29. September 2006

Achtungserfolg für VVF

Wer erinnert sich noch an die mehr oder weniger geniale diplomatische Strategie der lettischen Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga anläßlich der Moskauer Siegesfeiern zum 60.Jahrestags des Kriegsendes? Anstatt in der "Schmollecke" der kleinen, wenig einflußreichen Länder dieser Erde zu bleiben, schaffte sie es, mit ihrer Teilnahme an den Moskauer Prunkparaden wochenlang im Fokus der Weltpresse zu bleiben, und damit kontinuierlich auf die eigenen Erfahrungen der baltischen Staaten aus dem 2.Weltkrieg hinweisen zu können. -
Ein neues Kapitel ist nun die Kandidatur Vīķe-Freibergas für das Amt des UN-Generalsekretärs (deutsche Fassung der Rede zur Kanditatur hier). Am 28.September fand die (dritte) Probeabstimmung unter den 15 Mitgliedern des Weltsicherheitsrats statt. Hinter dem bisher aussichtsreichsten Kandidaten, dem südkoreanischen Außenminister Ban Ki Moon und dem indischen Schriftsteller Shashi Tharoor landete "VVF" mit 7 Pro-Stimmen auf Platz 3.

Einen Asiaten - oder eine Frau?
Damit hat Vīķe-Freiberga wohl schon das maximal Erreichbare möglich gemacht: mit Ihrer Kampagne "Wählen Sie doch mal eine Frau in Ihren Männerklub", verbunden mit ihren Argumenten für mehr Transparenz in der UN, hat sie offensichtlich diejenigen Befürworter gefunden, die nicht anderen Ränkespielen verpfichtet sind. Ihre Chancen wirklich durchzukommen in allen Wahlgängen werden von den meisten eher gering eingeschätzt (so z.B. Tagesschau). Aber das eine Lettin so weit kommen kann, eigenen Themen so weitreichend Gehör verschaffen kann, und deren persönliches Ansehen ebenso in weiten Teilen der Welt so unumstritten zu sein scheint - das ist doch schon mal ein zufriedenes Zwischenfazit wert!

Vaira Vīķe-Freiberga äusserte sich, lettischen Medien zufolge, zufrieden mit dem bisher Erreichten. Sie dankte allen Unterstützer/innen ihrer Kandidatur - besonders den beiden Nachbarn Estland und Litauen - und meinte, die Argumente für ihre Wahl seien wohl doch für einige stark und überzeugend genug gewesen.

Stressige Bewerbung
Sorgen machen muss man sich vielleicht nur um den Stress, den so eine Kampagne jetzt schon mit sich bringt. Bei allen aktuellen Pressefotos (siehe Beispiele links) macht die lettische Präsidentin momentan scheinbar nicht mehr den sonst so souveränen und ausgeruhten Eindruck. Vielleicht ist ihr ja schon jetzt bewusst, dass gerade diese Phase der "Vorentscheidungen" von ihr die meiste Energie fordern würde. Am kommenden Montag wird dann in der nächsten Runde zum ersten Mal mit farbigen Stimmkarten abgestimmt - die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats werden mit Sonderrechten ausgestattet. Wer dann eine der farblich gekennzeichnten Stimmkarten von den USA, Russland, China, Großbritannien oder Frankreich gegen sich hat - scheidet aus dem Rennen aus.

Interessant sind auch die vielfältigen bisherigen Stellungnahmen, die durch die lettische Kandidatur hervorgerufen werden. Die britische BBC bescheinigte der prominenten Lettin immerhin einen "kometenhaften Aufstieg" in der internationalen Politik. Einige Medien (NTV, Businessnews), schließen immerhin auch ein Veto Chinas gegen den Südkoreaner Ban nicht aus.

Erwartete und unerwarte Reaktionen
Interessant auch die Argumente, wie "sicher" angeblich ein Veto Russlands gegen die lettische Kandidatur ist. Deutsche Medien wie die TAZ weisen zurecht darauf hin, dass
Vīķe-Freiberga absolut nicht zu den nationalistischen "Hardlinern" ihres Landes gezählt werden darf und sich schon mehrmals für die Berücksichtigung internationaler Menschenrechtsstandards in ihrem eigenen Lande eingesetzt hat - auch wenn es ihr vorübergehend zurückgehende Popularität unter ihren "Landeskindern" einbrachte.
Anders die Reaktion der russischen NOWOSTI - wie gewohnt, denn hier werden die äusserst negativen Erfahrungen der Balten mit der erneuten Besetzung ihrer Länder durch die Rote Sowjetarmee 1945 notorisch als "merkwürdige Geschichtsauffassung" hingestellt. Umso süffisanter titelt nun das russische Zentralorgan: "Lettland erwartet russische Unterstützung". Da meint man doch, die Alt-Stalinisten und Sowjetromantiker in- und außerhalb des Kreml schon laut lachen zu hören ...

Die lettischen Medien vermeldeten schon im Februar 2006 Äusserungen von russischer Regierungsseite, Russland werde niemals eine Kandidatur
Vīķe-Freibergas bei der UN unterstützen. Aber zwischen "nicht unterstützen" und "nicht verhindern" könnten ja noch ein weites "diplomatisches" Feld liegen ....
Voraussichtlich wird nur die Farbe der Stimmkarte am Montag verraten, ob sich jemand gegen die Kandidatur aus Lettland ausspricht. Mehr wohl vorerst nicht - und alles andere als dieses Ergebnis wäre dann doch eine große Überraschung.

Weitere aktuelle Presseberichte
Reuters 28.9.06
Reuters 27.9.06
BBC
lettische Tageszeitung DIENA
lettische Nachrichtenagentur LETA (lett.)
lettische Nachrichtenagentur LETA (engl. Fassung)
N-TV 29.9.06
russische Nachrichtenagentur NOWOSTI
LETA zu Meldungen von NOWOSTI
Russland-Online (NOWOSTI 1:1 unkommentiert zitierend)
BusinessNews 29.9.06
DIE WELT (DPA zitierend)
TAGESSCHAU 28.9.06
Financial Times Deutschland
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 27.9.06
Frankfurter Rundschau online
Hamburger Abendblatt 18.9.06
TAZ 18.9.06
Pressemeldung der Vereinten Nationen (UN)
Rheinland-Pfalz-Online 16.9.06
DER STANDARD 15.9.06
Tagesanzeiger (Schweiz) online
Erklärung von
Vaira Vīķe-Freiberga zu ihrer Kandidatur (deutsche Textfassung)
Der KURIER (Österreich) zitiert Kofi Annan, der sich für eine Frau als UN-Generalsekretärin ausspricht

27. September 2006

Kampagne: wählen Sie eine Frau als Kofi's Nachfolgerin

Vaira Vīķe-Freiberga, gegenwärtig noch lettische Präsidentin (ohne Möglichkeit der Wiederwahl), bewirbt sich nun offiziell als Kandidatin für das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen (engl. UN oder UNO abgekürzt). Über die realistischen Chancen, dass sich die Mächtigen der Welt auf diese Kandidatin einigen können, wird viel spekuliert. Angeblich richtet "Mann" sich normalerweise nach dem Prinzip einer schlichten "Rotation" unter den Erdteilen - worunter wohl nicht die Erdrotation gemeint ist - sondern die abwechselnde Besetzung des Amtes durch Männer aus den verschiedenen Erdteilen."Choose a woman for UN" heißt die jetzt losgetretene Kampagne, mit deren Hilfe offensichtlich Stimmung gemacht werden soll im Vorfeld der anstehenden Besetzung dieses weltweit repräsentativen Postens. In Englisch, Spanisch und Französisch wird dafür geworben, durch unterschreiben einer Petition sich für eine Frau an der Spitze der UN auszusprechen - etwa 10.000 Einzelpersonen haben das bis zum heutigen Zeitpunkt bereits getan.
Der Urheber / oder die Urheberin der Kampagne ist dabei (leider) auf der entsprechenden Internetseite nicht klar erkennbar. Die lettische Präsidentin selbst wird es kaum sein - eine französische Firma zeichnet verantwortlich für das Design. Also französische "VVF"-Fangruppen?

17. September 2006

Ein lettischer Abend

Lassen Sie sich nicht verwirren, liebe Leserinnen und Leser. Ob nun doch Laima die Mörderin war, Vaira Vike-Freiberga schon keine Präsidentin mehr (dafür aber Sandra?), oder ob Sie heute abend doch eher die Wahlergebnisse in Berlin oder Meck-Pomm interessiert haben - es war wirklich schwer der Durchblick zu behalten.

Von der "ehemaligen lettischen Präsidentin Vaira Vike-Freiberga" schrieb der MDR auf seiner Webseite schon mit Uhrzeit des Samstags um 8:37 Uhr. Ob da jemand sich über seine Wochenendschicht geärgert hat? Klar, die konservative lettische "Jaunais Laiks" (Neue Zeit) hatte schon vor über einer Woche die ebenfalls international nicht unbekannte Sandra Kalniete ("mit Ballschuhen im sibirischen Schnee") zur Präsidentschaftskandidatin gekürt (Delfi, Tvnet, Lettisches Fernsehen LNT, Jaunais Laiks). Aber, lieber MDR, in Lettland finden die Präsidentschaftswahlen erst 2007 statt. In erster Linie muss nämlich die (tatsächlich!) ehemalige Aussenministerin ihrer Partei erstmal zu einem guten Ergebnis bei den lettischen Parlamentswahlen am 7.Oktober 2006 verhelfen. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Vike-Freiberga wird nämlich nicht direkt vom Volk gewählt - die zukünftigen Parlamentarier werden einen wesentlichen Einfluss auch auf die Präsidentschaftswahlen haben.

Vielleicht hat den MDR auch irritiert, dass alle drei baltischen Staaten sich für Vike-Freiberga als Nachfolgerin von Kofi Annan auf dem Stuhl des UN-Generalsekretärs ausgesprochen hatten. Nein, nein, meint der MDR, hier muss doch die "Rotation" eingehalten werden - nur ein Mensch aus Asien kann auf den Posten kommen - doch wer traut bei so schlampigen Aussagen schon noch dem MDR?

Ja, und dann war da noch Laima. "Was bedeutet der Name?" fragt ganz wessi-männerhaft der Kommissar, trinkt schwarzen Balsam, bekommt einen lettischen Kuß und kann sich bis zwei Minuten vor Schluß des Films an kaum etwas mehr erinnern. Die ARD-Abendunterhaltung (Polizeiruf 110 - die Lettin und ihr Lover) mit Kommissar Keller (Jan-Gregor Kremp) hatte sich ganz lettisch eingestimmt, und endet am Schluß am schönen Strand von Jurmala.
Etwas Spielraum ließ der Film auch Lettisch-Kundigen - denn nicht alles wurde wörtlich übersetzt. "Scheiße, ein Drogensüchtiger, das hat mir gerade noch gefehlt", flucht die schöne Lettin angesichts des verrückten Arztes, der sich selbst Morphium spritzt.
Ob es spannend genug für die deutschen Zuschauer war, müssen andere beurteilen - für Freunde Lettlands stimmte in diesem Film ungewöhnlich viel: die Lettin (Rezija Kalnina - Lettlands Schauspielerin des Jahres 2004) war eine echte Lettin, sie sprach so Deutsch, wie Lettinnen eben Deutsch sprechen, und schon gleich in den ersten Minuten sprechen zwei Mädchen so natürlich Lettisch, wie es eben nur gesprochen werden kann. Ob das an der (Kennern gar nicht mal unbekannten) Aufnahmeleiterin Laima Freimane lag? Mal weniger schlechte Schablonen als gewöhnlich - Glückwunsch, ARD!

15. September 2006

Neues Schuljahr - alte Sorgen

Am 1.September beginnt in Letttland traditionell das neue Schuljahr. Doch es gibt neue Sorgen: Lehrermangel! Sind es die besseren Arbeitsangebote im Ausland? Die Tausende lettischer "Hilfsarbeiter", die sich zum Beispiel in Irland aufhalten, sind seit 2004 schon fast zur Gewohnheit geworden. Sicher sind es auch die unterdurchschnittlich schlechten Löhne, die wenige zum Lehrerberuf streben lässt. Einer Pressemeldung der Agentur LETA zufolge können für das neue Schuljahr 253 Stellen für Lehrerinnen und Lehrer in Lettland bisher nicht besetzt werden.

44,27% aller unbesetzten Lehrerstellen (112) gibt es inzwischen in Riga - dieser Trend ist neu. Im vergangenen Jahr fehlten die meisten Lehrer/innen auf dem Lande: 77,82% der offenen Stellen waren über alle Landesteile vertreut, und nur 22,18% waren in Riga zu finden.

Der größte Mangel herrscht in den Fächern Hauswirtschaft, Mathematik, Physik, Datenverarbeitung, und auch bei den Musikschullehrern. Insgesamt haben 1336 Lehrerinnen und Lehrer die Arbeit aufgenommen, davon 189 (14,15%) Junglehrer. 242 bisherige Pädagogen gingen in Rente, aber allein 366 Lehrer mit höherer pädagogischer Ausbildung gaben einen Übergang in eine andere, mit Pädagogik nicht in Zusammenhang stehende Tätigkeit an.

In Lettland haben im September 2006 278.455 Erstklässler das neue Schuljahr begonnen, 79.438 davon in Riga. Ingessamt verminderte sich die Gesamtschülerzahl aller Klassen von der ersten bis zur 12.Klasse um etwa 20.000. An Grundschulen Lettlands begannen 210.465 Schüler das neue Schuljahr, an den lettischen Mittelschulen gibt es noch 67.990 Schüler/innen, ein leichter Rückgang.

4. September 2006

Lettland wirbt in Hamburg

Eine kurze Pause vom Parlamentswahlkampf machte Lettlands Ministerpräsident Kalvitis am Freitag, den 1.September 2006 in Hamburg. Zu Gast im Hause der Handelskammer Hamburg eröffnete er eine von lettischen und deutschen Banken gemeinsam mit der Stadt Riga initiierte Informationsveranstaltung zu Investitionsmöglichkeiten in Lettland. Bei den Gastgebern der Handelskammer Hamburg, einer Reihe deutsche Unternehmer aus dem Raum Hamburg, und den Mitarbeiter/innen des Hamburger Büros der lettischen Investitionsagentur LIAA fand er interessierte Zuhörer.

Wer schon einmal Gelegenheit hat, lettische Perspektiven und Wünsche aus erster Hand mitzubekommen, der lauscht vielleicht auf Zwischentöne. Denn die guten wirtschaftlichen Daten, die Lettland inzwischen zumindest beim Wirtschaftswachstum aufweisen kann (gegenwärtig das höchste aller EU-Mitgliedsstaaten - 10,2% im Jahr 2005), werden sich unter Fachkundigen inzwischen sowieso herumgesprochen haben. Die "Kehrseite" dieser Medaille macht momentan vor allem den Absichten Lettlands, den Euro einzuführen, Schwierigkeiten: "die Inflation ist gegenwärtig zu hoch, und lässt erwarten, dass der Euro nicht vor 2010 eingeführt werden wird" - so prognostiziert es zum Beispiel Martin Böhm von der HVB Bank Latvia.

Mentalitätsunterschiede?
Ein wenig schimmerten bei den verschiedenen Redebeiträgen von deutscher und lettischer Seite aber doch Mentalitätsunterschiede durch. Als "Plug & Play" (reinstecken, loslegen) wünschen sich Andris Ozols, Chef der LIAA Riga , und Ilgvars Francis, stellvertr, Leiter der Wirtschaftsverwaltung der Stadt Riga, die Herangehensweise von Investoren aus Deutschland. Martin Böhm (HVB Bank Latvia) zitierte dagegen genauso wie Roberts Stafeckis (AHK Riga) die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten Untersuchung der deutsch-baltischen Handelskammer in Riga, nach der die deutschen Geschäftsleute immer noch den hohen Einfluß lettischer Bürokratie im alltäglichen Geschäftsumgang beklagen. In den Reden der deutschen Wirtschaftsvertreter wurde ausserdem deutlich, wie sehr die deutsche Sichtweise immer noch die Brückenfunktion Lettlands zu Russlands als Geschäftsgrundlage voraussetzt. Dieser automatischen Betonung russischer Faktoren im Putin-freundlichen Deutschland versuchen lettische Amtsträger inzwischen mit ausgefeilter Rethorik zu begegnen. Ministerpräsident Kalvitis pointierte "our linguistic advantages", Rigas stellvertretender Bürgermeister Almers Ludviks, im Stadtrat Vertreter einer Partei, die rechtskonservative Werte besonders betont, konnte die Formulierungen ausgefeilter Powerpoint-Technik für sich sprechen lassen: "We are a multilingual city. Russian, English and German are widely spoken..."

Großstadt erleben, Natur erhalten?

Auch im Vortrag von Žaneta Jaunzeme, an mehreren Firmen beteiligte lettische Touristikerin, lenkte die Aufmerksamkeit der potentiellen Geschäftspartner nur kurz auf die durchschnittliche dünne Besiedlung Lettlands, auf die Ruhe und Beschaulichkeit, die vielfach in den lettischen Naturlandschaften anzutreffen sind. "Dort können Sie mehr Energie tanken, als Ihnen das Öl je geben kann!" So der von ihr geprägte Ausruf. Ob sie dabei an das litauische Mažeikiai gedacht hat, wo gerade die russischen Lieferanten die Ölpipeline "wegen dringender Reparaturen" völlig geschlossen haben (nachdem als Partner für Investitinoen in die dortige Raffinerie nicht ein russisches, sondern ein polnisches Unternehmen ausgewählt wurde)?

Ebenfalls nicht die Rede war vom Bestreben vieler in Riga erfolgreicher Jungunternehmer,
sich mit allen (legalen und illegalen) Mitteln Grundstücke direkt an Lettlands (eigentlich vor Verbauung gesetzlich geschützter) Ostseeküste zu beschaffen. Lettischerseits rechnet man wohl sowieso mit einem Naturverständnis, wie es eben vielbeschäftigte und gut verdienende Leute in Deutschlands Großstädten haben: auch das, was zwischen Autobahnen und industrieller Nutzung noch übrig bleibt, ist gewöhnlicherweise geordnet, sortiert, gezählt und garantiert umweltfreundlich.

Neue Trends - europäischer Einfluss
In Lettlands Medien macht diesertage der Beschluss der polnischen Regierung die Runde, den Zuzug von Hilfskräften aus Weißrussland und der Ukraine nicht mehr durch Visavorschriften einzuschränken. Steht Ähnliches auch in Lettland bevor?
Zwar steht jungen lettischen Universitätsabsolventen - auch durch Kooperationsabkommen mit deutschen Hochschulen und Industrieunternehmen - heute die Welt offen. Aber allzu oft richten sie sich dann trotz durchaus vorhandener Heimatverbundenheit "nach dem Markt" - also danach, wo ihnen gut dotierte Stellen angeboten werden. Die lettische Zeitschrift REPUBLIKA fasste es in einem Artikel in der Nummer 25 (4.8.2006) treffend zusammen: Lettland ist das EU-Land mit dem steilsten Wirtschaftsaufschwung und den niedrigsten Löhnen. Die Gegensätze wachsen also, und niemand möchte mehr zur "falschen" Seite gehören. Lediglich 129 Euro wird in Lettland als minimaler Monatslohn gezahlt - da zieht es Zehntausende bereits lieber als Hilfsarbeiter nach Irland (Minimallohn 1293 Euro).

Kein Wunder also, dass Martin Böhm für die Klienten seiner HVB Bank in Riga bereits Facharbeitermangel registrieren muss. Als weiterhin auffällig referierte Böhm auf der Hamburger Veranstaltung die weiter stark zunehmende starke Verschuldung privater Haushalte in Lettland. Jedes Jahr steige die private Kreditvergabe der Banken um 30-40%. Konsumsteigerung auf Pump?
Trotz aller schönen Zahlen und Statistiken wird man sich also um die Nachhaltigkeit des lettischen Wirtschaftswachstums Sorgen machen dürfen (und müssen).

Optimismus - eine Berufskrankheit?
Lettland-Freunde werden den von vielen aktiven und tatkräftigen lettischen Geschäftsleuten offen zur Schau getragenen Optimismus kaum kritisieren wollen. Nur allzu oft krankte die lettische Selbstdarstellung im Ausland in den vergangenen Jahren an mangelnder Professionalität und falsch verstandener Höflichkeit gegenüber wirtschaftlich potentiellen Finazgebern.
Nur allzu sehr ist auch bekannt, wie wenig Alternativen Lettland hat: sozialistischen Bauernfängern werden die Letten so schnell ebenso wenig wieder in die Arme fallen wollen wie allzu europafreundlichen Illusionisten. Bei aller Sympathie für eine notwendige positive eigene Perspektive für Lettland ist damit auch genug Grund gegeben, die Letten bei ihren energischen Anstrengungen, ihr Land umzustruktuieren und eigenständig zu verwalten, von deutscher Seite auch genauso entschieden zu unterstützen.