30. Januar 2014

Laimdota, gib Glück!

Wochenlang nervte ein unerwartet quälendes Hin- und Her um die neue Regierungsbildung in Lettland. Als Regierungschef Dombrovskis (Partei "Vienotība") am 27.November nach einem Besuch bei Staatspräsident Bērziņš seinen Rücktritt bekanntgab (nach 1777 Tagen auf dem Chefsessel) und dabei durchaus ein paar Tränen unterdrücken musste, ließ dies bei vielen mehr Fragezeichen als klare Aussagen zurück. Ein Supermarkt stürzt ein, und der Ministerpräsident tritt zurück - weder der Zuständige für die Bauaufsicht, noch ein zuständiger Minister, auch kein Firmenchef hatte bis dahin ähnliche Konsequenzen gezogen. Und Dombrovskis Hinweis, nur eine starke Regierung könne die anstehenden Probleme lösen hinterließ bei Außenstehenden wie Parteikollegen Staunen - denn er regierte ja mit Parlamentsmehrheit, und hatte die Situation am Tage zuvor vor versammelten Journalisten noch kühl und sachlich analysiert, ohne Anzeichen persönlicher Konsequenzen.

Zu Lettlands neuer Regierungschefin - politisch und persönlich den
meisten sicher ein unbeschriebenes Blatt - fällt plötzlich ganz Europa
Ähnliches ein (von oben: "Latvijas Avize" / Lettland, "Rheinische
Post" / D, "Lietuvos Rytas" / Litauen, "Toxrima" (Griechenland)
Im zweiten Ansatz war vielleicht zu vermuten, Dombrovskis wolle seine Partei vor den anstehenden Wahlen besser aufstellen - ihm selbst werden Ambitionen auf ein hohes EU-Amt in Brüssel nachgesagt. Nun soll es also Laimdota Staujuma machen, bisher Landwirtschafts-ministerin im Kabinett Dombrovskis. Vorerst nur auf bestimmte Zeit - bis zu den turnusgemäß anstehenden Neuwahlen im kommenden Oktober. Für die internationale Presse offenbar dennoch ein gefundenes Fressen, denn die Idee einiger Agenturen, von der Optik bis zur Ausbildung Parallelen zu Angela Merkel zu schaffen, brachte Straujuma einen unverhofft furiosen Start ins Regierungs-geschäft. Allerdings verfängt dieser Vergleich beim näheren Hinsehen kaum - und leider fehlt auch, begleitend zu den mehr oder weniger hübschen Bildchen, die politische Analyse der politischen Situation in Lettland.

Lettlands erste Frau als Regierungschefin - aber lässt sich dazu wirklich nicht mehr sagen als dass sie 6 Enkel hat, zu Sowjwetzeiten mal Physik und Mathematik studiert hat, und zuletzt eher als Spezialistin Landwirtschaft galt?

Der Prozess der Regierungsbildung war interessant, auch wenn die jetzt ernannten Amtsträger nach nur wenigen Amtsmonaten auch als zwischenzeitliche Steigbügelhalter für andere enden könnten.  Zunächst war Verteidigungsminister (und Ex-Außenminister) Artis Pabriks von "Vienotība"als Kandidat für den Chefposten nominiert worden - aber Präsident Bērziņš, der laut lettischem Wahlrecht den Regierungschef vorschlägt und ernennt - hatte etwas dagegen. Pabriks selbst hatte als Grund dafür möglichen Einfluss von Partei-Großsponsoren (den sogenannten "Oligarchen") vermutet - hinter der Liste der Grünen und Bauern (ZZS), die mit ins Regierungsboot geholt werden sollte, steht Aivars Lembergs, und andere unternehmerorientierte Parteien waren bei den vergangenen Wahlen nur knapp gescheitert.  Nun steht Pabriks zusammen mit Ex-Regierungschef Dombrovskis erstmal auf der Kandidatenliste der "Vienotība" zur Europawahl - und für die "Frau vom Lande" blieb der Chefposten.

"Komm, rede, und erreiche
etwas" - die Europawahl wirft schon
ihre Schatten voraus und wird in
Lettland als "Testwahl" vor der
Parlamentswahl im Oktober gelten
Ja, die ZZS. Mit 13 von 100 Parlamentssitzen im Hintergrund wurden ihr vor allem Ambitionen auf das Amt des Umweltministers nachgesagt - weniger aus Sorge um die Umwelt, sondern weil dieses Amt gleichzeitig die Zuständigkeit für die Regionen mit sich bringt - und aus einigen Regionen bezieht die ZZS vor allem ihre anhaltende Stärke.Von den knapp 112.000 Stimmen für die ZZS-Liste bei den vergangenen Parlamentswahlen kamen nur 17.000 aus Riga (5,9% der gültigen Stimmen in Riga) - in Vidzeme stehen die "grünen Bauern" mit 12%, Kurzeme 23% und Zemgale 15,8% viel stärker da. Doch allzuviel Regionalmacht, plus dem Geld des Bürgermeisters von Ventspils, graut es auch der neuen Regierungschefin - und so sitzt nun auf dem Umweltstuhl lieber ein Nationalbürokrat namens Einars Cilinskis, während "Vienotība" auch an dieser Stelle lieber Pabriks opferte und der erfahrene  Umweltfachmann Raimond Vejonis nun auf den Stuhl des Verteidigungsministers rotieren durfte. Ein durchaus kompliziertes Rochadespiel.

"Laimdota, nun geh du voran!"- Regierungschefin
Straujuma, zwei Tage vor ihrer Wahl und
Vereidigung, hier noch zusammen mit den
damaligen Ministerkollegen Pabriks und Kozlovskis
Eine andere Schwierigkeit der Regierungsbildung stellt die "Reformpartei" dar. Als "Zatlers Reformpartei" einmal gestartet (Ex-Präsident Zatlers hatte das Parlament aufgelöst und Neuwahlen veranlasst) und 2011 noch mit 22 Abgeordneten ins Parlament eingezogen, fiel ihre Popularität danach so rapide, dass keiner dieser Abgeordneten mit einem Verbleib im Parlament nach den nächsten Wahlen rechnen kann (nur noch 14 rechnen sich gegenwärtig dieser Fraktion zu). Jedoch wirbt "Vienotība" aktiv um einen Parteiübertritt der fähigesten und beliebtesten Politiker dieser Partei - und so musste auch sie recht üppig mit Ministern in der gegenwärtigen (Übergangs-)Regierung versorgt werden: Außenminister bleibt RP-Mitglied Edgars Rinkēvičs, Innenminister Rihards Kozlovskis, und als Wirtschaftsminister wurde der bisherige Bildungsminister Vjačeslavs Dombrovskis eingeschworen, nachdem Parteikollege und Amtsvorgänger Daniel Pavļuts von der neuen Chefin Straujuma noch für inakzeptabel erklärt wurde (denn warum tritt der Regierungschef wegen der Maxima-Kathastrophe zurück, der zuständige Fachminister aber bleibt?).

Also zurück zur angeblichen Merkel-Mentalität. Frau Dr. Laimdota Straujuma. Zunächst einmal ist die ehemalige Landwirtschaftsministerin, mehrfache Ex-Staatssekretärin unter verschiedenen Ministern, und Absolventin der Abteilung für Physik und Mathematik der Lettischen Universität - ähnliches studierte nicht nur die deutsche Angela, sondern auch die lettischen Ex-Premiers Ivars Godmanis, Einars Repše und auch Valdis Dombrovskis. Straujuma ist nun die erste Frau im höchsten lettischen Regierungsamt (erste weibliche Präsidentin war 1999-2007 Vaira Vīķe-Freiberga). In den 90iger Jahren besuchte sie eifrig Weiterbildungskurse in Finnland, USA, Großbritannien und Belgien und half landwirtschaftliche Beratungszentren nach dänischem Muster in Lettland aufzubauen. Ihren Doktortitel erwarb sie 1992 mit einer Arbeit über die Ressourcennutzung lettischer Unternehmen im Fach Ökonomie.
Obwohl sie 1988 auch schon zu den Mitgründer(innen) der inzwischen aufgelösten "Tautas Partija" (Volkspartei) zählte, konnten die lettischen Medien noch Anfang Januar aktuelle Umfragen zitieren, denen zufolge sich 63% aller Lettinnen und Letten sich keine Meinung zu Frau Straujuma zutrauten (siehe NRA 8.1.14 - 22% werteten sie positiv, 15% negativ).

Laimdota Straujuma am Tag ihrer
Amtseinführung vor der lettischen Presse (Foto: LETA)
Die Pressereaktionen auf Laimdota Straujumas Amteinführung wirken ähnlich wie überall, wenn es um Frauen in Führungsämtern geht: geschrieben wurde viel über ihre (neue) Frisur und die dafür verantwortliche Frisierfachfrau. Egils Līcītis, politischer Kommentator der "Latvijas Avize", äußerte seine Befriedigung, dass diesmal gerade nicht ein eben erst dem Gymnasiastendasein entsprungener Regierungschef ins Amt käme, sondern eine lebenserfahrene Person. Ebenfalls die "Latvijas Avize" machte sich die Mühe, alle Staaten aufzuzählen mit einer Frau als gegenwärtigem Regierungschef: neben Deutschland und Lettland auch Bangladesh, Jamaika, Dänemark, Island, Senegal, Slowenien, Thailand, Trinidad und Tobago, Norwegen. "Charismatische Führungsfähigkeiten" habe Straujuma zwar bisher nicht bewiesen, aber das sei ja bei Vorgänger Dombrovskis genauso der Fall gewesen. Gefragt nach ihrer persönlichen Einstellung und dem vielfachen Vergleich mit der deutschen Kanzlerin antwortete Straujuma vor einigen Tagen in der lettischen Presse so: "Lieber noch sehe ich mich in der Tradition einer Tarja Halonen."

29. Januar 2014

Lettland mit erster weiblichen Regierungschefin

Lettland hat seine erste weibliche Regierungschefin. Laimdota Straujuma. Kaum war die bisherige Landwirtschaftsministerin nominiert, kamen erste Vergleich mit Angela Merkel auf nicht zuletzt wegen der neuen Frisur. Straujuma ist als neue Regierungschefin genauso eine Überraschung wie es der plötzliche Rücktritt ihres Vorgängers Valdis Dombrovskis im Herbst vergangenen Jahres war, und Regierungsbildung nur neun Monate vor der nächsten Parlamentswahl im September ist es ebenfalls. Nach dem Rücktritt von Dombrovskis waren die Parteien im lettischen Parlament, der Saeima, der Ansicht, die Partei des scheidenden Ministerpräsidenten Vienotība (Einigkeit) habe als größte Partei den Auftrag zur Regierungsbildung. Deren Kandidat war eigentlich der auch in der Bevölkerung beliebte Verteidigungsminister Artis Pabriks. Doch die Benennung eines Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten obliegt dem Präsidenten. Andris Bērziņš lehnte Pabriks gleich zwei Mal aufgrund von Kriterien ab, die er nicht öffentlich machte. Ex-Premier Valdis Dombrovskis sprach daraufhin seine bisherige Landwirtschaftsministerin an. Die bis dahin parteilose Mathematikerin Laimdota Straujuma gilt als ausgeglichen und kompromißorientiert. Vermutlich erwartete er sich von ihr eine ähnlich ruhige Regierungsführung, wie er sie selbst über vier Jahre praktiziert hatte. Straujumas Biographie gibt Anlaß für eine solche Vermutung. Obwohl Straujuma Mathematik studiert hat, wurde sie nach der Unabhängigkeit 1991 aktiv in verschiedenen Organisationen in der Landwirtschaft und sorgte für Bewegung in diesem Sektor. Aus dieser Position heraus wurde sie von Mitgliedern der inzwischen nicht mehr existierenden Volkspartei angesprochen, in die Partei einzutreten, in der auch Verteidigungsminister Artis Pabriks war. Politisch aktiv wurde sie jedoch zunächst nicht. Erst später holte sie der spätere Ministerpräsident Aigars Kalvītis als Staatssekretärin ins Landwirtschaftsministerium. Nachdem der frühere Präsident Valdis Zatlers 2011 das Parlament aufgelöst hatte, bildete Valdis Dombrovskis erneut eine Regierung, und überredete Laimdota Straujuma, am Kabinettstisch Platz zu nehmen. Diese Regierung war für Lettland bedeutend, weil sie als erste galt, in der keine der lettischen Oligarchen vertreten waren. Die Bauernunion, deren graue Eminenz der Bürgermeister von Ventspils, Aivars Lembergs, ist, fand sich in der Opposition wieder, auch weil die neue Reformpartei des inzwischen aus dem Amt geschiedenen Valdis Zatler s hier eine rote Linie gezogen hatte. Doch im Laufe der vergangenen zwei Jahre bröckelte die Mehrheit der Regierung an verschiedenen Fronten und mancher Minister übernahm sich mit seinen Reformvorstellungen. Der Minister für Regionalentwicklung von der Reformpartei versuchte mehrfach vergeblich, den verschiedenener Korruptionsfälle verdächtigten Lembergs abzusetzen. Die neue Regierung unter Laimdota Straujuma räumt mit diesen Konflikten auf. Die Reformpartei hat ihre rote Linie aufgegeben und die Bauernunion wird zur Bildung einer möglich breiten Koalition wieder mit an der Macht sein. Beobachter reagierten schockiert, Aivars Lembergs, der im Parlament nicht einmal über ein Mandat verfügt, am Verhandlungstisch bei den Koalitionsgesprächen zu sehen. Straujuma betonte in einem Interview, sie sei als Landwirtschaftsministerin schon von Interessengruppen angesprochen worden, die jedoch schnell begriffen hätten, daß die Verteilmentalität aus Zeiten, als die Bauernunion das Ministerium führte, vorüber sind. Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts zeigt dennoch, wie viele Kompromisse zwischen den Parteien erforderlich waren. Öffentlichkeit und Präsident waren der Ansicht, daß Außenminister Edgars Rinkevičs und Innenminister Rihards Kozlovskis gute Arbeit geleistet haben und im Amt bleiben sollten, obwohl sie beide der inzwischen geschrumpften Reformpartei angehören. Finanzminister Vilks wollte die Einigkeit unbedingt halten. Aber damit die Bauernunion Ministerien erhalten kann, wurde Verteidigungsminister Artis Pabriks geopfert. Er verlor sein Amt ebenso wie Sozialministerin Ilze Viņķele, beide von der Einigkeit. Straujuma hat erklärt und Parteichefin und Parlamentspräsidentin Solvita Āboltiņa erwartet das öffentlich auch von ihr, es werde keine radikalen Wendungen geben, sondern die Arbeit der bisherigen Regierung werde fortgesetzt. Es ist damit offen, ob die Partei Einigkeit, in welche die neue Regierungschefin kurz vor ihrer Nominierung schnell noch eintrat, und auch Straujuma selbst ihre Amtszeit als Übergang betrachten. Wer tritt im Herbst als Spitzenkandidat an? Parteichefin Solvita Āboltiņa würde gerne nach Brüssel gehen und war schon während dieser Regierungsbildung aufgefordert worden, ihren Hut als mögliche Ministerpräsidentin in den Ring zu werfen, was sie jedoch ablehnte. Gleichzeitig ist nach Umfragen mehr als offen, ob die Einigkeit im Herbst noch einmal so stark abschneiden wird, um die Regierungsführung für sich zu beanspruchen. Straujuma lächelt über den Vergleich mit Angela Merkel und bemerkt, daß sie nicht nur im Amt der Regierungschefin die erste Frau sei, sondern auch als Landwirtschaftsministerin die erste weibliche gewesen sei.

24. Januar 2014

Lettischer Bücherwurm

"Tu un tagad!" Wörtlich übersetzt klang es fast wie im Befehlston, wenn Riga zu "Du und jetzt!" aufrief. Gemeint war der Auftakt zum Kulturhauptstadtsjahr 2014.

Der Aufruf galt vor allem den Lettinnen und Letten selbst. Denn der Jahresanfang 2014 war nicht automatisch Garant für gute Stimmungslage. Manche meinten eine Kette unglücklicher Vorzeichen zu sehen: vom Brand wertvoller Teile des Rigaer Schlosses im Sommer, über den Streit ums Personal in der Kulturpolitik, den erzwungenen Rücktritt von Kulturministerin Jaunzeme-Grende (siehe Beitrag). Dann das Unglück um den Supermarkt-Einsturz im Stadtteil Zolitude. Und bringt die Euro-Einführung denn anderes als Preiserhöhungen? Müssen nicht sowieso schon genug Lettinnen und Letten ins Ausland fahren, um dort Jobs zu finden die für den Lebensunterhalt ausreichend sind? Genug Gründe, warum Optimismus Anfang 2014 kein Automatismus war.

Bestimmte die Bilder des Eröffnungswochenendes:
die "Kette der Bücherfreunde" zwischen dem
alten und dem neuen Gebäude der lettischen
Nationalbibliothek

Vielleicht war es gerade diese Spannung, die in der Luft lag, die das Mitmach-Event der Bücherkette ("Grāmatu draugu ķēde") so herausragend machte - da geriet selbst die Euro-Einführung in den Hintergrund. "Offiziell" hatten 14.000 Menschen ihre Teilnahme zugesagt: per Email, Anruf oder persönlichem Erscheinen in einem der Organisationsbüros. "Von Mensch zu Mensch" wurden einige Tausend Bücher weitergereicht, sicher eingepackt in Plastik, von der alten in die neue Bibliotheks-Hauptstelle.
Eigentlich sollten "Standzeiten" von etwa 30 Minuten pro Person zugeteilt werden, aber soweit kam es gar nicht. Das lag einerseits daran, dass die Organisatoren nicht etwa Namenslisten und Einsatzzeiten der freiwilligen Helfer bereithielten, sondern erst bei Eintreffen der Interessierten anfingen, Bedarf und Ansturm unter einen Hut zu bringen.
Bei minus 12 Grad auf offener Straße
über Bücher diskutieren - für Lettinnen
und Letten aller Altersstufen offenbar
eine willkommene Aktivität
Andererseits wurde schnell nachdem die ersten Bücher aus dem alten Bibliotheksgebäude heraus den wartenden "Kettenmitgliedern" übergeben worden waren klar, dass es weitaus länger dauern würde, bis so ein Buch die (irgendwann einmal ermittelte Strecke von angeblich genau 2014 Metern) bis auf die andere Seite der Daugava schaffen würde. "Ach, mein altes Schulbuch!" "Oh, ein Buch über Riga!" "Sieh mal, das habe ich in meiner Kindheit gelesen!" - das Volk hatte Diskussionsbedarf. Oder wollte man sich nur davon überzeugen, dass wirklich und tatsächlich Bücher ins neu gebaute, 68m hohe 13stöckige "Schloß des Lichts" (Gaismas pils) gelangen würden - und nicht etwa nur noch Virtuelles künftig dem Lesefreund bereitgehalten wird?

Kette der Bücherfreunde - zweite Etage ...
Es zeigte sich, dass nicht nur ganze Familien (von Opa und Opa bis zu den Kleinsten) teilnahmen, sondern auch Gruppen von Studierenden (im Werbe-TShirt ihres Studienzweigs), Polizei und Militär, Betriebsgruppen, Freundeskreise, und vereinzelt auch sich um Volksnähe bemühende Politiker. Mindestens den Buchtitel schien nun jeder beim Weiterreichen lesen zu wollen - ein Buch ist eben doch kein beliebiger Gegenstand! Schließlich war kostenloser heißer Tee von Sponsoren bereit gestellt worden, und über die überall aufgestellten Lautsprechern erklangen bekannte Melodien, nach denen es sich beim Warten aufs nächste Buch oder auf die persönliche Einsatzzeit wunderbar bewegen und auf den Straßen tanzen ließ.

Und schließlich das Erstaunen derjenigen, die ins neue Gebäude selbst (in überschaubaren Besuchergruppen eingeteilt) vorgelassen wurden. Freude, ein wenig Erfurcht, und auch Ergriffenheit war in den Gesichtern abzulesen - ein pathetischer Moment, wie es sich die Betreiber eines solchen Kulturtempels nur wünschen konnten.

Ja, allein die Baukosten stiegen von 200 auf mehr als 300 Millionen Euro - sehr viel, verglichen mit den vielen Notwendigkeiten eines lettischen Sparhaushalts, der den meisten Arbeiter und Angestellten während der Wirtschaftskrise kurzfristig beträchtliche Lohnkürzungen zumutete. 6 Millionen Euro beträgt allein die Anschaffungssumme für die Möblierung der Biliothek. Die Eröffnungsaktion der "Bücherkette" jedoch wird allen die dabei waren uneingeschränkt positiv in Erinnerung bleiben.

Ungewöhnliches deutsches Medieninteresse
an Lettland: "What makes Riga so special?"
Wie in der lettischen Öffentlichkeit, so geriet die Bücherfreundekette auch in den deutschen Medien zum Hauptthema. Ja, es gab auch noch eine Wagner-Oper, das Thema 1914 (100 Jahre Ausbruch 1.Weltkrieg) und eine Bernsteinausstellung am Eröffnungswochenende - aber neben einem Festival von Feuerskulpturen (der wärmenden Feuer wegen?) und einer musikalisch untermalte Aktion in den Rigaer Markthallen wurde vor allem die Bücheraktion für die verschiedenen deutschen Fernsehkameras für sendetauglich erklärt. Die Devise der angereisten deutschen medialen Berichterstatter war diesmal offenbar: lassen wir uns an die Hand nehmen! So reüssierte der MDR mit der Schriftstellerin Dace Rukšane (die auch an ARD und Tagessspiegel weitergereicht wurde, und spontan gleich zu "Lettlands bekannteste Schriftstellerin" erklärt wurde - auch diese Redakteure sollten vielleicht mal mehr als ein Buch lesen!), der NDR mit Sängerin Māra Upmane-Holšteine, und "hej-då-Udo Biss" vom NDR Ostseemagazin mit der Tourismusexpertin Aija van-der-Steina. Ach ja, und Kabel 1 mit Anete Jurcika. Na, hoffentlich wird damit auch die Nachhaltigkeit der deutschen Berichterstattung zu Lettland verbessert - der im Vergleich zu sonst gewöhnlich berichteten Oberflächlichkeiten nötige Rechercheaufwand war erkennbar. Weiter so!

4. Januar 2014

Supermarkt in Riga stürtzt ein - politische Folgen

Nach dem Einbruch des Daches eines Supermarktes im Rigar Vorort Zolitūde mit 54 Toten übernahm Ministerpräsident Valdis Dombrosvkis wenige Tage später die politische Verantwortung und trat für viele überraschend zurück. Dombrovskis hatte erst kürzlich das Datum erreich, zu dem er der am längsten amtierende Ministerpräsident seines Landes war, selbst wenn man die beiden Amtszeit von Ivars Godmanis nach 1990 und als direkter Vorgänger Dombrovskis’ zusammen nimmt. Dombrovskis kam als Abgeordneter des EU-Parlaments im Frühjahr 2009 ins Amt als der damalige Präsident Valdis Zatlers seine Rechte bis auf das letzte ausreizend erklärt hatte, er erwarte jetzt eine Regierung mit neuen Gesichtern. Der 1971 geborene Domborvskis ließ sich von seiner Partei – damals noch die neue Zeit – den Posten andienen, obwohl bei höherer Verantwortung und Medienpräsenz die Bezahlung geringer ist. Einem deutschen Journalisten gegenüber rechtfertigte er seinen Schritt mit dem Argument, daß es ja jemand machen müßte. Dombrovskis überlebt im Amt zwei Parlamentswahlen und stellt damit sämtliche Rekorde seiner Vorgänger ohne Zweifel in den Schatten. Sein e ruhige, eher technokratische Art wurde sicher von vielen Kollegen im politischen Raum weniger gemocht, doch in der Bevölkerung konnte er seine Reputation trotz aller harten Sparmaßnahmen, die Lettland zum 1. Januar dieses Jahres in den Euroraum führen, erhalten. Dombrovskis stehe trotzdem nicht zur Verfügung für eine neue Regierung, erklärte der Zurückgetretene. Dahinter stehen zahlreiche Spekulationen. Dombrovskis ist selbst von der FAZ in Deutschland als potentieller Nachfolger von José Manuel Barroso gehandelt worden, der nach den Europawahlen im Frühjahr nicht mehr weiter machen kann. Dombrovskis käme aus einem kleinen Land – große würden die kleinen eher nicht akzeptieren – und wäre mit der Einführung des Euro im eigenen Land sicher der Held der europäischen Positivisten. Gleichzeitig kehrt auch EU-Kommissar Andris Piebalgs nach Lettland zurück, womit eine ausschließlich von Lettland zu besetzende Position frei wird. Komplizierter sieht es beinahe daheim aus. Wer soll Dombrovskis nachfolgen. Und hier beginnen die Spekulationen über den wahrhaftigen Grund des Rücktrittes. Es kann kein Zweifel bestehen, daß mit der Bewältigung der Krise – Lettland hat derzeit das höchste Wirtschaftswachstum in der EU – und der Einführung des Euro Dombrovskis zwei wesentliche Aufgaben erledigt hat. Gleichzeitig begann ihm die Regierungskoalition zu zerfallen. Nachdem der von der Nationalen Allianz gestellte, inzwischen aber nach einem Parteiausschluß parteilose Justizminister Jānis Bordāns nach Ansicht der Nationalisten von Dombrovskis hätte entlassen werden müssen und der Regierungschef diesem Verlangen nicht entsprochen hatte, hatte diese Partei ihrerseits erklärt, der Koalitionsvertrag gelte nun für sich nicht mehr. Dombrovskis fand sich also nach allen Rekorden im Amt in den Niederungen der lettischen Parteipolitik wieder, die nicht wenige Regierungen der letzten 20 Jahre zu Fall gebracht haben. Der größere Koalitionspartner, die Reformpartei des ehemaligen Präsidenten Valdis Zatlers hatte sich nicht nur unmittelbar nach der Wahl von 2011 gespalten, sondern befindet sich weiter auf Spaltungskurs. Auch die größte Regierungspartei, die Einigkeit (Vienotība) selbst ist nicht in guter Verfassung. Während also offiziell verlautbart wurde, jemand müsse ja die politische Verantwortung für das Unglück im Supermarkt übernehmen, scheinen diese Überlegungen einen nachvollziehbareren Hintergrund darzustellen. Es kann trotzdem kein Zweifel bestehen, daß neben einigen Köpfen in verschiedenen Ämtern, die gerollt sind, auf politischer Ebene auch in der ja nun direkter verantwortlichen Rigaer Stadtverwaltung von niemandem ein solcher Schritt in Erwägung gezogen worden ist. Weder von Bürgermeister Nil Uschakow, noch von seinem Stellvertreter Andris Ameriks, der sich bei verschiedenen Eröffnungen auch gern photographieren ließ. Die spannende Frage ist nun, wer Dombrovskis nachfolgen könnte angesichts der prekären Mehrheitsverhältnisse und der Tatsache, daß die nächsten Wahlen bereits im Herbst vor der Tür stehen. Die meisten politischen Kräfte sind der Meinung, daß nach wie vor die siechende Einigkeit die Aufgabe der Regierungsbildung zu übernehmen habe. Laut Verfassung jedoch muß der Präsident einen Kandidaten offiziell ernennen, auch wenn diese zunächst von den Parteien vorgeschlagen werden. Die Einigkeit einigte sich auf drei Personen. Unter ihnen als ernsthaftester Anwärter Verteidigungsminister Artis Pabriks, der früher auch schon Außenminister gewesen ist. Außerdem der Europaabgeordnete Krišjānis Kariņš. Der aus den Reihen der Bauern und Grünen stammende Präsident Andris Bērziņš lehnte diese Kandidatur gleich zwei mal ab mit dem Hinweis, Pabriks habe als Verteidigungsminister keine gute Arbeit geleistet und ein Mann mit wirtschaftlichen Qualifikationen sei derzeit gefragt. Die Handlungsweise des Präsidenten führte schließlich dazu, daß auch in der Presse darüber gestritten wurde, ob sich Bērziņš überhaupt irgendwelcher realer Forderungen an den neuen Regierungschef bewußt sei. Seine eigene Idee, Parlamentspräsidentin Solvita Āboltiņa ins Spiel zu bringen, wurde schnell fallen gelassen. Spekuliert wurde auch darüber, ob der Präsident bei seinem wöchentlichen Treffen mit Dombrovskis diesen nicht zu einem Rücktritt genötigt habe. Als Indiz wurde in der Presse der unerwartete Auftritt Dombrovskis gewertet, nachdem er noch am Morgen in einem Fernsehinterview nichts dergleichen angerissen hatte, wie auch seine Emotionalität während der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Das sind jedoch Spekulationen. Eine instabile Regierung und weitere schwere Aufgaben im Zusammenhang mit Liepājas Metalurgs, der kurz vor der Pleite steht als auch die anhaltenden Konflikte um die Luftfahrtgesellschaft airBaltic dürften eine Rolle gespielt haben. Probleme, die mit einer in der Schwebe liegenden politischen Zusammenarbeit nur bedingt zu bewältigen sind.

3. Januar 2014

Die kleinen Grau-Braunen

Während Deutsche nach Sylvester sich vielleicht vom fetten Gänsebraten oder sonstigem üppigen Essen erholen müssen, sind vielerorts in Lettland zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel eher die "grauen Erbsen" im Gespräch.
Für den Einkauf der grau-braunen Köstlichkeit, die gern zusammen mit fettem Speck zubereitet wird, gibt es sogar Ratschläge von fachlicher Seite. Die populärste Sorte sei gegenwärtig "Retrija", meint das landwirtschaftliche lnstitut im nordlettischen Priekuli. Braun marmoriert, mit rauer Oberfläche und einem Gewicht von etwa 360 Gramm auf 1000 Stück, das sind die Sortenkennzeichen. Vor einigen Jahren waren vom selben Institut sogar Pressemitteilungen zu lesen, dass vor Weihnachten keine grauen Erbsen mehr für Kurzentschlossene angeboten werden konnten. "Ausverkauft - unsere neue Defizitware" - hieß es da in Anspielung auf gruselige Sowjetzeiten. Agronomin Aija Bērziņa musste damals, im Jahr 2007, den geringen Ernteertrag mit einem ungewöhnlich trockenen und heißen Sommer in Lettland erklären. "Wenn auf jeder Pflanze nur zwei, drei Erbsen zu finden sind, und wir von 10 Hektar nur 3 Tonnen Erbsen ernten, dann ist das einfach zu wenig, denn zwei Drittel der Ernte müssen wir als Samen wieder vorhalten," so die Einschätzung der Fachfrau damals.

Klimaerwärmung erkennbar an lettischen Nationalspeisen? Vielleicht. Damals waren noch hauptsächlich Sorten wie "Vitra", "Bruno" und "Selga" in Gebrauch. "Retrija" dagegen, mit besonders großen Erbsen, wurde speziell für die traditionellen Weihnachtsgerichte gezüchtet.
Zusammen mit den "grauen Erbsen" ganz 
oben auf der Liste der "lettischen Spezialitäten" - 
auch wenn sie hauptsächlich in Kurland 
angeboten werden: handtellergroße "Sklandrauši"
Das lettische Landwirtschaftsministerium bemüht sich derweil, die grauen Erbsen als besondere regionale Spezialität europaweit anerkennen und damit schützen zu lassen (zusammen mit dem dunklen lettischen Roggenbrot und den "Sklandrauši", die sogar Ansprüche von lettischen Veganern standhalten). 

Lettische graue Erbsen, so argumentieren die lettischen Liebhaber, enthalten neben den für die Verdauung wertvollen Ballaststoffen auch Antioxidantien und viele Vitamine. Aber im deutschen Sprachraum scheint sich ihre Beliebtheit in Lettland noch nicht ganz herumgesprochen zu haben; während viele lettische Zeitschriften regelmäßig Geschichten rund um die Verwendung der grauen Erbsen schon bei den "alten Letten" kümmern (nicht umsonst habe man früher von einem typischen strapazierfähigen "Bauernmagen" gesprochen), sind in Deutschland - wenn überhaupt - ganz andere Geschichten zu lesen. 
Rund um Elmshorn (bei Hamburg) seien zum Beispiel die "grauen Erbsen" ein traditionelles "Faschingsdienstags-Gericht". Geht man der Entstehung der dazugehörigen Legende nach, so stammte diese angeblich aus Zeiten der Belagerung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg. Zufällig habe man damals ein paar Säcke mit Grauen Erbsen gefunden, und so seien die Stadtbewohner vor einer Hungersnot gerettet worden.  - Puuhh - da mögen ja die Letten aufatmen: selbst wenn diese Geschichte wahr wäre, erstens sind die lettischen Gebräuche viel älter und heute noch allgegenwärtiger, zweitens hätte ja vielleicht sogar eine lettische Lieferung dieser Spezialität die Elmshorner damals gerettet haben können ... wer weiß. 

Anders liegt die Sachlage im Falle der Friesen. Hier stammen die Traditionen ebenfalls aus sehr alter Zeit, und da aus der Zeit vor dem 13.Jahrhundert (als Städte wie Riga gegründet wurden und sich dann die Hanse entwickelte) auch Geschichten sowohl von friesischen wie auch kurischen Seeräubern bekannt sind, die beide Graue Erbsen mit sich geführt haben sollen, könnte auch dieser kulinarische Kulturaustausch damals zustande gekommen sein. Aber auch hier gibt es offenbar informellen Nachholbedarf: so ist im Portal "Ostfriesland-driekt" die Vermutung nachzulesen, graue Erbsen seien "angeblich nur in Ostfriesland erhältlich". Nun ja, es ist beim dort wiedergegebenen Rezept leider nicht ergründlich, welche Sorte verwendet wurde oder empfohlen wird, aber sollten die heutigen Friesen mal Urlaub in Lettland machen, so wären sie diesem Portal zufolge dann schon beim bloßen Vorhandensein der grau-braunen Köstlichkeiten glücklich zu machen, während der Lette noch stolz die Unterschiede verschiedener Sorten dekliniert. Auf "Ostfriesland-Treff-de" sind tatsächlich Rezepte zu finden wo graue Erbsen, Speck und Zwiebeln zusammenkommen, aber auch noch Porree und Möhren dazu. Vielleicht ein möglicher fruchtbarer (und schmachhafter) Zweig zukünftigen Kulturaustausches?

Einige Erfahrungen mit deutschen Gästen scheinen wohlmeinende lettische Gastgeber jedoch bereits gemacht zu haben. "Als ich Gäste aus Deutschland hatte," erzählt die ebenfalls in Priekuli befragte Fachfrau Aina Kokare der lettischen Zeitschrift "IR", "da haben sie über mich gelacht, als ich graue Erbsen anbot. Das würden sie nur als Tierfutter kennen, meinten sie." Kokare schließt daraus: So hoch wie in Lettland würden die grauen Erbsen wohl nirgendwo geehrt. Wo sich graue Erbsen finden, da seien bestimmt auch Letten in der Nähe!