktion der deutschbaltischen Altherren gewesen, als die Partnerstadt zur Feier des 800-jährigen Geburtstags die 34-teilige Geschirrsammlung für kurze Zeit auch einmal in Riga hatte ausstellen wollen. Ein kathegorisches und scheinbar kompromißloses "Nein" war damals den lettischen Kulturpartnern entgegengedonnert (siehe entsprechende Presseberichte).

Damit verglichen, ging es Frau Präsidentin in Bremen diesmal hervorragend. Im großen Festsaal des Rathauses drängten sich die Gäste, und die Gastgeber hielten kluge Lobreden auf die mutige Frau aus dem baltischen Land. Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, brachte Gedanken aus ostdeutscher Sicht ein, und lobte wie auch Ralf Fücks und Prof. Antonia Grunenberg die politische Weitsicht von Vike-Freiberga, entschlossen und nicht politisch einäugig für politische Selbstbestimmung auch gegenüber imperialen Großmächten zu streiten.

Wie spiegelte sich das Ereignis in der Presse?
Die TAZ nahm Vike-Freiberga als "unerschrockene Zwischenruferin" wahr, und streicht dabei heraus, dass der Pragmatismus, der für ihr Denken und Handeln charakteristisch ist, möglicherweise ja im Exil erworben wurde. Die regionale "Syker Kreiszeitung" stellt Lettlands Zielrichtung in der EU als "Projekt der Freiheit" heraus, und zitiert ansonsten einen Satz zum Haushaltsstreit in der EU: Die Solidarität der Etablierten mit den Neuen schmelze nun wie "Schnee in der Sonne."
In der lettischen Presse stellt DIENA kurz Leben und Werk von Hannah Arendt vor, und zitiert einen Teil der Juryentscheidung, nach der Vike-Freiberga "mutig schwierige Probleme des 20.Jahrhunderts angesprochen" habe. Die LATVIJAS AVIZE druckt sogar in ihrer Ausgabe vom 19.12. eine leicht gekürzte Fassung der Rede Vike-Freibergas vom 16.12. im Bremer Rathaus ab.

Die übrige deutsche Presse greift vorwiegend Vike-Freibergas erneute Bemerkungen zum deutsch-russischen Deal der Ostseepipeline - der Ex-Kanzler Schröder einen so hervorragenden neuen Posten brachte - auf. Auch nach ihrer Einstellung zur neuen deutschen Kanzlerin war Vike-Freiberga in Bremen häufig befragt worden. "Die Neo-Kanzlerin sammelt politischen Ruhm, der Ex-Kanzler verspielt ihn", so schreibt es DIE PRESSE. Was Schröder gemacht habe, widerspreche "allen demokratischen Standards", so zitiert auch N-TV die lettische Präsidentin. Die BERLINER ZEITUNG und der Bremer WESERKURIER warten mit kurzen Exklusivinterviews auf. "Ich war nicht überrascht", so wird Vike-Freiberga in der BERLINER ZEITUNG zitiert, "wenn man unter allen Routen ausgerechnet die mit Abstand teuerste wählt, dann ist das eine politische Entscheidung". - "Wir reden oft über die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik - sei es gegenüber Russland oder Iran. Diese kann nur in einem intensiven Dialog zwischen den EU-Mitgliedern geformt werden."

In der Sonntagsausgabe des WESERKURIER (18.12.) sind dann noch diese überraschend offenen Sätze zu lesen: "Es wird eine sehr viel sympathischere Haltung von Frau Merkel gegenüber den baltischen Staaten geben als unter der Schröder-Regierung. In den ersten Regierungsjahren war Schröder auch sehr freundlich, später aber ist er anders geworden . . . "

(Der Wortlaut der verschiedenen Reden, die Vaira Vike-Freiberga in Bremen aus Anlass der Verleihung des Hannah-Arendt-Preises gehalten hat, ist übrigens auf den Seiten der Kanzlei der lettischen Präsidentin sowohl in deutscher wie in lettischer Fassung downloadbar.)

18. Dezember 2005

Verfassungsstreit um Gleichgeschlechtliches

Lettland in der Vorweihnachtszeit. Noch sind nicht alle politischen Fragen geklärt. Ein paar Tage - bis zum 20.Dezember - hat Präsidentin Vike-Freiberga noch Zeit, eine vom lettischen Parlament (Saeima) beschlossene Verfassungsänderung durchzusehen und eventuell erneut zur Überarbeitung an das Parlament zurückzuverweisen.

Turbulenzen um die "Homos"
Worum geht es? Wie schon vor einigen Monaten auf dieser Seite geschildert, erschütterte am 23.Juli 2005 eine "Schwulen- und Lesbendemo" die Haupstadt Riga. Skandalös war dabei eigentlich wenig - ähnliche Demonstrationen und Kundgebungen gibt es überall, es waren nur wenige Teilnehmer/innen angesagt. In Ländern wie etwa Polen werden solche Veranstaltungen regelmäßig verboten, in anderen, wie dem Nachbarland Estland, finden sie beinahe ohne öffentliches Aufsehen statt.
Das Thema wurde jedoch zum Zankapfel der lettischen Parteien. Der stellvertretende Bürgermeister Rigas, ein Mitglied der "Pirma Partija" / "Erste Partei" (der sogenannten "Priesterpartei"), trat später zurück, weil seine im Stadtrat mitregierungende Partei die Veranstaltung NICHT verhindern konnte. Ein Priester der anglikanischen Kirche, der sich als homosexuell outete, und der den Veranstaltern einen Gottesdienst in seiner Kirche erlaubt hatte, wurde aus der lettischen evangelischen Kirche entlassen (Meldung der Nachrichtenagentur LETA vom 16.11.05). Und weitere in Führungsämtern der lettischen evangelischen Kirche tätigen Priester scheuten sich weder, der lettischen rechtsradikalen Zeitung DDD ein Interview zu geben, noch dort dann die Isolierung aller Homosexuellen in speziellen Krankenhäusern zu fordern (DIENA vom 8.12.05).

Populistischer Wahlkampf
In Lettland bahnt sich langsam der Parlamentswahlkampf 2006 an. Erstaunlich, wie gewandt sich die politischen Stehaufmännchen in der "Pirma Partija" immer wieder neue Strategien der Macherhaltung ausdenken. Parteichef Slesers, vorwiegend durch Gelder norwegischer Industriekapitäne in Lettland zu Macht und Einfluß gepuscht, wird immer wieder als Möchtegern-Regierungschef gehandelt. Als zuletzt die Umfragewerte dramatisch sanken, zelebrierte man plötzlich eine Vereinigung mit der beinahe in der Versenkung verschwundenen "Latvijas Cels" ("Lettlands Weg" - LC), die in den 90er Jahren vielfach an Regierungen beteiligt, inzwischen aber nicht mehr allein über die 5%-Hürde gekommen war. Einige idealistische LC-Wähler wird es verschreckt haben, mit wem sich da die Parteioberen verständigt haben, aber lettischer Wahlkampf war seit 1991 schon oft eine Inszenierung des Machterhalts alt Bekannter unter scheinbar neuen Vorzeichen.

Unmoralische Priester?
Gibt es Priester, die nicht allen Menschen gleiche Rechte einräumen wollen - obwohl diese doch laut Bibel "vor Gott gleich" gelten sollten? Wenn ja, dann gehen sie wohl in Lettland in die Politik. Die "Pirma Partija" macht mit dem Thema "Rettung der christlichen Ehe" Wahlkampf. Stolz präsentierte man 12.000 Unterschriften für eine im Parlament eingebrachte Verfassungsänderung. Den Eingang von zwei Protestbriefen, einer davon von der lettischen Vereinigung der Schwulen und Lesben ILGA LATVIJA, präsentierte man ebenfalls öffentlich, und erhoffte sich dadurch wohl ebenfalls eher zusätzliche Bestätigung beim eigenen Klientel.

Bisher lautete der Absatz 110 der lettischen Verfassung: "Valsts aizsargā un atbalsta laulību, ģimeni, vecāku un bērna tiesības." (der Staat schützt und unterstützt die Ehe, die Familie, die Eltern und die Rechte der Kinder). Am Donnerstag, den 15.12.2005, wurde dieser Absatz mit 73 von 100 Stimmen vom lettischen Parlament wiefolgt geändert: "Valsts aizsargā un atbalsta laulību - savienību starp vīrieti un sievieti, ģimeni, vecāku un bērnu tiesības." (der Staat schützt und unterstützt die Ehe - die Vereinigung zwischen Mann und Frau -, die Familie, die Eltern und die Rechte der Kinder.)
"Lettland verbietet Homo-Ehe" titelte eilfertig einen Tag später DIE WELT. Streng juristisch stimmt das nicht ganz: gesagt wird nur, dass der Staat etwas anderes als die traditioneller Ehe weder schützt noch unterstützt. Jedoch auch Gegner des Gesetzentwurfs sagen selbst, dass nach Artikel 35.2 des lettischen Zivilrechts gleichgeschlechtliche Ehen auch bisher schon unzulässig sind. Dennoch hat man sich nun in aller Eile zusammengeschlossen, um die lettische Präsidentin zur Ablehnung des Gesetzes zu bewegen: "Gegen Homophobie in Lettland" heisst nun der Slogan dieser Initiative.

Hin und Her im Parlament
Die Tageszeitung DIENA schildert in ihrer Ausgabe am 16.12. die Abstimmungsvorgänge im Parlament anders: "Abgeordnete hatten Angst vor gleichgeschlechtlichen Ehen". Zitiert werden dort auch die Bedenken nicht nur von Staatspräsidentin Vike-Freiberga, sondern auch von Regierungschef Kalvitis, Justizministerin Aboltina und der Vorsitzenden der Menschenrechtskommission des Parlaments, Ingrida Circene. Dennoch wagten es nur sechs der Abgeordneten in der entscheidenden Abstimmung, gegen den Änderungsvorschlag zu stimmen. Darunter habe sich auch der Abgeordnete Andris Kaposts von der "Fraktion der Grünen und Bauern" (ZZS) befunden, der aber später erklärte, er habe bei der Abstimmung "die Knöpfe verwechselt". ZZS-Fraktionschef Brigmanis zitiert DIENA doch wirklich mit dem Satz: "Kaposts ist ein Mann vom Lande, der ist weit von Cesis gefahren, da macht er schon mal Fehler." (!)
Neun Abgeordnete enthielten sich, und acht erschienen lieber erst gar nicht zur Abstimmung - werden doch in Lettland oft auch alle Namen der Pro- oder Contra-Stimmenden schon mal in den Zeitungen veröffentlicht. Lieber abtauchen, als gegen den populistischen Strom schwimmen, scheint hier das Motto.


Ob der ganze Wirbel, der nun auch international mit dem Vorgang bereits erzeugt wurde, wirklich nur den Zielen nützt, den die Verfassungs-Änderer im Sinn hatten? Ein wenig scheint es, dass auch die Schwulen und Lesben Lettlands - obwohl an Zahl und Einfluß bisher kaum bemerkbar - noch eine Weile in der Diskussion bleiben werden. Ein paar Monate wird noch Wahlkampf sein. Auch am 23.Juli 2006.

8. Dezember 2005

Gestatten, Frau Präsidentin, Ihr Preis ...

Lettlands Parteienlandschaft hat keinen guten Ruf. Heillos zerstritten, selbstsüchtig, ohne große Bindung an ideelle Ziele. Hinzu kommt, dass westeuropäische Politologen und Journalisten in der Regel den sogenannten "ehemaligen Sowjetstaaten" nicht sehr viel zutrauen, was eigenständiges Denken angeht. So gelten auch die Lettinnen und Letten als entweder "von der Sowjetzeit verformt" oder als "naiv dem kapitalistischen Konsumrausch verfallen". - Vor diesem Hintergrund fällt es besonders auf, wenn eine in einer politischen Funktion befindliche Lettin geehrt wird - vor allem für ihre eigenständigen, zutiefst demokratischen Positionen und Gedanken, eintretend ausdrücklich für eine selbstbewußte Neupositionierung Lettlands auch in Europa.

Am Freitag, den 16.Dezember 2005 bekommt Vaira Vike-Freiberga, seit 1999 im Amt befindliche Präsidentin der Republik Lettland, im Bremer Rathaus den Hannah-Arendt-Preis verliehen. Aus der Presseankündigung der Veranstalter ist zu entnehmen, dass damit "eine Stimme und Position" geehrt wird, "die oft genug im Chor der dominierenden Mächte Europas untergeht." Vielleicht würde Vike-Freiberga gerne antworten: "So schnell wird Lettland nicht untergehen!" In vielen Reden hat sie im eigenen Land immer wieder versucht, Mut zuzusprechen, und gegen das teilweise weit verbreitete lettische Selbstmitleid anzureden, das angesichts des über die Jahrhunderte scheinbar dauerhaft schwierigen Schicksals des kleinen lettischen Volkes wenig Entwicklungschancen offen läßt - die dann den direkt Beteiligten oft nur wie sehr kleine, geduldige Schritte vorkommen mögen.

Doch nur selten gibt es auch für die oberste Repräsentantin dieses kleinen baltischen Landes die Chance der großen Medienaufmerksamkeit. Selten hören auch diejenigen mit der genügenden Aufmerksamkeit zu, die wenig über Lettland wissen. Gerade in Deutschland fielen eher die kumpeligen Männerfreundschaften Kohl-Gorbatschow oder Schröder-Putin auf, verbunden mit politischen Vorgehensweisen nach Gutsherrenart. Lettische Randbemerkungen, dass es gegenüber einem demokratischen Entwicklungsland wie Russland nicht reiche, diesem "schöne blaue Augen" zu machen, und auf politisches Wohlwollen zu hoffen, werden unbeachtet gelassen und manchmal sogar belächelt oder pauschal mit "Russen-Feindlichkeit" gleichgesetzt. Direkt am Rande des russischen Riesenreiches lebt es sich eben anders - mit eifernden nationalrussischen Funktionären im eigenen Land, die immer noch lauthals alle Letten pauschal als "Faschisten" verunglimpfen, ganz im Sinne der sowjetisch ideologisch zurechtgebogenen Geschichtsschreibung.

Auch unabhängig von der konkreten Lebensgeschichte von Hannah Arendt, wird doch der seit 1995 verliehene Preis vor allem mit dem Einsatz gegen totalitäre Regime, und mit eigenständiger, kluger, ein wenig eigenwilliger Denkweise gleichgesetzt. Da trifft es mit Vaira Vike-Freiberga sicherlich die Richtige. Schade nur, dass für die Stadt Bremen (mit Städtepartnerschaft zu Riga!!) und auch die beteiligte Heinrich-Böll-Stiftung der feierliche Anlaß nicht auch Gelegenheit ist, sich selbst wieder einmal mehr mit der lettischen Republik zu beschäftigen.

Die Zeiten, wo "Westler" den "armen Brüdern und Schwestern" auf der anderen Seite der Ostsee sagen mussten, wo es demokratisch lang geht, sind ja wohl (wenn sie jemals angebracht waren) vorbei. Für Lettland wichtige Zukunftsprojekte werden kaum mit deutschen Partnern entwickelt. Selbst bei Kooperationen von Firmen lagen lange Jahre eher die finnischen, schwedischen, asiatischen oder US-amerikanischen Firmen vorn. Auch die Bremer Forschungsstelle Osteuropa forscht lieber nicht über ganz Osteuropa, wie der Namen vermuten ließe. Man konzentriert sich lieber auf zwei, drei ausgewählte Themen und lässt Lettland dabei lieber als Partner aussen vor.
Auch die BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung hat sich schon seit Jahren aus konkreten Projekten mit möglicherweise gleichgesinnten Partnern in Lettland zurückgezogen.
Ob solche Zustände wohl beim geplanten, nur zwei Stunden kurzen Symposium am 16.12., kurz vor der Preisverleihung, überhaupt zur Sprache kommen werden?

Wesentlich bekannter ist in der deutschen Medienöffentlichkeit die hervorgehobene Stellung Vike-Freiberga's als Frau in einem höchsten Staatsamt. Als erste Frau in Osteuropa überhaupt, und heute noch als eine der ganz wenigen Frauen in Europa in politischen Führungspositionen (die auch seit 6 Jahren bereits im Amt ist und 2003 unumstritten wiedergewählt wurde!), wird ihr Name inzwischen in einer Reihe mit den bekanntesten Persönlichkeiten der ganzen Welt genannt. Einerseits aus Gründen, die bei vielen Frauenkarrieren eher charakteristisch sind, andererseits aber in ihrem Fall auch in dieser Hinsicht einzigartig: Sie zog zwei Kinder groß (siehe das Foto rechts, aus ihrer Zeit in Kanada - entnommen aus dem 2001 erschienenen Buch von Ausma Cimdina), sie schaffte gleichzeitig eine beachtenswerte wissenschaftliche Karriere, meisterte gemeinsam mit ihrem Mann eine langjährige Ehe, lernte mit Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch mehrere Sprachen fließend, und musste sich schon als junges Mädchen mit den Eltern in mehreren fremden Ländern durchschlagen.

Dann kam - seit dem 17.Juni 1999 (dem 59.Jahrestag der Besetzung der Republik Lettland durch die Rote Armee) - das Leben als lettische Präsidentin. Ist Lettland schlicht das Land der "starken Frauen"?? Wie anerkannt ist Vaira Vike-Freiberga im eigenen Land? Ist die Sicht von aussen (mit deutschen Augen) identisch mit der Sicht, die Lettinnen auf ihre Präsidentin haben? Wie geht es Frauen in Lettland in anderen Tätigkeitsfeldern, in der Wirtschaft, in der Kirche, in der Politik? Wie sieht es mit Frauen- und Männerrollen aus? Warum haben Frauen in Lettland eine so viel höhere Lebenserwartung als Männer?

Diese und andere Fragen möchte der Verein INFOBALT in Bremen zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung diskutieren. Aus Anlaß des Besuchs von Frau Dr. Vike-Freiberga in Bremen, aber leider - wegen ihres Termindrucks - ohne sie. Dennoch werden eine Reihe lettischer Frauen zusammenkommen, die selbst aus eigener Perspektive und Erfahrung erzählen können. Eingangs werden Filme gezeigt über Vaira Vike-Freiberga und über Frauen in Riga. Alle interessierten Gäste sind herzlich eingeladen.

Donnerstag, 15.Dezember 2005, ab 18.00 Uhr, im Haus der Bremer Landeszentrale für politische Bildung, Osterdeich 6, 28203 Bremen. Telefon dort im Haus am Veranstaltungstag: 0421 361-2507, Email: Guenther.Feldhaus@lzpb.bremen.de. Kontakt für weitere Fragen und Infos: post@infobalt.de oder Tel. 0162-9339191.

6. Dezember 2005

Im Ausland arbeiten, zu Hause explodieren die Preise

Lettland ist stolz auf seine Statistiken. Mit momentan 11,6% Wirtschaftswachstum nimmt Lettland im Moment den Spitzenplatz in der Europäischen Union ein - das melden Fachmagazine wie das Wirtschaftsblatt (8.11.2005) Dasselbe Magazin beschreibt aber auch eine Inflationsrate von 7,2% - ebenfalls europaweit ein Höchstwert. Wo kommen diese Probleme her? Gefährdet diese Entwicklung die 2007/2008 geplante Einführung des Euro?

Wirtschaftswachstum - aber nicht zu Gunsten aller Beteiligten
"Die alten EU-Länder werden neidisch", hatte noch im Mai 2005 die Deutsche Welle angesichts der beeindruckenden Zahlen zum Wirtschaftswachstum in Lettland berichtet. Inzwischen mischen sich andere Stimmen in diesen Chor. Jungle World zitiert einen Slogan von einer Demonstaration lettischer Gewerkschaften in Riga: "Im Vergleich zu den übrigen EU-Staaten ist unsere soziale und wirtschaftliche Lage düster: die höchste Inflation, die geringsten Gehälter und Renten und das am schnellsten aussterbende Land."

Nur 320 Euro beträgt der lettische Durchschnittslohn. Der Mehrwertsteuersatz von 18 Prozent gilt auch für Lebensmittel. Gerade Geringverdiener leiden unter dem stetigen Preisanstieg. Und die Einkommenssteuerrate von 25% gilt auch für Kleinverdiener - nur Summen unter 40 Lat Verdienst bleiben verschont. Arbeitssuchende verlassen zu Tausenden das Land - um in Ländern wie Irland, wo Arbeitskräfte gesucht werden, kurzfristig ihr Glück zu suchen.

Gut ausgebildete Fachkräfte - bereits auf der Flucht?
In Lettland selbst priesen ausländische Investoren noch bis vor kurzem das "hochqualifizierte und motiviertes Personal" (Deutsche Welle 19.5.05) Die neue Konjunkturumfrage 2005 der Deutsch-Baltischen Handelskammer bringt bereits einige neue Tendenzen. Gute Gesamtkonjunkturlage, Steigerungen des Umsatzes gegenüber 2004 bis zu 20% scheinen positiv - aber bereits die Hälfte der Befragten sieht durch Abwanderung von Arbeitskräften (als Nachteil der EU-Osterweiterung) mittelfristig einen Mangel an Fachkräften in Lettland voraus.
Gefragt nach den Motiven für Investitionen in Lettland geben 65% der deutschen Firmen gegenwärtig noch das "gute Ausbildungsniveau" als Grund an (niedrige Arbeitskosten übrigens nur 44,2%). An der Ausbildung liegt es also weniger - aber die Leute suchen sich den Mehrverdienst gegebenenfalls in anderen Ländern, wo sie Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Dennoch scheinen Abwehrreaktionen großer EU-Staaten übertrieben - die Probleme für Lettland selbst sind die weitaus entscheidenderen.

Auswärts arbeiten gehen löst zu Hause die Sorgen nicht
Das Geld, was Letten im Ausland verdienen, facht die Inflation im eigenen Land an - diese Schlagzeile brachte LETA am 6.12.05. Auf mindestens 20 Millionen Lat jeden Monat (ca. 30 Millionen Euro) schätzt LETA die Summe Geldes, das auf diesem Wege nach Lettland fließt. Die lettische Nachrichtenagentur vergleicht den ökonomischen Effekt, den diese Arbeitsemigranten im eigenen Landes auslösen, mit dem Einfluß von Touristen aus reichen Ländern: eine bestimmte Schicht von Kunden kann sich eben steigende Preise leisten. Zitiert wird die Chefanalystin Liene Kule von "Hansabanka", deren Worten zufolge eben solche Effekte zum "Konsumboom" in Lettland - und damit zur Inflation - beitragen. Ein großer Teil des ins Land fließenden Geldes wird eben nicht investiert, sondern für Konsumwaren ausgegeben.
LETA zitiert aber auch andere Stimmen, wie den lettischen Ökonomen Janis Aboltins. Dieser hofft, dass die "heimkehrenden Letten eben Häuser bauen, Dienstleistungen brauchen, und damit auch den einheimischen Markt beleben." "Aber," so gibt auch er zu, "der lettische Markt ist klein, und durch fehlenden Wettbewerb bleiben eben in manchen Bereichen die Preise auf hohem Niveau."

Auf der Suche nach Gründen
Europäische Wirtschaftsfachleute, wie zum, Beispiel das European Business Network, schoben bisher den Preisanstieg in der Europäischen Union bisher eher die gestiegenen Energiepreise. Auch in Lettland brachten die Medien einige Wochen ständig neue Meldungen über klagende Autobesitzer. Schon überlegten Sparsame, sich Billigbenzin aus Weißrussland auf dem illegalen Markt zu besorgen.

Blair ohne Verständnis und Interesse für die baltische Perspektive
Nun kommt noch "Onkel Blair", in seiner Funktion der EU-Präsidentschaft daher und schlägt mal eben eine drastische Kürzungen der Gelder aus Brüssel vor (für Lettland würde es minus 8% bedeuten). Das würde vor allem die Regionalentwicklungsprogramme in Lettland stark treffen.
Hans-Gert Pöttering, Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten) im Europaparlament, äussert im Deutschlandfunk Verständnis für die ablehnende Haltung der baltischen Staaten zu solchen Vorschlägen. "Unakzeptabel für Lettland" - mit dieser klaren gegenüber LNT geäusserten Stellungnahme weiss sich auch der lettische Regierungschef Kalvitis einig mit seinen Amtskollegen von Estland bis Polen.

So zeigen sich in Lettland - trotz positiver Wirtschaftsentwicklung - gegenwärtig immer noch zwei Seiten (der Medaille). Es gibt sogar Gerüchte, dass einige Firmen in Lettland billige Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern Osteuropas oder Asien ins Land holen wollen. Falls nichts dafür getan wird, dass gut ausgebildete lettische Fachleute auch angemessen bezahlte Arbeit im eigenen Lande finden - eine gruselige Persektive.

1. Dezember 2005

Letten lieben Irland - nun ist es genug, sagen die Iren

Der Traum von der grünen Insel
Eigentlich sind die Iren ja stolz darauf, dass so viele Menschen aus allen Teilen Europas ihre "grüne Insel" als Urlaubsland lieben. In den zurückliegenden Jahren brachte zunächst die EU-Erweiterung vielen Iren Arbeit, auch im europäischen Ausland. Nun aber kommen immer mehr Arbeiter aus den neuen EU-Ländern nach Irland - auch aus Lettland. Und die Iren sind sauer.

Neuerdings sind in Zeitungen und Fernsehen Lettlands nicht mehr die Werbeanzeigen für Arbeit in England und Irland zu sehen. "Das Märchen von der Arbeit in Irland ist zu Ende", titelt der staatliche Fernsehsender LNT. Die Tageszeitung DIENA macht auf mit Fotos (siehe oben) von protestierenden irischen Arbeitern. Was ist passiert?

Dramatische Szenen in irischen Häfen
Im Hafen des irischen Pembroke hatten sich Mitte November vier Schiffsoffiziere an Bord des Fährschiffs "Isle of Innis Moore" verbarrikadiert. Auch ihre Kollegen auf der "Ulysses" im Hafen von Holyhead verweigern die Arbeit. Am 30.11. stimmten auch die Hafenarbeiter in Dublin dafür, die Schiffe der privaten Linie "Irish Ferries" bis auf weiteres nicht mehr abzufertigen, berichtet "Irish News", und zitiert einen Sprecher der irischen Industrie-, Dienstleistungs- und Transportgewerkschaft SIPTU.
Die Reederei will irisches Personal durch billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland ersetzen, und um dies zu ermöglichen, sollen die Schiffe unter fremder Flagge fahren, berichtet EURONEWS. Mitte September war die Entlassung von 543 irischen Arbeitskräften mit dieser Begründung angekündigt worden. Das irische Newsportal ONLINE.IE benennt speziell die Absicht der Fährbetreiber, Arbeiter aus Lettland anheuern zu wollen.
Die "Ulysses", die größte Autofähre der Welt, pendelt zweimal täglich von Irland nach England. Auf insgesamt zwölf Decks bietet die Fähre Platz für 2.000 Passagiere, über 1.300 Pkw oder 240 Lkw. Gut vorstellbar, was passiert, wenn solche Linienverbindungen tagelang bestreikt werden.

Nationaler Protesttag in Dublin angekündigt
Der Streit ist schon weit gediehen: IRISH FERRIES sah sich in einer Pressemitteilung genötigt, die Absicht der Gebrauchs von Tränengas zur Auflösung des Streiks dementieren zu müssen. Vor den Häfen stauen sich die LKW mit Frischware, unter anderem Lachs und Lammfleisch.
Die Betreibergesellschaft wehrt sich gegen die Argumente der irischen Gewerkschaften, die Fährlinien würden erhebliche Gewinne abwerfen. 171 Millionen britische Pfund an Verlusten habe man bei Übernahme der staatlichen B&I ausgleichen müssen. Angesichts der Konkurrenz der Billigflieger und der steigenden Treibstoffpreise sei man zum Handeln gezwungen, so eine Stellungnahme vom 29.November. Die irischen Seefähren würden immer noch 50-60% teurer betrieben als vergleichbare andere Linien, verteidigt sich "Irish Ferries".
Die Gewerkschaften dagegen haben zu einem "nationalen Protesttag" am 9.Dezember in Dublin aufgerufen.

Diskussionen in der lettischen Presse
Solchen Turbulenzen erregen nun auch in Lettland Aufmerksamkeit. Die Nachrichtenagentur LETA zitiert Jazeps Spridzans, Direktor des lettischen Seefahrerregisters, mit der Aussage, gegenwärtig würden 70 Arbeiter aus Lettland auf irischen Fähren Beschäftigung finden. Spridzans dementierte aber, dass lettische Arbeitssuchende irgend etwas mit Niedriglöhnen von angeblich nur.3,60 Euro pro Stunde zu tun haben könnten. "Kein Lette, geschweige denn irgendwelche Philipinos, würden für solch einen Lohn arbeiten," behauptet er, und legte gleichzeitig Vergleichszahlen vor. LETA hatte in einer Meldung aber genau dies bestätigt. Angeheuert würden die lettischen Bewerber von "Dobsona kugniecibas agentura".
Der von der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft ITF empfohlene Mindestlohn sei 1,450 US Dollar pro Monat, so dagegen Spridans, aber ein lettischer Seemann in Irland würde mit 1,700 Dollar entlohnt, Bootsmänner mit USD 2,000 und Stewardessen mit USD 1,558. Inbegriffen in diese in der Regel etwa 2-monatigen Arbeitsverträge seien eine vom Arbeitsgeber gestellte Uniform, freie Verpflegung, sowie Hin- und Rückfahrt nach von Lettland aus. Gegenwärtig läge eine Anfrage nach 110 weiteren Seeleuten aus Lettland vor. Eigentlich müsse der Arbeitskräftebedarf mit Arbeitssuchenden aus der EU gedeckt werden, die lettischen Seeleute täten also nichts Illegales, verteidigte Spridzans das lettische Verhalten. Irish Ferries stünde nun aber vielleicht wegen der Streikaktionen vor erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, prognostizierte er. Karlis Svilpis, Personalmanager von "Baltic Shipmanagement Ltd." in Riga, erwähnte gegenüber LETA auch Anfragen einer Kreuzfahrtgesellschaft, die 150 Seeleute anforderte. "Das konnten wir gar nicht befriedigen," sagte er.

Der lettische Wohlfühlfaktor in Irland
Die irischen Fährschiffgesellschaften könnten nun in schwerer Krise geraten, bedauert auch der lettische Fernsehsender LNT, und zitiert die stellvertretende irische Premierministerin Mary Harney: "Das letzte, was ich sehen will, sind Arbeiter, die ihre Arbeit verlieren, eine Firma, der ihr Geschäft verloren geht, und ein Staat, der auch dabei verliert. Aber genau das passiert jetzt."

"Der Streit um die Fähren könnte die Iren gegen Lettland aufbringen", spekuliert DIENA. Zitiert wird auch das Erfolgsrezept des "keltischen Tigers" Irland, das eben bisher auf einer jährlichen Übereinkunft zwischen Regierung und Gewerkschaften beruhe, so DIENA. Auf See habe aber weder die EU noch die Regierung entsprechenden Einfluß. Eine Lösung des laufenden Konflikts könne aber Modellcharakter für andere Firmen in Irland haben, zitiert DIENA irische Politiker.

Irland ist eines derjenigen EU-Länder, die Arbeitern aus den neuen EU-Staaten ohne Begrenzungen Arbeitserlaubnisse erteilt. DIENA schätzt die Zahl der gegenwärtig in Irland arbeitenden Letten auf 30.000-40.000. Die Tageszeitung "Neatkariga Rita Avize" (NRA) vermutet gar bis zu 100.000 lettische Arbeiter in Großbritannien und Irland. Offiziell seien beim irischen Sozialregister 13 984 Letten verzeichnet, zitiert NRA Angaben der lettischen Botschaft in Dublin. Geschätzt wird aber, dass sich nur etwa jeder Dritte auch offiziell registrieren lässt. Die große Zahl an Letten, die in Irland leben und arbeiten, könne inzwischen auch bereits an den in Irland geborenen Kindern mit lettischer Staatsbürgerschaft abgelesen werden: 2004 seien es noch 30, in den ersten neun Monaten 2005 bereits 107 Kinder.
Die irische Radio- und Fernsehstation RTE zitierte Statistiken, dass die Zahl der Beschäftigten in Irland in den ersten 9 Monaten des Jahres 2005 um 5% (oder 96.200) angestiegen sei. Nach diesen Statistiken arbeiten gegenwärtig 160.000 Menschen in Irland, die aus anderen Ländern kommen. 40.000 seien 2005 neu dazugekommen.

Wie geht es weiter?
Lettische Politiker wie Aussenminister Pabriks rechnen mit weiteren, ähnlichen Auseinandersetzungen auch in anderen Ländern Europas. Aber nicht alle Letten begrüßen die massenweise Arbeitsemigration ins Ausland. Viele machen sich Sorgen um die internationale Konkurrenzfähigkeit Lettlands und die Perpektiven im eigenen Land, wenn so viele Fachkräfte weggehen. "Bald können wir in Irland das lettische Sängerfest veranstalten", meinten Diskutanten in einem Internetforum. Oder sollte man es sehen wie die lettische Politologin Žaneta Ozolina? Sie sagt:: "Europa ist eine soziale Titanic."

27. November 2005

Fortsetzung der Dokumentarfilmtradition

Auch zu sowjet-lettischen Zeiten galt der Dokumentarfilm in Riga schon etwas. Im Rigaer "Kinostudio" hatte das dokumentarische Handwerk eine Hochburg. Bei der Aufzählung der besten lettischen Doku-Filmer braucht man nicht bei Sergej Eisenstein stehen zu bleiben: Herz Frank gehört dazu, genauso wie der 1991 bei den Januarunruhen in Riga umgekommene Andris Slapins, oder der 1992 auf tragische Weise ums Leben gekommene Juris Podnieks.
Der Regisseur, Autor, Kameramann und Produzent Romualds Pipars schreibt jetzt ein neues Kapitel dieser filmischen Tradition.
Sein bereits 2003 fertig gestellter 39 Minuten langer Film "Par visu manu dzivi" (engl. Titel: "For all my life") rief internationale Anerkennung hervor, und lenkt gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf ein fast unsensationelles Thema: an einigen Orten in Kurland leben Letten und Roma heute wie selbstverständlich miteinander.

Der thematische Hintergrund des Films war dramatisch: im Sommer 1941, als Nazi-Deutschland Lettland besetzte, versammelten SS-Truppen, nachdem bereits alle Juden ermordet waren, auch die in dem kleinen Ort Sabile lebenden Roma im lettischen Kurland. Sie befahlen ihnen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln. Sie reihten sich an diesen Löchern auf, bereit, erschossen zu werden. Martins Berzins, der Ortsbürgermeister, schaltete sich ein: "Das sind alles meine Mitbürger. Wenn ihr sie ermordet, dann müsst ihr mich auch ermorden." Mit seinem mutigen Einsatz konnte er damals 200 Leben retten.
Der Film thematisiert das Leben der Roma in Sabile heute.
Bis heute leben Roma in Sabile, gehen in der örtlichen Schule in eine spezielle Klasse, erhalten Unterricht in ihrer eigenen Sprache, und Extra-Musikunterricht.
Am 9.August 2000 trafen sich lettische Roma im Wald bei Sabile, wo immer noch die Löcher zu erkennen sind, die genau 60 Jahre zuvor ausgehoben worden waren.

In den zwei Jahren seit seiner Fertigstellung ist der Film von Romualds Pipars inzwischen auch international viel beachtet. Als am 10.Oktober 2005 der lettische Minister für Integrationsfragen Ainars Latkovskis dem Regisseur einen Ehrenpreis überreicht, ist dies auch ein Rückblick auf das bisher geleistete. Die größere Zeremonie hatte bereits am 28.September 2005 im Europäischen Parlament in Straßbourg stattgefunden: dort wurden die ARD-Medienpreise (CIVIS) im Rahmen einer festlichen Zeremonie verliehen. "For all my Life" erhielt dabei den erst 2005 neu geschaffenen und mit 6.000 Euro dotierten Europäischen Roma Fernsehpreis. "Der Film zeigt das einträchtige Zusammenleben von Roma und Letten in der lettischen Stadt Sabile und erinnert an die Geschichte des gegenseitigen Verständnisses während des Zweiten Weltkrieges", schreibt der WDR über den Film. "Es gibt Armut in Sabiles, aber keinen erkennbaren Antiziganismus. Eine beeindruckende Darstellung gelungener Integration", befand die Jury.

In einem Interview mit der lettischen Zeitschrift "Izglitiba un kultura" sagt Pipars zu seinem Filmschaffen, das inzwischen mehr als 100 Dokumentarfilme umfasst, er sei "immer ein wenig auf der Suche nach der Wahrheit" gewesen. "Diejenigen Menschen, die es schwer im Leben haben - so meine Eltern auch - können meist selbst nichts davon überschauen. Ich habe viel davon erlebt, und so verarbeite ich es in meinen Filmen".

Fast ebenso spannend wie der Film selbst liest sich Pipars' Erzählung von seiner Reise zur Preisverleihung nach Straßbourg, die nicht ganz undramatisch verlief (beim Portal TVnet ist sie für Lettisch-Kundige noch nachzulesen). Hier kann man lernen, dass es offensichtlich schwierig ist, in Frankfurt Bustickets zu kaufen, und französischen Taxifahrern das Fahrziel "Haus des Europaparlaments" zu erklären. Bei der Preisverleihung sei das Publikum wohl glücklich gewesen, dass er nicht wie viele andere erst mal bei der "Oma und ihrer Katze" angefangen habe zu erzählen, weil ja allen zu danken sei, sondern einfach nur zwei Worte sagte: "Thank you!"

Der Filmverlag bietet eine VHS-Version des Films inzwischen auch zum Kauf an. Es bleibt zu hoffen, dass "For all my life" entweder im deutschen Fernsehen oder /und auch in den deutschen Kinos einmal zu sehen sein wird.

25. November 2005

Mehr Besucher, Run auf Billigflieger, Krise der Fährlinien

Die touristische Saison 2005 hat einige Fragezeichen hinterlassen. Konnte der "Run" auf die neuen EU-Mitgliedsländer, der im Sommer 2004 deutlich spürbar war, wiederholt oder sogar gesteigert werden?
Es gibt unterschiedliche Aussagen dazu. Einige touristische Dienstleister berichten auch von Rückgängen, andere von andauernden Verbesserungen.

In Lettland veröffentlichte das staatliche Statistikamt den Überblick über Reisen von und nach Lettland im dritten Quartal 2005 (Juli, August, September). In der Hauptreisezeit 2005 verzeichnete Lettland mit 1,324 Millionen ca. 20% mehr Besucher aus dem Ausland als im gleichen Zeitraum des Jahres 2004 (1,104 Mill).
Besucher aus den direkten Nachbarländern dominieren immer noch die absoluten Zahlen: 33% der Gäste kamen aus Estland, 23% aus Litauen. 9% kamen aus Deutschland, 6% aus Russland, 5% aus Polen und je 4% aus Finnland und Schweden. Interessant dabei, dass laut Statistik die Gäste aus Russland in Lettland das meiste Geld ausgeben - noch vor den Deutschen und den Schweden. Dieser Tabelle zufolge sind Litauer und vor allem die Finnen am sparsamsten.
Lettland ist ein kleines Land: nur 31% der Gäste hielten sich länger als 24 Stunden im Lande auf. Von diesen waren 40% "Neulinge": zum ersten mal in Lettland.
78% aller Gäste kamen über die Straßen, 12% per Flug, 7% mit dem Schiff und 3% mit dem Zug.

Die Liebhaber schöner Schiffsreisen werden es 2006 schwerer haben. Zunächst machte die Kunde vom Verkauf der Finnjet in die USA die Runde - eine Linie, die zwischen Rostock und Tallinn erfolgreich verkehrte, und sicher viele Menschen durch eine schnelle und sichere Überfahrt mit dieser Region in Verbindung brachte.
Nun erschüttert auch der Skandal um die Pleite der Fährlinie Riga-Stockholm die lettische Hauptstadt. Anfang November lag die "BALTIC KRISTINA" noch immer im Hafen von Riga, die Crew im Streik. Am 15.Oktober hatte die Reederei "Rigas Juras linija's" (RJL), an der auch die Stadt Riga einen Anteil von 35,48% hielt, plötzlich den Betrieb eingestellt, sich vor Gericht für insolvent erklärt, und hatte offensichtlich auch kein Geld mehr, um die Mannschaft zu bezahlen. Das Thema wurde zur heissen Diskussion in lettischen Medien. Hatte doch der frühere Rigaer Bürgermeister Bojars es sich vor Jahren zum persönlichen Anliegen gemacht, wieder eine Fähre nach Stockholm in den Hafen von Riga zu holen - nun zeigte es sich, dass trotz hoher staatlicher Subventionen das Geschäft nicht wirtschaftlich zu betreiben war: 7 Millionen US-Dollar an Schulden waren gegenüber der PAREX-Bank aufgelaufen, so meldete die Nachrichtenagentur LETA am 14.Oktober. Als Konsequenz hatte der Freihafen Riga das Schiff, dessen Wert von verschiedener Seite auf zwischen 3,8 bis 4,6 Millionen Euro geschätzt wird, als "Pfand" im Hafen festgehalten.

Anfang August hatte die Betreiberfirma noch neue Rekorde gemeldet: auch im vierten Jahr des Betriebs sei die Passagierzahl wieder erheblich gestiegen - 11610 Passagiere seien allein im Juli 2005 befördert worden, eine Steigerung von 33,4% gegenüber 2004. Nun kommt es anders: Am 21.Dezember soll die 32 Jahre alte "Baltic Kristina" auf einer Zwangsauktion versteigert werden (so meldet es ein norwegisches Schiffahrtsportal im Internet, ebenso verschiedene lettische Quellen). Bis Mitte November waren seitens der Besatzung 300.000 Lat als ausstehende Lohnforderung aufgelaufen, meldet die lettische Tageszeitung "Neatkariga Rita Avize" (NRA). Es besteht kaum Hoffnung, dass die Betroffenen diese Zahlungen noch vor Weihnachten erhalten werden.

Soweit zum lettischen Wachstum in der Tourismusbranche - das offensichtlich trotz aller Statistiken auf wackeligen Füssen steht. Der Flughafen Riga verzeichnete übrigens 1,375 Millionen Passagierankünfte in den ersten 9 Monaten des Jahres 2005, das ist fast eine Verdopplung gegenüber 2004. Während dabei die Nutzung von lettischen Airlines nur um 39,4% anstieg, war es bei ausländischen Fluglinien ein Anstieg um das 2,5fache. 286.700 Menschen kamen von deutschen Flughäfen, vor allem dank der Billigflieger zwischen Berlin und Riga ein starker Anstieg. Laut BALTIC TIMES verkündete der lettische Verkehrsminister Ainars Slesers kürzlich lauthals, bis zum Jahr 2015 werde sich der Fluggastaufkommen noch einmal gegenüber heute verfünffachen.
Was bleibt solchen Optimisten zu wünschen? Allzeit gute Reise, und wenig Abstürze!

7. November 2005

Rekordprämie für Überraschungssieg in New York













Einen Überraschungssieg landete Jelena Prokopcuka aus Jurmala in Lettland ausgerechnet beim berühmten New York Marathon: nach 42,195 km, vorbei an den beindruckenden Sehenswürdigkeiten der US-Metropole, konnte sie ausser dem Siegerkranz für die Marathonsiegerin 2005 auch die Rekord-Siegprämie von 130.000 Dollar entgegennehmen. Die Siegerzeit. 2 Stunden, 24 Minuten und 41 Sekunden.
Ausnahmsweise sind die Blechkarawanen der PKWs anläßlich dieses Top-Sportereignisses einmal von den Straßen verbandt, und so konnten die über 35.000 Läuferinnen und Läufer die Strecke ganz "unter sich" genießen. Der New-York-Marathon wird seit 1970 in New York veranstaltet und führt durch alle fünf Stadtteile von Staten Island über Brooklyn, Queens, die Bronx und endet im Central Park in Manhattan. Bei den Männern gewann der Kenianer Paul Tergat.

(Foto unten: die beiden Marathon-Sieger. Foto: Reuters)
Über 35.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 100 Ländern waren am Start, 125 Fernsehstationen übertrugen das Ereignis in alle Welt, 2,5 Millionen Menschen sollen am Straßenrand für Stimmung gesorgt haben: für jede Läuferin ein ganz besonderes Erlebnis, hier zu siegen. Der Sieg von Jelena Prokopcuka stand dabei erst im Finish fest: kurz vor Schluß hatte noch die Kenianerin Susan Chepkemei geführt, bekam dann aber Magenkrämpfe, so dass Prokopcuka sie noch überholen konnte.


Nun diskutieren die lettischen Sportfans in Internetportalen wie "TVnet-Sport" diesen sensationellen Erfolg. Die Äusserungen gehen dabei von Lobpreisungen bis hin zur Hoffnung, die Siegprämie könne auch anderen lettischen Sportlern helfen: "da kann sie doch jetzt mal einiges spenden für unsere Sportklubs", so die dort geäusserten Hoffnungen. Andere sorgen sich auch um das Geld, denn nach lettischen Gesetzen müsse die Sportlerin wohl entweder 25% oder 15% ihrer Siegprämie in Lettland an Steuern zahlen, anteilig von ihrer Gewinnsumme. "Unseren dickbäuchigen Funktionären und verrückten Politikern ist alles zuzutrauen", spekulieren die Internet-User. "Aber das war doch ausserhalb der EU, da soll sie das doch mal nach US-Gesetzen regeln", meinen andere.

"Das ist ein gewaltiger Sieg für ein kleines Land wie Lettland", so äusserte sich Prokopcuka, die bereits 2004 auf dem 5.Platz gelandet war, der lettischen Nachrichtenagentur LETA zufolge. "Nun könnte ich auf den Geschmack kommen, und auch die Marathons von Chicago, Boston oder London gewinnen wollen", sagte sie lächelnd. Die Geldprämie könne sie gut gebrauchen, denn sie plane, sich in Jurmala ein Haus zu bauen - und gerade dort ist Baugrund teuer ...

31. Oktober 2005

Lettisch-polnische Einigkeit gegen deutsch-russische Alleingänge

Die deutsche Aussen- und Wirtschaftspolitik muss sich wohl daran gewöhnen, dass frühere Sprechblasen von "Deutschland, dem Anwalt der Balten" (Aussenminister Kinkel in den 90er Jahren) sich in ihrer Schlicht- und Bedeutungslosigkeit nicht mehr so leicht wiederholen lassen.

Heute setzt Lettland aussenpolitische Akzente selbst. Aussenminister Pabriks ist mit einer deutschen Frau verheiratet - aber das hindert nicht an selbstbewußter Positionsbestimmung.

Mit dem schnell eingefädelten und überraschend ohne Abstimmung mit den nordosteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten bekannt gegebenem Deal einer deutsch-russischen Gaspipeline durch die Ostsee schockierte Noch-Kanzler Gerhard Schröder nicht nur Lettland. Vor allem in Polen war man "not amused" über dieses Projekt, das von Ökonomen keineswegs als "preisgünstige Lösung" eingeschätzt wird. Vor allem die Verfahrensweise Deutschlands, die den Anschein hat, als wolle man wider einmal Sondervereinbarungen mit Russland an allen anderen Gepflogenheiten vorbei anstreben, erregte neues Misstrauen. Jetzt wartet man unverhohhlen darauf, dass eine neue deutsche Kanzlerin die Lage klären kann.

Derweil üben sich Lettland und Polen im Schulterschluß. Nach einem Treffen mit Maciej Klimczak, neuer polnischer Botshafter in Lettland, äusserte Aussenminister Pabriks im Rahmen einer Presseerklärung Verständnis für Russlands Interessenlage an dem Pipeline-Projekt mitten durch die Ostsee. Dagegen sei die Haltung des deutschen Kanzlers Schröder "unerklärlich", so Pabriks. "Im Unterschied zu Russland ist Deutschland unser Partner in der Europäischen Union", so die Aussage der gemeinsamen lettischen-polnischen Presserklärung, "und wir erwarten von unseren Partnern, dass sie sich beraten mit uns und anderen Interessenvertretern." Daher könne Lettland die eigenmächtige Entscheidung Deutschlands nicht unterstützen.

Pabriks polnischer Diplomatenkollege Klimczak ergänzte, dass eine klare gemeinsame Haltung in dieser Frage für die baltischen Staaten und Polen wichtig sei. Es seien ganz einfach "politische Standards der Europäischen Union zu beachten", so Klimczak. In Zukunft dürfe sich so etwas nicht wiederholen.
Nun ja, - mal sehen, mit welcher Strategie die zukünftige Bundesregierung dies wieder kitten will....



26. Oktober 2005

Lernen Sie Livisch!

Nicht verwechseln: Livisch ist für Letten eine Fremdsprache
Einst war es Imants Freibergs, der IT-Experte und Ehemann der heutigen lettischen Präsidentin Vike-Freiberga, der schon in den 60er Jahren daran ging, die lettischen Dainas elektronisch aufzubereiten und zu systematisieren. Spätestens mit der Wahl seiner Frau, die bekannt war und ist für ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit der lettischen Kultur und besonders den Dainas, haben es diese durch die Jahrhunderte mühsam erhaltenen Zeugnisse lettischer Kultur auch heute wieder zu Anerkennung und Ehre gebracht.

Bei der Kultur der Liven ist das noch nicht ganz so. Selten weht die livische Flagge irgendwo (siehe oben), und als finno-ugrischer Sprachstamm weicht das Livische sehr stark auch vom Lettischen ab. Auch die alte Bezeichnung "Livland", geprägt von den Deutschbalten, der an die damals von Liven geprägte Gebiete des nördlichen Lettland und südlichen Estand erinnert, weist auf livische Kultur hin. Nur noch eine Handvoll Menschen bezeichnen sich heute noch als direkte Nachkommen der Liven, eine kleine Gruppe lebt heute noch im Bezirk um Ventspils. Zwar erkennen auch die Esten und Finnen ihre Beziehung zu den Liven auch heute an - Staatsbesuche aus Estland oder Finnland beziehen auch gern schon mal ein livisches Kulturfest ein - aber ansonsten führt diese Kultur und Sprache doch eher ein Schattendasein, international beachtet meist nur von Linguisten und Ethnologen.

Livisch im Netz
Mit einer Pressemeldung gab nun das lettische Aussenministerium nicht ohne Stolz bekannt, dass auch für die Öffentlichkeit nun eine neue Möglichkeit geschaffen wurde, sich mit der livischen Sprache auseinanderzusetzen. Auf einer neuen Webseite ist mit Unterstützung der lettischen Kulturkapital-Stiftng ein Livisch-Lettisch-Englisches Wörtberbuch entstanden, auf das kostenfrei zugegriffen werden kann. Die beiden Wissenschaftlerinnen Ieva Ernstreite und Valda Suvcane haben in mehrjähriger Arbeit ein 68-seitiges Heft geschaffen, was sehr ausführlich in die livische Sprache einführt und ausser einer allgemeinen Einführung in die livische Kultur auch eine große Zahl Satzbeispiele enthält. Anhand von Themenbereichen wie "zu Besuch", "Wetter, Jahreszeiten", oder "die Familie" kann Einblick gewonnen werden in die inzwischen selten gewordene Welt des Livischen - für Deutschsprachíge wenigstens mit Hilfe des Englischen. Das gesamte Heft ist online downloadbar.

Noch nicht ganz vergessen
Immerhin war auch bisher bereits das Livische im Internet nicht ganz vergessen. Die unter Web-Insidern berühmte Wikepeda-Enziklopädie pflegt eine eigene Seite, Die Seite "Vitual Livonia" (livisch/englisch) wird von Uldis Balodis gepflegt und enthält eine ganze Reihe weiterer Verknüpfungen mit interessanten Seiten. Ähnlich ist die Seite von Roberts Freimuts ausgelegt, ebenfalls Livisch / Englisch. Einige interessante Infos, und schöne Fotos, hat auch Heinz Wilhelm Pfeiffer auf seiner Webseite aufbereitet. Auch er bietet eine (sogar bebilderte!) Literaturliste an. Die Beschäftigung mit dem Livischen zumindest wird noch nicht so bald aussterben - Geschichte und kulturelle Eigenarten mehr zu erforschen: wer hier Gleichgesinnte sucht, wird im Internet einiges finden. Doch Vorsicht vor Generalisten - gerade im virtuellen Netz steht so einiges geschrieben, dessen Quellen und Wahrheitsgehalt unklar sind. Beispiel: Auf einer mit "finnourgische Sprachen" überschriebenen, und sachlich aussehenden Seite ist zum Beispiel zu lesen: "Livisch ist inzwischen ausgestorben,"..... "Der Begriff 'Livisch' wird bisweilen auf einen der Dialekte der lettischen Sprache angewandt." Um solche Missverständnisse zu vermeiden, ist vielleicht doch die neue bei ERAKSTI zu findende Infoseite sehr nützlich.